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Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].

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Wilhelm Arent.
Zum Ort des Todes ...

Aus tiefster Seele S. 70.

Zum Ort des Todes lenk' ich oft den Gang,
Dort wandl' ich still der Gräber Reih'n entlang.
Zuweilen les' ich, was auf schlichtem Stein
Die treue Liebe schrieb so rührend ein.
Der Großstadt Lärm nur traumhaft tönt an's Ohr,
Mich dünkt: in selige Au'n ich mich verlor.
Die Seele stirbt: es stirbt der ewige Schmerz,
Tiefsinnige Träume ziehen himmelwärts.
Ich bin der Falter, der zum Kelche strebt,
Ich bin das Stäubchen, das im Lichte webt.
Ich lebe und bin todt vieltausend Jahr,
Ich weiß, daß ich einst war und doch nicht war.
So dämmer' ich schrankenlos in Zeit und Raum,
Wie sich ein welkes Blatt loslöst vom Baum.


Weicht von mir ...

Aus tiefster Seele S. 73.

Weicht von mir, ihr Bilder-lockender Lüste,
Ihr schwellender Leiber weißwogende Brüste,
Ihr dunkler Augen feuchtschimmernde Gluthen,
Ihr Lippen so süß im Kuß zu verbluten!
Nicht will ich umschlungen von weichen Armen,
Umkost von des Weibes Dufthauch, dem warmen,
Die Sinne letzen im Taumel der Wonne --
Zu dir die Seele hinaufstrebt, Ursonne!
O laß mich baden in seliger Klarheit!
O sprich zu mir: ewige göttliche Wahrheit!


Wilhelm Arent.
Zum Ort des Todes …

Aus tiefſter Seele S. 70.

Zum Ort des Todes lenk’ ich oft den Gang,
Dort wandl’ ich ſtill der Gräber Reih’n entlang.
Zuweilen leſ’ ich, was auf ſchlichtem Stein
Die treue Liebe ſchrieb ſo rührend ein.
Der Großſtadt Lärm nur traumhaft tönt an’s Ohr,
Mich dünkt: in ſelige Au’n ich mich verlor.
Die Seele ſtirbt: es ſtirbt der ewige Schmerz,
Tiefſinnige Träume ziehen himmelwärts.
Ich bin der Falter, der zum Kelche ſtrebt,
Ich bin das Stäubchen, das im Lichte webt.
Ich lebe und bin todt vieltauſend Jahr,
Ich weiß, daß ich einſt war und doch nicht war.
So dämmer’ ich ſchrankenlos in Zeit und Raum,
Wie ſich ein welkes Blatt loslöſt vom Baum.


Weicht von mir …

Aus tiefſter Seele S. 73.

Weicht von mir, ihr Bilder-lockender Lüſte,
Ihr ſchwellender Leiber weißwogende Brüſte,
Ihr dunkler Augen feuchtſchimmernde Gluthen,
Ihr Lippen ſo ſüß im Kuß zu verbluten!
Nicht will ich umſchlungen von weichen Armen,
Umkoſt von des Weibes Dufthauch, dem warmen,
Die Sinne letzen im Taumel der Wonne —
Zu dir die Seele hinaufſtrebt, Urſonne!
O laß mich baden in ſeliger Klarheit!
O ſprich zu mir: ewige göttliche Wahrheit!


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[7/0025] Wilhelm Arent. Zum Ort des Todes … Aus tiefſter Seele S. 70. Zum Ort des Todes lenk’ ich oft den Gang, Dort wandl’ ich ſtill der Gräber Reih’n entlang. Zuweilen leſ’ ich, was auf ſchlichtem Stein Die treue Liebe ſchrieb ſo rührend ein. Der Großſtadt Lärm nur traumhaft tönt an’s Ohr, Mich dünkt: in ſelige Au’n ich mich verlor. Die Seele ſtirbt: es ſtirbt der ewige Schmerz, Tiefſinnige Träume ziehen himmelwärts. Ich bin der Falter, der zum Kelche ſtrebt, Ich bin das Stäubchen, das im Lichte webt. Ich lebe und bin todt vieltauſend Jahr, Ich weiß, daß ich einſt war und doch nicht war. So dämmer’ ich ſchrankenlos in Zeit und Raum, Wie ſich ein welkes Blatt loslöſt vom Baum. Weicht von mir … Aus tiefſter Seele S. 73. Weicht von mir, ihr Bilder-lockender Lüſte, Ihr ſchwellender Leiber weißwogende Brüſte, Ihr dunkler Augen feuchtſchimmernde Gluthen, Ihr Lippen ſo ſüß im Kuß zu verbluten! Nicht will ich umſchlungen von weichen Armen, Umkoſt von des Weibes Dufthauch, dem warmen, Die Sinne letzen im Taumel der Wonne — Zu dir die Seele hinaufſtrebt, Urſonne! O laß mich baden in ſeliger Klarheit! O ſprich zu mir: ewige göttliche Wahrheit!

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Zitationshilfe: Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885], S. 7. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arent_dichtercharaktere_1885/25>, abgerufen am 21.08.2018.