Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite

dann seinen Schwiegersohn vom Militär losmachen. Munde verließ nur ungern jetzt seinen Vater, der fast nicht mehr vom Bette herunterkam und zusehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von ihm wissen und sagte immer: Laß du uns Beide -- er meinte sich und den Paßauf -- nur allein, geh du deiner Wege, sei glücklich so gut du's kannst. Du bist jung, bei dir verlohnt sich's noch, der Diebshehler zu sein, ich bin schon zu alt, ich wär' ein Narr, wenn ich erst so spät anfangen thät'! Martha versprach des kranken Mannes zu warten, Fränz ließ sich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptstadt zu reisen; was sie einmal wollte, das mußte auch geschehen.

Am Morgen, als Munde kam, schickte sie ihn noch einmal nach Hause, er mußte die neuen Kleider anziehen, die sie nach städtischer Tracht für ihn bestellt hatte. Als er wieder kam, knüpfte sie ihm das Halstuch nochmals anders und sagte dann frohlockend, sich vor ihn hinstellend:

So, siehst du? so, jetzt bist ein Mann, der sich sehen lassen darf.

Schon beim Einsteigen gab es Streit. Fränz behauptete, ein Brautpaar gehöre zusammen, und der Vater solle auf den Vordersitz und kutschiren; aber Munde willfahrte ihr nicht, und Fränz beruhigte sich erst, als ihr Munde sagte, daß die Herren in der Stadt oft selbst fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm wollte, daß Munde die Geldgurte umschnalle, und setzte selbstverrätherisch hinzu: In der Stadt kannst mir sie wieder geben.

Das leid' ich nicht, schrie Fränz, entweder -- oder, entweder behaltet Ihr die ganze Zeit die Geldgurte, oder mein Munde behält sie; er ist nicht Euer Knecht, er ist wenigstens grad so viel wie Ihr. Ihr könnet ja das Geld ins Kutschentruckle thun.

Das wollte aber Diethelm nicht, sei es, daß er das Kutschentruckle noch scheute, oder daß er sein Geld auch zeigen wollte.

dann seinen Schwiegersohn vom Militär losmachen. Munde verließ nur ungern jetzt seinen Vater, der fast nicht mehr vom Bette herunterkam und zusehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von ihm wissen und sagte immer: Laß du uns Beide — er meinte sich und den Paßauf — nur allein, geh du deiner Wege, sei glücklich so gut du's kannst. Du bist jung, bei dir verlohnt sich's noch, der Diebshehler zu sein, ich bin schon zu alt, ich wär' ein Narr, wenn ich erst so spät anfangen thät'! Martha versprach des kranken Mannes zu warten, Fränz ließ sich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptstadt zu reisen; was sie einmal wollte, das mußte auch geschehen.

Am Morgen, als Munde kam, schickte sie ihn noch einmal nach Hause, er mußte die neuen Kleider anziehen, die sie nach städtischer Tracht für ihn bestellt hatte. Als er wieder kam, knüpfte sie ihm das Halstuch nochmals anders und sagte dann frohlockend, sich vor ihn hinstellend:

So, siehst du? so, jetzt bist ein Mann, der sich sehen lassen darf.

Schon beim Einsteigen gab es Streit. Fränz behauptete, ein Brautpaar gehöre zusammen, und der Vater solle auf den Vordersitz und kutschiren; aber Munde willfahrte ihr nicht, und Fränz beruhigte sich erst, als ihr Munde sagte, daß die Herren in der Stadt oft selbst fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm wollte, daß Munde die Geldgurte umschnalle, und setzte selbstverrätherisch hinzu: In der Stadt kannst mir sie wieder geben.

Das leid' ich nicht, schrie Fränz, entweder — oder, entweder behaltet Ihr die ganze Zeit die Geldgurte, oder mein Munde behält sie; er ist nicht Euer Knecht, er ist wenigstens grad so viel wie Ihr. Ihr könnet ja das Geld ins Kutschentruckle thun.

Das wollte aber Diethelm nicht, sei es, daß er das Kutschentruckle noch scheute, oder daß er sein Geld auch zeigen wollte.

