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Henel, Christoph: Die itzt abfallende und wandernde Blätter Als Ein Bilde des Lebens und Außganges. Schlichtingsheim, [1692].

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Die itzt abfallende
und zerbrochen/ und also hiermit alle dem entzogen und ent-
rissen. Und zeigen demnach die Blätter mit ihren Zufällen
auch vors Ander deutlich an/ was den Menschen als Blät-
tern täglich/ und also noch eher als den Blättern sonsten/ zu-
stossen und begegnen/ und was sie darüber leichtlich werden
können. Blätter müssen insgemein gewärtig seyn/ daß sie
bald von dem Winde grausam angestürmet; Bald von der
Sonnen verbrennet; Bald von der Lufft vergifftet; Bald
vom Wurme angestochen; Bald von Hagel/ Regen und
Meelthau befallen; Bald auf andere Weise beschädiget und
verderbet werden: Darüber sie endlich falben und welcken/
sich zur Erden hängen/ neigen und beügen/ ja wohl gar auf
die Erde fallen und zu Erden werden. Was an diesen/ mag
gar leichte auch an den Menschen erfolgen und geschehen:
Ja es ergehet und geschiehet an ihnen/ ehe man sichs offte
wohl vermuthet und versiehet. Denn gleichwie sie so wohl
als die Blätter Regen und Winde/ Schlossen und Ungewit-
ter vieler Kranckheit/ Trübsal und Wiederwärtigkeit auß-
gesetzet sind/ und diesem herhalten müssen/ so lange sie in der
Welt stehen: So kan es je nicht anders seyn/ sie müssen end-
lich gleich jenen welck und schwach/ elend und ohnmächtig
werden; Sie müssen sich schrunden und runtzeln/ wancken
und schwancken/ ja zu letzte gar abfallen/ und von dem To-
des-Winde weg und dahin geführet werden/ und die Uber-
schrifft bekommen:

Wie die Blätter itzo wandern/
Jmmer eines nach dem andern/
So gehts auch uns Menschen allen/
Daß wir welcken und abfallen.
Denn

Die itzt abfallende
und zerbrochen/ und alſo hiermit alle dem entzogen und ent-
riſſen. Und zeigen demnach die Blaͤtter mit ihren Zufaͤllen
auch vors Ander deutlich an/ was den Menſchen als Blaͤt-
tern taͤglich/ und alſo noch eher als den Blaͤttern ſonſten/ zu-
ſtoſſen und begegnen/ und was ſie daruͤber leichtlich werden
koͤnnen. Blaͤtter muͤſſen insgemein gewaͤrtig ſeyn/ daß ſie
bald von dem Winde grauſam angeſtuͤrmet; Bald von der
Sonnen verbrennet; Bald von der Lufft vergifftet; Bald
vom Wurme angeſtochen; Bald von Hagel/ Regen und
Meelthau befallen; Bald auf andere Weiſe beſchaͤdiget und
verderbet werden: Daruͤber ſie endlich falben und welcken/
ſich zur Erden haͤngen/ neigen und beuͤgen/ ja wohl gar auf
die Erde fallen und zu Erden werden. Was an dieſen/ mag
gar leichte auch an den Menſchen erfolgen und geſchehen:
Ja es ergehet und geſchiehet an ihnen/ ehe man ſichs offte
wohl vermuthet und verſiehet. Denn gleichwie ſie ſo wohl
als die Blaͤtter Regen und Winde/ Schloſſen und Ungewit-
ter vieler Kranckheit/ Truͤbſal und Wiederwaͤrtigkeit auß-
geſetzet ſind/ und dieſem herhalten muͤſſen/ ſo lange ſie in der
Welt ſtehen: So kan es je nicht anders ſeyn/ ſie muͤſſen end-
lich gleich jenen welck und ſchwach/ elend und ohnmaͤchtig
werden; Sie muͤſſen ſich ſchrunden und runtzeln/ wancken
und ſchwancken/ ja zu letzte gar abfallen/ und von dem To-
des-Winde weg und dahin gefuͤhret werden/ und die Uber-
ſchrifft bekommen:

Wie die Blaͤtter itzo wandern/
Jmmer eines nach dem andern/
So gehts auch uns Menſchen allen/
Daß wir welcken und abfallen.
Denn
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[8/0008] Die itzt abfallende und zerbrochen/ und alſo hiermit alle dem entzogen und ent- riſſen. Und zeigen demnach die Blaͤtter mit ihren Zufaͤllen auch vors Ander deutlich an/ was den Menſchen als Blaͤt- tern taͤglich/ und alſo noch eher als den Blaͤttern ſonſten/ zu- ſtoſſen und begegnen/ und was ſie daruͤber leichtlich werden koͤnnen. Blaͤtter muͤſſen insgemein gewaͤrtig ſeyn/ daß ſie bald von dem Winde grauſam angeſtuͤrmet; Bald von der Sonnen verbrennet; Bald von der Lufft vergifftet; Bald vom Wurme angeſtochen; Bald von Hagel/ Regen und Meelthau befallen; Bald auf andere Weiſe beſchaͤdiget und verderbet werden: Daruͤber ſie endlich falben und welcken/ ſich zur Erden haͤngen/ neigen und beuͤgen/ ja wohl gar auf die Erde fallen und zu Erden werden. Was an dieſen/ mag gar leichte auch an den Menſchen erfolgen und geſchehen: Ja es ergehet und geſchiehet an ihnen/ ehe man ſichs offte wohl vermuthet und verſiehet. Denn gleichwie ſie ſo wohl als die Blaͤtter Regen und Winde/ Schloſſen und Ungewit- ter vieler Kranckheit/ Truͤbſal und Wiederwaͤrtigkeit auß- geſetzet ſind/ und dieſem herhalten muͤſſen/ ſo lange ſie in der Welt ſtehen: So kan es je nicht anders ſeyn/ ſie muͤſſen end- lich gleich jenen welck und ſchwach/ elend und ohnmaͤchtig werden; Sie muͤſſen ſich ſchrunden und runtzeln/ wancken und ſchwancken/ ja zu letzte gar abfallen/ und von dem To- des-Winde weg und dahin gefuͤhret werden/ und die Uber- ſchrifft bekommen: Wie die Blaͤtter itzo wandern/ Jmmer eines nach dem andern/ So gehts auch uns Menſchen allen/ Daß wir welcken und abfallen. Denn

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Zitationshilfe: Henel, Christoph: Die itzt abfallende und wandernde Blätter Als Ein Bilde des Lebens und Außganges. Schlichtingsheim, [1692], S. 8. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/359521/8>, abgerufen am 20.03.2019.