Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite

Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wolle, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte.

Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der That seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staubbedeckte Pferd gelehnt sagte er mit zitternder Stimme: Fränz, ich thät' sterben, ich thät' mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Noth käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh' knietief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich so weit 'runterkäme -- nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich Niemand mehr was schenken könnt' -- lieber möcht' ich gestorben sein.

Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermuth nur eine Folge des Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirthshause festigte fast eben so das geknickte Gemüth Diethelm's, ja er fühlte sich so frisch gestimmt, als

Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wolle, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte.

Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der That seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staubbedeckte Pferd gelehnt sagte er mit zitternder Stimme: Fränz, ich thät' sterben, ich thät' mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Noth käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh' knietief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich so weit 'runterkäme — nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich Niemand mehr was schenken könnt' — lieber möcht' ich gestorben sein.

Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermuth nur eine Folge des Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirthshause festigte fast eben so das geknickte Gemüth Diethelm's, ja er fühlte sich so frisch gestimmt, als

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div type="chapter" n="7">
        <pb facs="#f0054"/>
        <p>Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wolle, machte sich                Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem                Galopp über die Hochebene davonjagte.</p><lb/>
        <p>Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich                rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung                des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß                Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte                halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken                Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wild gewordenen Pferde                an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke                gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine                Haare schienen in der That seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das                staubbedeckte Pferd gelehnt sagte er mit zitternder Stimme: Fränz, ich thät' sterben,                ich thät' mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Noth käm'; wenn ich                laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh' knietief im                Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich so weit 'runterkäme &#x2014; nein, es darf nicht sein.                Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich Niemand mehr was                schenken könnt' &#x2014; lieber möcht' ich gestorben sein.</p><lb/>
        <p>Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermuth nur eine Folge des                Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm                eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe                gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet,                und der Wein im Wirthshause festigte fast eben so das geknickte Gemüth Diethelm's, ja                er fühlte sich so frisch gestimmt, als<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0054] Als flöhe er vor einer verzauberten Behausung, die ihn festbannen wolle, machte sich Diethelm davon, und die Leute schauten ihm verwundert nach, als er in gestrecktem Galopp über die Hochebene davonjagte. Als es wieder bergab ging, hemmte Diethelm kein Rad, und die Rappen stemmten sich rechts und links, und Diethelm fuhr immer hin und her, um dadurch eine Schlängelung des Wagens zu gewinnen; da krachte es plötzlich, der Sattelgaul stürzte und riß Diethelm mit sich vom Wagen herab, daß Fränz laut aufschrie. Herbeieilende Wegknechte halfen bald wieder auf, Diethelm hatte sich nicht beschädigt, nur hinkte er am linken Fuß. Die zerbrochene Deichsel wurde zusammengebunden, und die wild gewordenen Pferde an der Hand führend, ging Diethelm mit der Fränz neben ihnen her. Eine gute Strecke gingen sie lautlos dahin, jetzt hielt Diethelm an, nahm seufzend den Hut ab, seine Haare schienen in der That seit zwei Tagen sehr gebleicht zu haben, und an das staubbedeckte Pferd gelehnt sagte er mit zitternder Stimme: Fränz, ich thät' sterben, ich thät' mir selber den Tod an, wenn ich auf meine alten Tage in Noth käm'; wenn ich laufen müßt' und nicht mehr fahren könnt'. Guck, ich mein', ich geh' knietief im Boden, so schwer wird mir's. Wenn ich so weit 'runterkäme — nein, es darf nicht sein. Ich bin nicht allein, ein ganzes Dorf stürzt mit mir. Wenn ich Niemand mehr was schenken könnt' — lieber möcht' ich gestorben sein. Fränz tröstete, so gut sie konnte, und nannte diese Schwermuth nur eine Folge des Schreckens. In Unterthailfingen, kaum noch eine Stunde von Buchenberg, war Diethelm eigentlich schon zu Hause, denn hier hatte er einen Weidgang für vierhundert Schafe gepachtet. An der Schmiede wurde nun die zerbrochene Deichsel wieder festgenietet, und der Wein im Wirthshause festigte fast eben so das geknickte Gemüth Diethelm's, ja er fühlte sich so frisch gestimmt, als

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T13:04:01Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T13:04:01Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: nicht gekennzeichnet; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (&#xa75b;): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: ja; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/54
Zitationshilfe: Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/54>, abgerufen am 14.07.2020.