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Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].

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Karl Henckell.
Natur.

Skizzenbuch.

Natur, allheil'ge
Heilende Göttin,
An deinen vollen,
Nährenden Brüsten
Lieg' ich und schlürfe
Milch des Lebens.
Aus deinem Munde
Geht des Windes
Wunderathem
Und löscht mit schnell
Vergang'nen Wetters
Feuchtem Hauch
Der Wangen stürmisch
Aus Herzenstiefen
Steigende Hochgluth.
Deiner Locken
Grüne Fluthen
Wogen rauschend
Ueber mir,
Und nieder schaut
Dein blaues, klares,
Glänzendes Auge
Wonnig lächelnd.
O, Lebensschauer
Der Weseneinheit,
Verschlung'nes Weben
Des Weltenall's!
Ich seh' es fluthen
In ew'gem Strome,
Ich seh' es wachsen
Zu ew'gem Bau.
Such' ich die Quelle,
So sprüht ein Nebel
Und hüllt den Blick mir,
Und wo begründet,
Des Hauses Pfeiler,
Die Räthselstelle
Ich fand sie nicht.
18
Karl Henckell.
Natur.

Skizzenbuch.

Natur, allheil’ge
Heilende Göttin,
An deinen vollen,
Nährenden Brüſten
Lieg’ ich und ſchlürfe
Milch des Lebens.
Aus deinem Munde
Geht des Windes
Wunderathem
Und löſcht mit ſchnell
Vergang’nen Wetters
Feuchtem Hauch
Der Wangen ſtürmiſch
Aus Herzenstiefen
Steigende Hochgluth.
Deiner Locken
Grüne Fluthen
Wogen rauſchend
Ueber mir,
Und nieder ſchaut
Dein blaues, klares,
Glänzendes Auge
Wonnig lächelnd.
O, Lebensſchauer
Der Weſeneinheit,
Verſchlung’nes Weben
Des Weltenall’s!
Ich ſeh’ es fluthen
In ew’gem Strome,
Ich ſeh’ es wachſen
Zu ew’gem Bau.
Such’ ich die Quelle,
So ſprüht ein Nebel
Und hüllt den Blick mir,
Und wo begründet,
Des Hauſes Pfeiler,
Die Räthſelſtelle
Ich fand ſie nicht.
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[273/0291] Karl Henckell. Natur. Skizzenbuch. Natur, allheil’ge Heilende Göttin, An deinen vollen, Nährenden Brüſten Lieg’ ich und ſchlürfe Milch des Lebens. Aus deinem Munde Geht des Windes Wunderathem Und löſcht mit ſchnell Vergang’nen Wetters Feuchtem Hauch Der Wangen ſtürmiſch Aus Herzenstiefen Steigende Hochgluth. Deiner Locken Grüne Fluthen Wogen rauſchend Ueber mir, Und nieder ſchaut Dein blaues, klares, Glänzendes Auge Wonnig lächelnd. O, Lebensſchauer Der Weſeneinheit, Verſchlung’nes Weben Des Weltenall’s! Ich ſeh’ es fluthen In ew’gem Strome, Ich ſeh’ es wachſen Zu ew’gem Bau. Such’ ich die Quelle, So ſprüht ein Nebel Und hüllt den Blick mir, Und wo begründet, Des Hauſes Pfeiler, Die Räthſelſtelle Ich fand ſie nicht. 18

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Zitationshilfe: Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885], S. 273. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arent_dichtercharaktere_1885/291>, abgerufen am 21.08.2018.