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="chapter" n="24">
        <p><pb facs="#f0173"/>
dann seinen Schwiegersohn vom                Militär losmachen. Munde verließ nur ungern jetzt seinen Vater, der fast nicht mehr                vom Bette herunterkam und zusehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von                ihm wissen und sagte immer: Laß du uns Beide &#x2014; er meinte sich und den Paßauf &#x2014; nur                allein, geh du deiner Wege, sei glücklich so gut du's kannst. Du bist jung, bei dir                verlohnt sich's noch, der Diebshehler zu sein, ich bin schon zu alt, ich wär' ein                Narr, wenn ich erst so spät anfangen thät'! Martha versprach des kranken Mannes zu                warten, Fränz ließ sich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptstadt zu reisen; was                sie einmal wollte, das mußte auch geschehen.</p><lb/>
        <p>Am Morgen, als Munde kam, schickte sie ihn noch einmal nach Hause, er mußte die neuen                Kleider anziehen, die sie nach städtischer Tracht für ihn bestellt hatte. Als er                wieder kam, knüpfte sie ihm das Halstuch nochmals anders und sagte dann frohlockend,                sich vor ihn hinstellend:</p><lb/>
        <p>So, siehst du? so, jetzt bist ein Mann, der sich sehen lassen darf.</p><lb/>
        <p>Schon beim Einsteigen gab es Streit. Fränz behauptete, ein Brautpaar gehöre zusammen,                und der Vater solle auf den Vordersitz und kutschiren; aber Munde willfahrte ihr                nicht, und Fränz beruhigte sich erst, als ihr Munde sagte, daß die Herren in der                Stadt oft selbst fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm                wollte, daß Munde die Geldgurte umschnalle, und setzte selbstverrätherisch hinzu: In                der Stadt kannst mir sie wieder geben.</p><lb/>
        <p>Das leid' ich nicht, schrie Fränz, entweder &#x2014; oder, entweder behaltet Ihr die ganze                Zeit die Geldgurte, oder mein Munde behält sie; er ist nicht Euer Knecht, er ist                wenigstens grad so viel wie Ihr. Ihr könnet ja das Geld ins Kutschentruckle thun.</p><lb/>
        <p>Das wollte aber Diethelm nicht, sei es, daß er das Kutschentruckle noch scheute, oder                daß er sein Geld auch zeigen wollte.</p><lb/>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0173] dann seinen Schwiegersohn vom Militär losmachen. Munde verließ nur ungern jetzt seinen Vater, der fast nicht mehr vom Bette herunterkam und zusehends abfiel; der alte Schäferle wollte aber nichts von ihm wissen und sagte immer: Laß du uns Beide — er meinte sich und den Paßauf — nur allein, geh du deiner Wege, sei glücklich so gut du's kannst. Du bist jung, bei dir verlohnt sich's noch, der Diebshehler zu sein, ich bin schon zu alt, ich wär' ein Narr, wenn ich erst so spät anfangen thät'! Martha versprach des kranken Mannes zu warten, Fränz ließ sich nicht davon abbringen, mit nach der Hauptstadt zu reisen; was sie einmal wollte, das mußte auch geschehen. Am Morgen, als Munde kam, schickte sie ihn noch einmal nach Hause, er mußte die neuen Kleider anziehen, die sie nach städtischer Tracht für ihn bestellt hatte. Als er wieder kam, knüpfte sie ihm das Halstuch nochmals anders und sagte dann frohlockend, sich vor ihn hinstellend: So, siehst du? so, jetzt bist ein Mann, der sich sehen lassen darf. Schon beim Einsteigen gab es Streit. Fränz behauptete, ein Brautpaar gehöre zusammen, und der Vater solle auf den Vordersitz und kutschiren; aber Munde willfahrte ihr nicht, und Fränz beruhigte sich erst, als ihr Munde sagte, daß die Herren in der Stadt oft selbst fahren. Draußen vor dem Dorfe gab es abermals Händel. Diethelm wollte, daß Munde die Geldgurte umschnalle, und setzte selbstverrätherisch hinzu: In der Stadt kannst mir sie wieder geben. Das leid' ich nicht, schrie Fränz, entweder — oder, entweder behaltet Ihr die ganze Zeit die Geldgurte, oder mein Munde behält sie; er ist nicht Euer Knecht, er ist wenigstens grad so viel wie Ihr. Ihr könnet ja das Geld ins Kutschentruckle thun. Das wollte aber Diethelm nicht, sei es, daß er das Kutschentruckle noch scheute, oder daß er sein Geld auch zeigen wollte.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T13:04:01Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T13:04:01Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: nicht gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/173
Zitationshilfe: Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/173>, abgerufen am 14.07.2020.