Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835.

Bild:
<< vorherige Seite

Ich habe so lange gezaudert, daher will ich dies
Blatt gleich fort schicken, und schlage es an meine Mut-
ter ein. Sage Dir alles selbst, wozu mir der Platz hier
nicht gegönnt ist, und lasse mich gleich von Dir hören.

G.

Überall wo es gut ist, da muß man zu früh ver-
lassen; -- so war es mir wahrlich gut bei Dir, drum
mußt' ich Dich zu früh verlassen.

Ein guter lieber Aufenthalt ist für mich, was das
fruchtbare Land einem Schiffer ist, der eine unsichre
Reise vor hat, er wird Vorrath einssammeln, so viel ihm
Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der ein-
samen weiten See ist, wenn die frischen Früchte schwin-
den, das süße Wasser! -- er sieht kein Ziel vor sich;
-- wie sehnsuchtsvoll wird die Erinnerung an's Land.
-- Jetzt geht mir's auch so, in zwei Tagen muß ich den
Rhein verlassen, um mit dem ganzen Familientroß in
Schlangenbad zusammen zu treffen. Ich war in dessen nicht
immerwährend hier, sonst hätte Dich schon lange wieder
eine Epistel von mir erreicht; viele Streifereien haben
mich abgehalten: die Reise in die Wetterau, von wel-

Ich habe ſo lange gezaudert, daher will ich dies
Blatt gleich fort ſchicken, und ſchlage es an meine Mut-
ter ein. Sage Dir alles ſelbſt, wozu mir der Platz hier
nicht gegönnt iſt, und laſſe mich gleich von Dir hören.

G.

Überall wo es gut iſt, da muß man zu früh ver-
laſſen; — ſo war es mir wahrlich gut bei Dir, drum
mußt' ich Dich zu früh verlaſſen.

Ein guter lieber Aufenthalt iſt für mich, was das
fruchtbare Land einem Schiffer iſt, der eine unſichre
Reiſe vor hat, er wird Vorrath einſsammeln, ſo viel ihm
Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der ein-
ſamen weiten See iſt, wenn die friſchen Früchte ſchwin-
den, das ſüße Waſſer! — er ſieht kein Ziel vor ſich;
— wie ſehnſuchtsvoll wird die Erinnerung an's Land.
— Jetzt geht mir's auch ſo, in zwei Tagen muß ich den
Rhein verlaſſen, um mit dem ganzen Familientroß in
Schlangenbad zuſammen zu treffen. Ich war in deſſen nicht
immerwährend hier, ſonſt hätte Dich ſchon lange wieder
eine Epiſtel von mir erreicht; viele Streifereien haben
mich abgehalten: die Reiſe in die Wetterau, von wel-

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0341" n="309"/>
          <p>Ich habe &#x017F;o lange gezaudert, daher will ich dies<lb/>
Blatt gleich fort &#x017F;chicken, und &#x017F;chlage es an meine Mut-<lb/>
ter ein. Sage Dir alles &#x017F;elb&#x017F;t, wozu mir der Platz hier<lb/>
nicht gegönnt i&#x017F;t, und la&#x017F;&#x017F;e mich gleich von Dir hören.</p><lb/>
          <closer>
            <salute> <hi rendition="#et">G.</hi> </salute>
          </closer>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <dateline> <hi rendition="#et">Am 8. Augu&#x017F;t.</hi> </dateline><lb/>
          <p>Überall wo es gut i&#x017F;t, da muß man zu früh ver-<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en; &#x2014; &#x017F;o war es mir wahrlich gut bei Dir, drum<lb/>
mußt' ich Dich zu früh verla&#x017F;&#x017F;en.</p><lb/>
          <p>Ein guter lieber Aufenthalt i&#x017F;t für mich, was das<lb/>
fruchtbare Land einem Schiffer i&#x017F;t, der eine un&#x017F;ichre<lb/>
Rei&#x017F;e vor hat, er wird Vorrath <choice><sic>ein&#x017F;ammlen</sic><corr>ein&#x017F;sammeln</corr></choice>, &#x017F;o viel ihm<lb/>
Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der ein-<lb/>
&#x017F;amen weiten See i&#x017F;t, wenn die fri&#x017F;chen Früchte &#x017F;chwin-<lb/>
den, das &#x017F;üße Wa&#x017F;&#x017F;er! &#x2014; er &#x017F;ieht kein Ziel vor &#x017F;ich;<lb/>
&#x2014; wie &#x017F;ehn&#x017F;uchtsvoll wird die Erinnerung an's Land.<lb/>
&#x2014; Jetzt geht mir's auch &#x017F;o, in zwei Tagen muß ich den<lb/>
Rhein verla&#x017F;&#x017F;en, um mit dem ganzen Familientroß in<lb/>
Schlangenbad zu&#x017F;ammen zu treffen. Ich war in de&#x017F;&#x017F;en nicht<lb/>
immerwährend hier, &#x017F;on&#x017F;t hätte Dich &#x017F;chon lange wieder<lb/>
eine Epi&#x017F;tel von mir erreicht; viele Streifereien haben<lb/>
mich abgehalten: die Rei&#x017F;e in die Wetterau, von wel-<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[309/0341] Ich habe ſo lange gezaudert, daher will ich dies Blatt gleich fort ſchicken, und ſchlage es an meine Mut- ter ein. Sage Dir alles ſelbſt, wozu mir der Platz hier nicht gegönnt iſt, und laſſe mich gleich von Dir hören. G. Am 8. Auguſt. Überall wo es gut iſt, da muß man zu früh ver- laſſen; — ſo war es mir wahrlich gut bei Dir, drum mußt' ich Dich zu früh verlaſſen. Ein guter lieber Aufenthalt iſt für mich, was das fruchtbare Land einem Schiffer iſt, der eine unſichre Reiſe vor hat, er wird Vorrath einſsammeln, ſo viel ihm Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der ein- ſamen weiten See iſt, wenn die friſchen Früchte ſchwin- den, das ſüße Waſſer! — er ſieht kein Ziel vor ſich; — wie ſehnſuchtsvoll wird die Erinnerung an's Land. — Jetzt geht mir's auch ſo, in zwei Tagen muß ich den Rhein verlaſſen, um mit dem ganzen Familientroß in Schlangenbad zuſammen zu treffen. Ich war in deſſen nicht immerwährend hier, ſonſt hätte Dich ſchon lange wieder eine Epiſtel von mir erreicht; viele Streifereien haben mich abgehalten: die Reiſe in die Wetterau, von wel-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835/341
Zitationshilfe: Arnim, Bettina von: Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde. Bd. 1. Berlin, 1835, S. 309. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/arnimb_goethe01_1835/341>, abgerufen am 25.10.2020.