Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Achim von; Brentano, Clemens: Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Heidelberg, 1806.

Bild:
<< vorherige Seite

Die Wächter hielten sie bald an,
Sie sprach: "Laßt mich zum Vater gehn."

Wer ist ihr Vater, man sie fragt?
"Der Commandant" sie frei aussagt,
Der Eine Wächter aber spricht:
"Der Commandant kein Kind hat nicht."
An ihrer Kleidung man erkannt,
Daß sie auch sey von hohem Stand,
Ein Wächter sie geführet hat
Bis vor die Herren in der Stadt.
Die Jungfrau sagt und blieb dabey,
Der Commandant ihr Vater sey,
Und sey sie nur erst vor zwey Stund
Hinausgegangen da jetzund.
Den Herren nahm es Wunder sehr,
Man fragt, wo sie gewesen wär,
Ihr's Vaters Nahm, Stamm und Geschlecht,
Das mußte sie erklären recht.
Man suchte auf die alte Schrift,
Unter andern man auch dies antrift,
Daß sich ein Braut verloren hat
Zu Groß-Wardein in dieser Stadt.
Der Jahre Zahl man bald nachschlägt,
Hundert und zwanzig Jahr austrägt,
Die Jungfrau war so schön und klar,
Als wenn sie wäre fünfzehn Jahr.

Die Waͤchter hielten ſie bald an,
Sie ſprach: „Laßt mich zum Vater gehn.“

Wer iſt ihr Vater, man ſie fragt?
„Der Commandant“ ſie frei ausſagt,
Der Eine Waͤchter aber ſpricht:
„Der Commandant kein Kind hat nicht.“
An ihrer Kleidung man erkannt,
Daß ſie auch ſey von hohem Stand,
Ein Waͤchter ſie gefuͤhret hat
Bis vor die Herren in der Stadt.
Die Jungfrau ſagt und blieb dabey,
Der Commandant ihr Vater ſey,
Und ſey ſie nur erſt vor zwey Stund
Hinausgegangen da jetzund.
Den Herren nahm es Wunder ſehr,
Man fragt, wo ſie geweſen waͤr,
Ihr's Vaters Nahm, Stamm und Geſchlecht,
Das mußte ſie erklaͤren recht.
Man ſuchte auf die alte Schrift,
Unter andern man auch dies antrift,
Daß ſich ein Braut verloren hat
Zu Groß-Wardein in dieſer Stadt.
Der Jahre Zahl man bald nachſchlaͤgt,
Hundert und zwanzig Jahr austraͤgt,
Die Jungfrau war ſo ſchoͤn und klar,
Als wenn ſie waͤre fuͤnfzehn Jahr.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <lg n="21">
              <pb facs="#f0077" n="68"/>
              <l>Die Wa&#x0364;chter hielten &#x017F;ie bald an,</l><lb/>
              <l>Sie &#x017F;prach: &#x201E;Laßt mich zum Vater gehn.&#x201C;</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="22">
              <l>Wer i&#x017F;t ihr Vater, man &#x017F;ie fragt?</l><lb/>
              <l>&#x201E;Der Commandant&#x201C; &#x017F;ie frei aus&#x017F;agt,</l><lb/>
              <l>Der Eine Wa&#x0364;chter aber &#x017F;pricht:</l><lb/>
              <l>&#x201E;Der Commandant kein Kind hat nicht.&#x201C;</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="23">
              <l>An ihrer Kleidung man erkannt,</l><lb/>
              <l>Daß &#x017F;ie auch &#x017F;ey von hohem Stand,</l><lb/>
              <l>Ein Wa&#x0364;chter &#x017F;ie gefu&#x0364;hret hat</l><lb/>
              <l>Bis vor die Herren in der Stadt.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="24">
              <l>Die Jungfrau &#x017F;agt und blieb dabey,</l><lb/>
              <l>Der Commandant ihr Vater &#x017F;ey,</l><lb/>
              <l>Und &#x017F;ey &#x017F;ie nur er&#x017F;t vor zwey Stund</l><lb/>
              <l>Hinausgegangen da jetzund.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="25">
              <l>Den Herren nahm es Wunder &#x017F;ehr,</l><lb/>
              <l>Man fragt, wo &#x017F;ie gewe&#x017F;en wa&#x0364;r,</l><lb/>
              <l>Ihr's Vaters Nahm, Stamm und Ge&#x017F;chlecht,</l><lb/>
              <l>Das mußte &#x017F;ie erkla&#x0364;ren recht.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="26">
              <l>Man &#x017F;uchte auf die alte Schrift,</l><lb/>
              <l>Unter andern man auch dies antrift,</l><lb/>
              <l>Daß &#x017F;ich ein Braut verloren hat</l><lb/>
              <l>Zu Groß-Wardein in die&#x017F;er Stadt.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="27">
              <l>Der Jahre Zahl man bald nach&#x017F;chla&#x0364;gt,</l><lb/>
              <l>Hundert und zwanzig Jahr austra&#x0364;gt,</l><lb/>
              <l>Die Jungfrau war &#x017F;o &#x017F;cho&#x0364;n und klar,</l><lb/>
              <l>Als wenn &#x017F;ie wa&#x0364;re fu&#x0364;nfzehn Jahr.</l>
            </lg><lb/>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[68/0077] Die Waͤchter hielten ſie bald an, Sie ſprach: „Laßt mich zum Vater gehn.“ Wer iſt ihr Vater, man ſie fragt? „Der Commandant“ ſie frei ausſagt, Der Eine Waͤchter aber ſpricht: „Der Commandant kein Kind hat nicht.“ An ihrer Kleidung man erkannt, Daß ſie auch ſey von hohem Stand, Ein Waͤchter ſie gefuͤhret hat Bis vor die Herren in der Stadt. Die Jungfrau ſagt und blieb dabey, Der Commandant ihr Vater ſey, Und ſey ſie nur erſt vor zwey Stund Hinausgegangen da jetzund. Den Herren nahm es Wunder ſehr, Man fragt, wo ſie geweſen waͤr, Ihr's Vaters Nahm, Stamm und Geſchlecht, Das mußte ſie erklaͤren recht. Man ſuchte auf die alte Schrift, Unter andern man auch dies antrift, Daß ſich ein Braut verloren hat Zu Groß-Wardein in dieſer Stadt. Der Jahre Zahl man bald nachſchlaͤgt, Hundert und zwanzig Jahr austraͤgt, Die Jungfrau war ſo ſchoͤn und klar, Als wenn ſie waͤre fuͤnfzehn Jahr.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/arnim_wunderhorn01_1806
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/arnim_wunderhorn01_1806/77
Zitationshilfe: Arnim, Achim von; Brentano, Clemens: Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Heidelberg, 1806, S. 68. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arnim_wunderhorn01_1806/77>, abgerufen am 20.01.2021.