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Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchens, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und Jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regelmäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offen stehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfergeschirre an den Wänden und dem übermäßig breiten Herde in der Mitte, die steinernen Treppen mit ausgelaufenen Geleisen zeigten, daß hier Alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der weitläufigen Wirthsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neubackenem Brod überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Wittwe, saß, nähte und sich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend Jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau kannte, als die Frau Rautenwirthin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung ihres Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und Alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschengeld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirthin zwei, dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß Alles vom Morgen

Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchens, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und Jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regelmäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offen stehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfergeschirre an den Wänden und dem übermäßig breiten Herde in der Mitte, die steinernen Treppen mit ausgelaufenen Geleisen zeigten, daß hier Alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der weitläufigen Wirthsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neubackenem Brod überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Wittwe, saß, nähte und sich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend Jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau kannte, als die Frau Rautenwirthin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung ihres Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und Alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschengeld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirthin zwei, dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß Alles vom Morgen

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[0096] Hof war so groß wie der Marktplatz eines kleinen Städtchens, bequem konnten zwei Frachtfuhren darin wenden, und in den Scheunen und Ställen war allzeit ein reges Leben; Frachtfuhren, Stellwagen, Botenwagen, Reiter und Fußgänger von allen Gegenden des Landes gingen hier ab und zu, und Jeder wußte so vollkommen Bescheid im Hause, daß das rührig bunte Treiben sich doch wieder wie eine stille Regelmäßigkeit darstellte. Wären nicht Gasröhren durch das Haus geleitet gewesen, man hätte in ihm nicht geglaubt, daß man sich mitten in der Hauptstadt befinde. Die weite, offen stehende Küche mit ihrem zahlreichen glänzenden Kupfergeschirre an den Wänden und dem übermäßig breiten Herde in der Mitte, die steinernen Treppen mit ausgelaufenen Geleisen zeigten, daß hier Alles von altem Bestand war, und gleicherweise zeigte sich's in der weitläufigen Wirthsstube, wo nicht weit von dem mächtigen Kachelofen an der großen, mit neubackenem Brod überschütteten Anrichte die Herrin des Hauses, eine stattliche Wittwe, saß, nähte und sich von den Ankommenden erzählen ließ und ihnen Bescheid gab, ohne sich zu irgend Jemand zu drängen. Es gab vielleicht keinen zweiten Menschen im Lande, der dessen innerste Verhältnisse so genau kannte, als die Frau Rautenwirthin, sie machte aber von ihrer Wissenschaft keinen Gebrauch, außer in seltenen Fällen, wenn sie von alten Hausfreunden um eine Nachricht angegangen wurde; sie wendete vielmehr ihre ganze Macht auf die Regierung ihres Hauses, und diese gelang ihr vollkommen, denn sie herrschte unbedingt. Von ihren drei Töchtern hatte eine die Aufsicht in der Küche, während zwei die Gäste bedienten, die beiden Söhne versahen die Bäckerei und Metzgerei, und Alle gehorchten der Mutter mit unbedingter Unterwürfigkeit; ja die Söhne bekamen Sonntags von der Mutter ein Taschengeld ausbezahlt und fanden diese Abhängigkeit vollkommen in der Ordnung. Und wenn die Rautenwirthin zwei, dreimal des Tages durch das Haus ging, konnte man sich darauf verlassen, daß Alles vom Morgen

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T13:04:01Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T13:04:01Z)

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Zitationshilfe: Auerbach, Berthold: Die Geschichte des Diethelm von Buchenberg. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 7. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 45–268. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/auerbach_diethelm_1910/96>, abgerufen am 14.07.2020.