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Henel, Christoph: Die itzt abfallende und wandernde Blätter Als Ein Bilde des Lebens und Außganges. Schlichtingsheim, [1692].

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und wandernde Blätter.
schöne grüne und lebhafft in noch schönerm und recht gölde-
nem Grunde/ mit dem Bey-Worte der Uberschrifft:
Viguerunt. Oder: Claruerunt:

Wohlgestammet/ wohlgegrünet/
GOtt und Nechstem gern gedienet.

Und unter solcher Bildung und Vorstellung werden Sie
nun alsobald Jhren (der wohl-seel. Fr. Glaubitzin) Vor-
nehmen Geschlechts-Stamm oder Baum/ daraus diese be-
nennte Blätter entsprossen/ ihren Ursprung genommen und
Wachsthum bekommen/ sambt deren eigenen guten Arth/
erwiesenen Krafft und Tugend/ gleich alsobald deutlich be-
mercket und bezeichnet finden. Blätter wachsen jenicht oh-
ne Stamm und Wurtzel; Sondern wo dieselben sind/ da zeu-
gen sie auch von ihrer Wurtzel/ woraus sie entsprossen; Sie
weisen auff den Stamm woran sie stehen/ und von dem sie ge-
tragen und gehalten werden/ Leben/ Safft und Nahrung
aus ihm ziehen/ umb daß sie/ was sie seyn/ auch sein und blei-
ben können. Umb so viel Edler nun der Stamm und Baum
ist; Umb so viel edler und vortrefflicher werden auch in alle-
wege die Aeste und Blätter geachtet/ die selbter treibet/ her-
vorspriesset und schiesset: Absonderlich weil man doch dafür
glauben und halten muß/ daß sie der Natur des Stamm-
Baumes sehr nahe kommen/ und dessen Tugend-Krafft an
sich haben und erweisen. Denn hat man gleich noch so viel
Seltenheiten in der Natur sonst angemercket; So ist doch
kaum erhöret und erfahren worden/ das LorbeerBäume in
Papelblätter/ Palmen in Nesselblätter außgeschlagen/ und
die hervor getrieben; sondern die Blätter sind immer dem

Stam-
C 2

und wandernde Blaͤtter.
ſchoͤne gruͤne und lebhafft in noch ſchoͤnerm und recht goͤlde-
nem Grunde/ mit dem Bey-Worte der Uberſchrifft:
Viguêrunt. Oder: Claruêrunt:

Wohlgeſtammet/ wohlgegruͤnet/
GOtt und Nechſtem gern gedienet.

Und unter ſolcher Bildung und Vorſtellung werden Sie
nun alſobald Jhren (der wohl-ſeel. Fr. Glaubitzin) Vor-
nehmen Geſchlechts-Stam̃ oder Baum/ daraus dieſe be-
nennte Blaͤtter entſproſſen/ ihren Urſprung genom̃en und
Wachsthum bekommen/ ſambt deren eigenen guten Arth/
erwieſenen Krafft und Tugend/ gleich alſobald deutlich be-
mercket und bezeichnet finden. Blaͤtter wachſen jenicht oh-
ne Stam̃ und Wurtzel; Sondern wo dieſelben ſind/ da zeu-
gen ſie auch von ihrer Wurtzel/ woraus ſie entſproſſen; Sie
weiſen auff den Stam̃ woran ſie ſtehen/ und von dem ſie ge-
tragen und gehalten werden/ Leben/ Safft und Nahrung
aus ihm ziehen/ umb daß ſie/ was ſie ſeyn/ auch ſein und blei-
ben koͤnnen. Umb ſo viel Edler nun der Stam̃ und Baum
iſt; Umb ſo viel edler und vortrefflicher werden auch in alle-
wege die Aeſte und Blaͤtter geachtet/ die ſelbter treibet/ her-
vorſprieſſet und ſchieſſet: Abſonderlich weil man doch dafuͤr
glauben und halten muß/ daß ſie der Natur des Stamm-
Baumes ſehr nahe kommen/ und deſſen Tugend-Krafft an
ſich haben und erweiſen. Denn hat man gleich noch ſo viel
Seltenheiten in der Natur ſonſt angemercket; So iſt doch
kaum erhoͤret und erfahren worden/ das LorbeerBaͤume in
Papelblaͤtter/ Palmen in Neſſelblaͤtter außgeſchlagen/ und
die hervor getrieben; ſondern die Blaͤtter ſind immer dem

Stam-
C 2
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[19/0019] und wandernde Blaͤtter. ſchoͤne gruͤne und lebhafft in noch ſchoͤnerm und recht goͤlde- nem Grunde/ mit dem Bey-Worte der Uberſchrifft: Viguêrunt. Oder: Claruêrunt: Wohlgeſtammet/ wohlgegruͤnet/ GOtt und Nechſtem gern gedienet. Und unter ſolcher Bildung und Vorſtellung werden Sie nun alſobald Jhren (der wohl-ſeel. Fr. Glaubitzin) Vor- nehmen Geſchlechts-Stam̃ oder Baum/ daraus dieſe be- nennte Blaͤtter entſproſſen/ ihren Urſprung genom̃en und Wachsthum bekommen/ ſambt deren eigenen guten Arth/ erwieſenen Krafft und Tugend/ gleich alſobald deutlich be- mercket und bezeichnet finden. Blaͤtter wachſen jenicht oh- ne Stam̃ und Wurtzel; Sondern wo dieſelben ſind/ da zeu- gen ſie auch von ihrer Wurtzel/ woraus ſie entſproſſen; Sie weiſen auff den Stam̃ woran ſie ſtehen/ und von dem ſie ge- tragen und gehalten werden/ Leben/ Safft und Nahrung aus ihm ziehen/ umb daß ſie/ was ſie ſeyn/ auch ſein und blei- ben koͤnnen. Umb ſo viel Edler nun der Stam̃ und Baum iſt; Umb ſo viel edler und vortrefflicher werden auch in alle- wege die Aeſte und Blaͤtter geachtet/ die ſelbter treibet/ her- vorſprieſſet und ſchieſſet: Abſonderlich weil man doch dafuͤr glauben und halten muß/ daß ſie der Natur des Stamm- Baumes ſehr nahe kommen/ und deſſen Tugend-Krafft an ſich haben und erweiſen. Denn hat man gleich noch ſo viel Seltenheiten in der Natur ſonſt angemercket; So iſt doch kaum erhoͤret und erfahren worden/ das LorbeerBaͤume in Papelblaͤtter/ Palmen in Neſſelblaͤtter außgeſchlagen/ und die hervor getrieben; ſondern die Blaͤtter ſind immer dem Stam- C 2

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Zitationshilfe: Henel, Christoph: Die itzt abfallende und wandernde Blätter Als Ein Bilde des Lebens und Außganges. Schlichtingsheim, [1692], S. 19. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/359521/19>, abgerufen am 20.03.2019.