Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 4. Berlin, 1852.

Bild:
<< vorherige Seite
Achtes Kapitel.
Nationalität.

In einem andern Zimmer sah man Staats¬
männer, Gelehrte und Künstler sich um die Wirthin
bewegen. Die Zeitverhältnisse, die Politik, waren in
das Gespräch gezogen, aber mit jenem Takt, der
alles Bestimmte und Persönliche ausschloß.

Eine jener Stimmen war hier erklungen, die
damals nur wie vereinzelte Accorde, Trompetenstöße
aus einem mythischen Lande, in das Gewirr des
Tages schmetterten, um später zu einem rauschenden
Orgelton zu werden. Nicht daß nicht schon im Volke,
unter einzelnen Gelehrten, in den Universitäten und
Schulen, der Ruf der Nationalität vibrirte, den
später die Arndt und Andre zu einem mächtigen
Schlachtruf für die deutsche Nation erhoben, aber in
den höheren Kreisen der Gesellschaft verstummten
diese Töne, erstickten diese Luftzuckungen noch immer
an einer ganz andern Luftatmosphäre. Man hörte
sie an, nicht ungefällig, aber vornehm Beifall
lächelnd, wie man eine neue, überraschende Erfin¬

Achtes Kapitel.
Nationalität.

In einem andern Zimmer ſah man Staats¬
männer, Gelehrte und Künſtler ſich um die Wirthin
bewegen. Die Zeitverhältniſſe, die Politik, waren in
das Geſpräch gezogen, aber mit jenem Takt, der
alles Beſtimmte und Perſönliche ausſchloß.

Eine jener Stimmen war hier erklungen, die
damals nur wie vereinzelte Accorde, Trompetenſtöße
aus einem mythiſchen Lande, in das Gewirr des
Tages ſchmetterten, um ſpäter zu einem rauſchenden
Orgelton zu werden. Nicht daß nicht ſchon im Volke,
unter einzelnen Gelehrten, in den Univerſitäten und
Schulen, der Ruf der Nationalität vibrirte, den
ſpäter die Arndt und Andre zu einem mächtigen
Schlachtruf für die deutſche Nation erhoben, aber in
den höheren Kreiſen der Geſellſchaft verſtummten
dieſe Töne, erſtickten dieſe Luftzuckungen noch immer
an einer ganz andern Luftatmoſphäre. Man hörte
ſie an, nicht ungefällig, aber vornehm Beifall
lächelnd, wie man eine neue, überraſchende Erfin¬

<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0128" n="[118]"/>
      <div n="1">
        <head>Achtes Kapitel.<lb/><hi rendition="#b #g">Nationalität.</hi><lb/></head>
        <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        <p>In einem andern Zimmer &#x017F;ah man Staats¬<lb/>
männer, Gelehrte und Kün&#x017F;tler &#x017F;ich um die Wirthin<lb/>
bewegen. Die Zeitverhältni&#x017F;&#x017F;e, die Politik, waren in<lb/>
das Ge&#x017F;präch gezogen, aber mit jenem Takt, der<lb/>
alles Be&#x017F;timmte und Per&#x017F;önliche aus&#x017F;chloß.</p><lb/>
        <p>Eine jener Stimmen war hier erklungen, die<lb/>
damals nur wie vereinzelte Accorde, Trompeten&#x017F;töße<lb/>
aus einem mythi&#x017F;chen Lande, in das Gewirr des<lb/>
Tages &#x017F;chmetterten, um &#x017F;päter zu einem rau&#x017F;chenden<lb/>
Orgelton zu werden. Nicht daß nicht &#x017F;chon im Volke,<lb/>
unter einzelnen Gelehrten, in den Univer&#x017F;itäten und<lb/>
Schulen, der Ruf der Nationalität vibrirte, den<lb/>
&#x017F;päter die Arndt und Andre zu einem mächtigen<lb/>
Schlachtruf für die deut&#x017F;che Nation erhoben, aber in<lb/>
den höheren Krei&#x017F;en der Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft ver&#x017F;tummten<lb/>
die&#x017F;e Töne, er&#x017F;tickten die&#x017F;e Luftzuckungen noch immer<lb/>
an einer ganz andern Luftatmo&#x017F;phäre. Man hörte<lb/>
&#x017F;ie an, nicht ungefällig, aber vornehm Beifall<lb/>
lächelnd, wie man eine neue, überra&#x017F;chende Erfin¬<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[118]/0128] Achtes Kapitel. Nationalität. In einem andern Zimmer ſah man Staats¬ männer, Gelehrte und Künſtler ſich um die Wirthin bewegen. Die Zeitverhältniſſe, die Politik, waren in das Geſpräch gezogen, aber mit jenem Takt, der alles Beſtimmte und Perſönliche ausſchloß. Eine jener Stimmen war hier erklungen, die damals nur wie vereinzelte Accorde, Trompetenſtöße aus einem mythiſchen Lande, in das Gewirr des Tages ſchmetterten, um ſpäter zu einem rauſchenden Orgelton zu werden. Nicht daß nicht ſchon im Volke, unter einzelnen Gelehrten, in den Univerſitäten und Schulen, der Ruf der Nationalität vibrirte, den ſpäter die Arndt und Andre zu einem mächtigen Schlachtruf für die deutſche Nation erhoben, aber in den höheren Kreiſen der Geſellſchaft verſtummten dieſe Töne, erſtickten dieſe Luftzuckungen noch immer an einer ganz andern Luftatmoſphäre. Man hörte ſie an, nicht ungefällig, aber vornehm Beifall lächelnd, wie man eine neue, überraſchende Erfin¬

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe04_1852
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe04_1852/128
Zitationshilfe: Alexis, Willibald: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht oder Vor fünfzig Jahren. Bd. 4. Berlin, 1852, S. [118]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/alexis_ruhe04_1852/128>, abgerufen am 13.08.2020.