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Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 3. Berlin, 1852.

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Wenn sie das gewollt, warum nur die Nach¬
schrift? Warum hatte sie den Brief nicht zerrissen,
einen neuen geschrieben, oder die Absendung ganz
unterlassen? Sie befand sich also in einer Aufregung,
welche ihr die Besinnung geraubt, und in diesem
Zustande hatte ihr Herz nach ihm verlangt. An ihn
hatte sie zuerst gedacht, als sie nach Rettung auf¬
schrie. Die Resignation war erst nachher gekommen.
Er war aufgesprungen, sein Entschluß gefaßt, nur
ihrem ersten Willen zu gehorchen, und eben hatte er
den Ueberrock vom Nagel gerissen, als ein zweites
Billet von unbekannter Hand ihm überbracht ward.
Der Bote war verschwunden, das Wirthsmädchen
hatte nicht nach dem Absender gefragt, und der
unterzeichnete Name, als er es aufgerissen, war ihm
fremd. Jemand, der sich einen Secretair des neuen
Ministers nannte, forderte ihn auf, sich morgen in
einer Frühstunde bei demselben melden zu lassen, indem
Se. Excellenz ihn kennen zu lernen wünsche. Auch
hier ein Postscript des Inhalts, daß der Minister
bereit sei, ihn schon heute Nachmittag zu empfangen.
Die Stunde war benannt, und Walter hätte eben nur
Zeit gehabt, seine Toilette darnach einzurichten, wenn
er der letzteren Weisung, die fast wie ein Befehl
klang, Folge leisten wollen.

Was wollte der Minister von ihm? -- Natürlich,
er hatte seine Schrift gelesen, seine Ansichten hatten
ihn angesprochen, er wollte mit dem Verfasser --
"Endlich!" brach es von seinen Lippen, und seine

Wenn ſie das gewollt, warum nur die Nach¬
ſchrift? Warum hatte ſie den Brief nicht zerriſſen,
einen neuen geſchrieben, oder die Abſendung ganz
unterlaſſen? Sie befand ſich alſo in einer Aufregung,
welche ihr die Beſinnung geraubt, und in dieſem
Zuſtande hatte ihr Herz nach ihm verlangt. An ihn
hatte ſie zuerſt gedacht, als ſie nach Rettung auf¬
ſchrie. Die Reſignation war erſt nachher gekommen.
Er war aufgeſprungen, ſein Entſchluß gefaßt, nur
ihrem erſten Willen zu gehorchen, und eben hatte er
den Ueberrock vom Nagel geriſſen, als ein zweites
Billet von unbekannter Hand ihm überbracht ward.
Der Bote war verſchwunden, das Wirthsmädchen
hatte nicht nach dem Abſender gefragt, und der
unterzeichnete Name, als er es aufgeriſſen, war ihm
fremd. Jemand, der ſich einen Secretair des neuen
Miniſters nannte, forderte ihn auf, ſich morgen in
einer Frühſtunde bei demſelben melden zu laſſen, indem
Se. Excellenz ihn kennen zu lernen wünſche. Auch
hier ein Poſtſcript des Inhalts, daß der Miniſter
bereit ſei, ihn ſchon heute Nachmittag zu empfangen.
Die Stunde war benannt, und Walter hätte eben nur
Zeit gehabt, ſeine Toilette darnach einzurichten, wenn
er der letzteren Weiſung, die faſt wie ein Befehl
klang, Folge leiſten wollen.

Was wollte der Miniſter von ihm? — Natürlich,
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[221/0231] Wenn ſie das gewollt, warum nur die Nach¬ ſchrift? Warum hatte ſie den Brief nicht zerriſſen, einen neuen geſchrieben, oder die Abſendung ganz unterlaſſen? Sie befand ſich alſo in einer Aufregung, welche ihr die Beſinnung geraubt, und in dieſem Zuſtande hatte ihr Herz nach ihm verlangt. An ihn hatte ſie zuerſt gedacht, als ſie nach Rettung auf¬ ſchrie. Die Reſignation war erſt nachher gekommen. Er war aufgeſprungen, ſein Entſchluß gefaßt, nur ihrem erſten Willen zu gehorchen, und eben hatte er den Ueberrock vom Nagel geriſſen, als ein zweites Billet von unbekannter Hand ihm überbracht ward. Der Bote war verſchwunden, das Wirthsmädchen hatte nicht nach dem Abſender gefragt, und der unterzeichnete Name, als er es aufgeriſſen, war ihm fremd. Jemand, der ſich einen Secretair des neuen Miniſters nannte, forderte ihn auf, ſich morgen in einer Frühſtunde bei demſelben melden zu laſſen, indem Se. Excellenz ihn kennen zu lernen wünſche. Auch hier ein Poſtſcript des Inhalts, daß der Miniſter bereit ſei, ihn ſchon heute Nachmittag zu empfangen. Die Stunde war benannt, und Walter hätte eben nur Zeit gehabt, ſeine Toilette darnach einzurichten, wenn er der letzteren Weiſung, die faſt wie ein Befehl klang, Folge leiſten wollen. Was wollte der Miniſter von ihm? — Natürlich, er hatte ſeine Schrift geleſen, ſeine Anſichten hatten ihn angeſprochen, er wollte mit dem Verfaſſer — „Endlich!“ brach es von ſeinen Lippen, und ſeine

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Zitationshilfe: Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 3. Berlin, 1852, S. 221. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe03_1852/231>, abgerufen am 26.02.2020.