Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite

kam, daß ich dies Jahr Herz und Aug' für ihn offen
hatte, und im vorigen Jahr nicht.

Du hast mich geweckt mitten in lauen Sommer-
lüften, und da ich die Augen aufschlug, sah ich die
reifen Äpfel an goldnen Zweigen über mir schweben,
und da langt ich nach ihnen.

Adieu! in der Mutter Brief steht viel von Gall
und dem Gehirn; in dem meinigen viel vom Herzen.

Ich bitte, grüßen Sie den Doktor Schlosser in Ih-
ren Briefen an die Mutter nicht mehr mit mir in einer
Rubrik; es thut meinem armen Hochmuth gar zu weh.

Bettine.

Dein Kind, dein Herz, dein gut
Mädchen, das dem Goethe über al-
les lieb hat, und sich mit seinem An-
denken über alles trösten kann.

An Goethe.


Gestern saß ich der Mutter gegenüber auf meinem
Schemel, Sie sah mich an und sagte: Nun was giebt's?
-- warum siehst Du mich nicht an? -- ich wollte sie
solle mir erzählen; -- ich hatte den Kopf in meine Arme

kam, daß ich dies Jahr Herz und Aug' für ihn offen
hatte, und im vorigen Jahr nicht.

Du haſt mich geweckt mitten in lauen Sommer-
lüften, und da ich die Augen aufſchlug, ſah ich die
reifen Äpfel an goldnen Zweigen über mir ſchweben,
und da langt ich nach ihnen.

Adieu! in der Mutter Brief ſteht viel von Gall
und dem Gehirn; in dem meinigen viel vom Herzen.

Ich bitte, grüßen Sie den Doktor Schloſſer in Ih-
ren Briefen an die Mutter nicht mehr mit mir in einer
Rubrik; es thut meinem armen Hochmuth gar zu weh.

Bettine.

Dein Kind, dein Herz, dein gut
Mädchen, das dem Goethe über al-
les lieb hat, und ſich mit ſeinem An-
denken über alles tröſten kann.

An Goethe.


Geſtern ſaß ich der Mutter gegenüber auf meinem
Schemel, Sie ſah mich an und ſagte: Nun was giebt's?
— warum ſiehſt Du mich nicht an? — ich wollte ſie
ſolle mir erzählen; — ich hatte den Kopf in meine Arme

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0163" n="131"/>
kam, daß ich dies Jahr Herz und Aug' für ihn offen<lb/>
hatte, und im vorigen Jahr nicht.</p><lb/>
          <p>Du ha&#x017F;t mich geweckt mitten in lauen Sommer-<lb/>
lüften, und da ich die Augen auf&#x017F;chlug, &#x017F;ah ich die<lb/>
reifen Äpfel an goldnen Zweigen über mir &#x017F;chweben,<lb/>
und da langt ich nach ihnen.</p><lb/>
          <p>Adieu! in der Mutter Brief &#x017F;teht viel von Gall<lb/>
und dem Gehirn; in dem meinigen viel vom Herzen.</p><lb/>
          <p>Ich bitte, grüßen Sie den Doktor Schlo&#x017F;&#x017F;er in Ih-<lb/>
ren Briefen an die Mutter nicht mehr mit mir in einer<lb/>
Rubrik; es thut meinem armen Hochmuth gar zu weh.</p><lb/>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#et">Bettine.</hi> </salute>
          </closer><lb/>
          <postscript>
            <p> <hi rendition="#et">Dein Kind, dein Herz, dein gut<lb/>
Mädchen, das dem Goethe über al-<lb/>
les lieb hat, und &#x017F;ich mit &#x017F;einem An-<lb/>
denken über alles trö&#x017F;ten kann.</hi> </p>
          </postscript>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <opener>
            <salute>An Goethe.</salute><lb/>
            <dateline> <hi rendition="#et">18ten Juni.</hi> </dateline>
          </opener><lb/>
          <p>Ge&#x017F;tern &#x017F;aß ich der Mutter gegenüber auf meinem<lb/>
Schemel, Sie &#x017F;ah mich an und &#x017F;agte: Nun was giebt's?<lb/>
&#x2014; warum &#x017F;ieh&#x017F;t Du mich nicht an? &#x2014; ich wollte &#x017F;ie<lb/>
&#x017F;olle mir erzählen; &#x2014; ich hatte den Kopf in meine Arme<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[131/0163] kam, daß ich dies Jahr Herz und Aug' für ihn offen hatte, und im vorigen Jahr nicht. Du haſt mich geweckt mitten in lauen Sommer- lüften, und da ich die Augen aufſchlug, ſah ich die reifen Äpfel an goldnen Zweigen über mir ſchweben, und da langt ich nach ihnen. Adieu! in der Mutter Brief ſteht viel von Gall und dem Gehirn; in dem meinigen viel vom Herzen. Ich bitte, grüßen Sie den Doktor Schloſſer in Ih- ren Briefen an die Mutter nicht mehr mit mir in einer Rubrik; es thut meinem armen Hochmuth gar zu weh. Bettine. Dein Kind, dein Herz, dein gut Mädchen, das dem Goethe über al- les lieb hat, und ſich mit ſeinem An- denken über alles tröſten kann. An Goethe. 18ten Juni. Geſtern ſaß ich der Mutter gegenüber auf meinem Schemel, Sie ſah mich an und ſagte: Nun was giebt's? — warum ſiehſt Du mich nicht an? — ich wollte ſie ſolle mir erzählen; — ich hatte den Kopf in meine Arme

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835/163
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835, S. 131. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835/163>, abgerufen am 25.10.2020.