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Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835.

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mich von weitem an mit ihren zolllangen schwarzen
Augenwimpern, die andern Kinder lachten es aus und
sagten alle Menschen hielten sich drüber auf, daß es so
lange Wimpern habe. Es stand beschämt da, und fing
endlich an zu weinen. Ich tröstete es und sagte: Weil
Dich Gott zur Hüterin über die schönen weißen Gänse
bestellt hat, und Du immer auf freier Wiese gehest, wo
die Sonne so sehr blendet, so hat er Dir diese langen
Augenschatten wachsen lassen. Die Gänse drängten sich
an ihre weinende Hüterin, und zischten mich und die
lachenden Kinder an, könnt' ich malen -- das gäb' ein
Bild!

Gut ist's, daß ich nicht viel von dem weiß, was
in der Welt vorgeht, und von Künsten und Wissenschaf-
ten nichts versteh', ich könnte leicht in Versuchung ge-
rathen, Dir darüber zu sprechen, und meine Phantasie
würde alles besser wissen wollen, jetzt nährt sich mein
Geist von Inspirationen. -- Manches hör' ich nennen,
anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hin-
dert mich danach zu fragen? -- was macht mich so
gleichgültig dagegen? oder warum weiche ich wohl gar
aus, etwas Neues zu erfahren? --


mich von weitem an mit ihren zolllangen ſchwarzen
Augenwimpern, die andern Kinder lachten es aus und
ſagten alle Menſchen hielten ſich drüber auf, daß es ſo
lange Wimpern habe. Es ſtand beſchämt da, und fing
endlich an zu weinen. Ich tröſtete es und ſagte: Weil
Dich Gott zur Hüterin über die ſchönen weißen Gänſe
beſtellt hat, und Du immer auf freier Wieſe geheſt, wo
die Sonne ſo ſehr blendet, ſo hat er Dir dieſe langen
Augenſchatten wachſen laſſen. Die Gänſe drängten ſich
an ihre weinende Hüterin, und ziſchten mich und die
lachenden Kinder an, könnt' ich malen — das gäb' ein
Bild!

Gut iſt's, daß ich nicht viel von dem weiß, was
in der Welt vorgeht, und von Künſten und Wiſſenſchaf-
ten nichts verſteh', ich könnte leicht in Verſuchung ge-
rathen, Dir darüber zu ſprechen, und meine Phantaſie
würde alles beſſer wiſſen wollen, jetzt nährt ſich mein
Geiſt von Inſpirationen. — Manches hör' ich nennen,
anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hin-
dert mich danach zu fragen? — was macht mich ſo
gleichgültig dagegen? oder warum weiche ich wohl gar
aus, etwas Neues zu erfahren? —


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[242/0274] mich von weitem an mit ihren zolllangen ſchwarzen Augenwimpern, die andern Kinder lachten es aus und ſagten alle Menſchen hielten ſich drüber auf, daß es ſo lange Wimpern habe. Es ſtand beſchämt da, und fing endlich an zu weinen. Ich tröſtete es und ſagte: Weil Dich Gott zur Hüterin über die ſchönen weißen Gänſe beſtellt hat, und Du immer auf freier Wieſe geheſt, wo die Sonne ſo ſehr blendet, ſo hat er Dir dieſe langen Augenſchatten wachſen laſſen. Die Gänſe drängten ſich an ihre weinende Hüterin, und ziſchten mich und die lachenden Kinder an, könnt' ich malen — das gäb' ein Bild! Gut iſt's, daß ich nicht viel von dem weiß, was in der Welt vorgeht, und von Künſten und Wiſſenſchaf- ten nichts verſteh', ich könnte leicht in Verſuchung ge- rathen, Dir darüber zu ſprechen, und meine Phantaſie würde alles beſſer wiſſen wollen, jetzt nährt ſich mein Geiſt von Inſpirationen. — Manches hör' ich nennen, anwenden, vergleichen, was ich nicht begreife, was hin- dert mich danach zu fragen? — was macht mich ſo gleichgültig dagegen? oder warum weiche ich wohl gar aus, etwas Neues zu erfahren? —

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Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835, S. 242. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835/274>, abgerufen am 26.11.2020.