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Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 2. Berlin, 1852.

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Viertes Kapitel.
Der Legationsrath.

Man hätte eine der chamäleonischen Verwand¬
lungen, von denen sie sprach, in der Geheimräthin
selbst erblickt, als sie auf dem Kanapee dem gefeierten
Manne gegenüber saß. Ihre Wangen waren ange¬
haucht, ihr Auge glänzte lebhafter, die Schärfe ihrer
Züge hatte sich gemildert; wie sanft klang ihre Stimme,
während ihre Finger sich mit den Polsterquasten der
Sophalehne beschäftigten.

Er war derselbe. Sein Gesicht schien sich nicht
verwandeln zu können. Die dunkeln Augen konnten
dominiren; ihr gewöhnlicher Ausdruck aber war der
des Observirens. Er las, was in der Seele stand,
aber man konnte, was er gelesen, im Spiegel seines
Auges nicht wieder lesen. Leidenschaften hatten dies
Auge entzündet und ihre Spuren waren auf dem
edel geformten Gesichte unverkennbar, allein er hatte
die Ruhe der Betrachtung gewonnen, die sich von
kleinen Emotionen nicht mehr irren läßt.

Die Geheimräthin war in der Regel die Erste

Viertes Kapitel.
Der Legationsrath.

Man hätte eine der chamäleoniſchen Verwand¬
lungen, von denen ſie ſprach, in der Geheimräthin
ſelbſt erblickt, als ſie auf dem Kanapee dem gefeierten
Manne gegenüber ſaß. Ihre Wangen waren ange¬
haucht, ihr Auge glänzte lebhafter, die Schärfe ihrer
Züge hatte ſich gemildert; wie ſanft klang ihre Stimme,
während ihre Finger ſich mit den Polſterquaſten der
Sophalehne beſchäftigten.

Er war derſelbe. Sein Geſicht ſchien ſich nicht
verwandeln zu können. Die dunkeln Augen konnten
dominiren; ihr gewöhnlicher Ausdruck aber war der
des Obſervirens. Er las, was in der Seele ſtand,
aber man konnte, was er geleſen, im Spiegel ſeines
Auges nicht wieder leſen. Leidenſchaften hatten dies
Auge entzündet und ihre Spuren waren auf dem
edel geformten Geſichte unverkennbar, allein er hatte
die Ruhe der Betrachtung gewonnen, die ſich von
kleinen Emotionen nicht mehr irren läßt.

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[[60]/0070] Viertes Kapitel. Der Legationsrath. Man hätte eine der chamäleoniſchen Verwand¬ lungen, von denen ſie ſprach, in der Geheimräthin ſelbſt erblickt, als ſie auf dem Kanapee dem gefeierten Manne gegenüber ſaß. Ihre Wangen waren ange¬ haucht, ihr Auge glänzte lebhafter, die Schärfe ihrer Züge hatte ſich gemildert; wie ſanft klang ihre Stimme, während ihre Finger ſich mit den Polſterquaſten der Sophalehne beſchäftigten. Er war derſelbe. Sein Geſicht ſchien ſich nicht verwandeln zu können. Die dunkeln Augen konnten dominiren; ihr gewöhnlicher Ausdruck aber war der des Obſervirens. Er las, was in der Seele ſtand, aber man konnte, was er geleſen, im Spiegel ſeines Auges nicht wieder leſen. Leidenſchaften hatten dies Auge entzündet und ihre Spuren waren auf dem edel geformten Geſichte unverkennbar, allein er hatte die Ruhe der Betrachtung gewonnen, die ſich von kleinen Emotionen nicht mehr irren läßt. Die Geheimräthin war in der Regel die Erſte

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Zitationshilfe: Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 2. Berlin, 1852, S. [60]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe02_1852/70>, abgerufen am 07.04.2020.