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Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885].

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Oscar Linke.
Ein goldner Kaisertraum.

Originalbeitrag.

Kennst du das Zaubereiland,
Das fern im Süden liegt,
Das leis' in ew'gen Schlummer
Die Meereswelle wiegt?
Hier blüht noch der Orangen
Und Myrten Hain so schön,
Hier schimmert noch so blendend weiß
Der Schnee auf Bergeshöh'n.
O siehst du, wie die Welle
Als wie ein kleines Kind
Umkos't, umspielt das Eiland
So weich, so schmeichelnd lind?
Wohl liegt der Schnee so blendend
Hoch um des Aetna Firn',
Und doch wie Trauer, still und groß,
Umwebt's der Insel Stirn.
Wo blieb, der einst hier ragte
Am Meere, der Palast,
Der jeden Gott begrüßte
Als hochwillkomm'nen Gast?
Wo blieb, das ihn durchrauschte,
Das purpurne Gewand,
Darauf so stolz in goldnem Grund
Ein rother Löwe stand?
Verschollen sind die Lieder
Des deutschen Minnesangs,
Verblichen auf dem Eiland
Des Orient's Mährchenglanz;
Der Minnehof der Schönheit,
Die Weisheit hochgelehrt,
Sie wichen, seit verrostete
Das Hohenstaufenschwert!

Oscar Linke.
Ein goldner Kaiſertraum.

Originalbeitrag.

Kennſt du das Zaubereiland,
Das fern im Süden liegt,
Das leiſ’ in ew’gen Schlummer
Die Meereswelle wiegt?
Hier blüht noch der Orangen
Und Myrten Hain ſo ſchön,
Hier ſchimmert noch ſo blendend weiß
Der Schnee auf Bergeshöh’n.
O ſiehſt du, wie die Welle
Als wie ein kleines Kind
Umkoſ’t, umſpielt das Eiland
So weich, ſo ſchmeichelnd lind?
Wohl liegt der Schnee ſo blendend
Hoch um des Aetna Firn’,
Und doch wie Trauer, ſtill und groß,
Umwebt’s der Inſel Stirn.
Wo blieb, der einſt hier ragte
Am Meere, der Palaſt,
Der jeden Gott begrüßte
Als hochwillkomm’nen Gaſt?
Wo blieb, das ihn durchrauſchte,
Das purpurne Gewand,
Darauf ſo ſtolz in goldnem Grund
Ein rother Löwe ſtand?
Verſchollen ſind die Lieder
Des deutſchen Minneſangs,
Verblichen auf dem Eiland
Des Orient’s Mährchenglanz;
Der Minnehof der Schönheit,
Die Weisheit hochgelehrt,
Sie wichen, ſeit verroſtete
Das Hohenſtaufenſchwert!

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[32/0050] Oscar Linke. Ein goldner Kaiſertraum. Originalbeitrag. Kennſt du das Zaubereiland, Das fern im Süden liegt, Das leiſ’ in ew’gen Schlummer Die Meereswelle wiegt? Hier blüht noch der Orangen Und Myrten Hain ſo ſchön, Hier ſchimmert noch ſo blendend weiß Der Schnee auf Bergeshöh’n. O ſiehſt du, wie die Welle Als wie ein kleines Kind Umkoſ’t, umſpielt das Eiland So weich, ſo ſchmeichelnd lind? Wohl liegt der Schnee ſo blendend Hoch um des Aetna Firn’, Und doch wie Trauer, ſtill und groß, Umwebt’s der Inſel Stirn. Wo blieb, der einſt hier ragte Am Meere, der Palaſt, Der jeden Gott begrüßte Als hochwillkomm’nen Gaſt? Wo blieb, das ihn durchrauſchte, Das purpurne Gewand, Darauf ſo ſtolz in goldnem Grund Ein rother Löwe ſtand? Verſchollen ſind die Lieder Des deutſchen Minneſangs, Verblichen auf dem Eiland Des Orient’s Mährchenglanz; Der Minnehof der Schönheit, Die Weisheit hochgelehrt, Sie wichen, ſeit verroſtete Das Hohenſtaufenſchwert!

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Zitationshilfe: Arent, Wilhelm (Hrsg.): Moderne Dichter-Charaktere. Leipzig, [1885], S. 32. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arent_dichtercharaktere_1885/50>, abgerufen am 18.02.2019.