Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bach, Carl Philipp Emanuel: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Bd. 2. Berlin, 1762.

Bild:
<< vorherige Seite

Einleitung.
Exempeln wird darthun, wo es, um in einer bequemen Lage zu blet-
ben, besser sey, zwo Stimmen in den Einklang zusammen gehen zu
lassen, als auf vier klingenden Tasten allezeit steif zu bestehen, und
lieber unnöthige Sprünge und ungeschickte Fortschreitungen dafür
zu wählen. Es werden auch Exempel vorkommen, wo die linke
Hand der rechten zu Hülfe kommen muß, um diese Fehler zu ver-
meiden; Fehler, welche man den Clavieristen zuweilen, wegen ihres
vierstimmigen Satzes vorgeworfen hat.

§. 26.

Das drey -- und wenigerstimmige Accompag-
nement
braucht man zur Delicatesse, wenn der Geschmack, Vor-
trag oder Affect eines Stücks ein Menagement der Harmonie for-
dert. Wir werden in der Folge sehen, daß alsdenn oft keine an-
dre, als schwache Begleitung möglich ist.

§. 27.

Bey unrichtigen und ungeschickten Compositionen,
wo oft gar keine reine Mittelstimme, wegen des falschen Basses,
woraus sie fliessen sollen, vorhanden ist, deckt man, so viel möglich,
die Fehler mit einer dünnen Begleitung zu; man geht sparsam
mit der Harmonie um; man greift zur Noth eine Ziffer; man
nimt seine Zuflucht zu Pausen, Nachschlägen u. s. w.; man än-
dert, wenn man allein accompagnirt und es sich thun läßt, aus
dem Stegereif den Baß und erhält dadurch richtige und natür-
lich fliessende Mittelstimmen eben so gewiß, als wenn man mit
den falschen Ziffern so verfährt. Wie oft ist dies letztere nicht nöthig!

§. 28.

Das einstimmige Accompagnement bestehet
entweder aus den vorgeschriebenen Baßnoten allein, oder aus
ihrer Verdoppelung mit der rechten Hand.

§. 29.

Im erstern Falle setzt man über die Noten t. s.
tasto, tasto solo;
im zweyten, all'unisono, unisoni. Weil diese
Andeutungen zuweilen fehlen, so werde ich durch Anmerkungen und

Exem-

Einleitung.
Exempeln wird darthun, wo es, um in einer bequemen Lage zu blet-
ben, beſſer ſey, zwo Stimmen in den Einklang zuſammen gehen zu
laſſen, als auf vier klingenden Taſten allezeit ſteif zu beſtehen, und
lieber unnöthige Sprünge und ungeſchickte Fortſchreitungen dafür
zu wählen. Es werden auch Exempel vorkommen, wo die linke
Hand der rechten zu Hülfe kommen muß, um dieſe Fehler zu ver-
meiden; Fehler, welche man den Clavieriſten zuweilen, wegen ihres
vierſtimmigen Satzes vorgeworfen hat.

§. 26.

Das drey — und wenigerſtimmige Accompag-
nement
braucht man zur Delicateſſe, wenn der Geſchmack, Vor-
trag oder Affect eines Stücks ein Menagement der Harmonie for-
dert. Wir werden in der Folge ſehen, daß alsdenn oft keine an-
dre, als ſchwache Begleitung möglich iſt.

§. 27.

Bey unrichtigen und ungeſchickten Compoſitionen,
wo oft gar keine reine Mittelſtimme, wegen des falſchen Baſſes,
woraus ſie flieſſen ſollen, vorhanden iſt, deckt man, ſo viel möglich,
die Fehler mit einer dünnen Begleitung zu; man geht ſparſam
mit der Harmonie um; man greift zur Noth eine Ziffer; man
nimt ſeine Zuflucht zu Pauſen, Nachſchlägen u. ſ. w.; man än-
dert, wenn man allein accompagnirt und es ſich thun läßt, aus
dem Stegereif den Baß und erhält dadurch richtige und natür-
lich flieſſende Mittelſtimmen eben ſo gewiß, als wenn man mit
den falſchen Ziffern ſo verfährt. Wie oft iſt dies letztere nicht nöthig!

§. 28.

Das einſtimmige Accompagnement beſtehet
entweder aus den vorgeſchriebenen Baßnoten allein, oder aus
ihrer Verdoppelung mit der rechten Hand.

§. 29.

Im erſtern Falle ſetzt man über die Noten t. s.
tasto, tasto solo;
im zweyten, all’uniſono, uniſoni. Weil dieſe
Andeutungen zuweilen fehlen, ſo werde ich durch Anmerkungen und

Exem-
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0016" n="6"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Einleitung.</hi></fw><lb/>
Exempeln wird darthun, wo es, um in einer bequemen Lage zu blet-<lb/>
ben, be&#x017F;&#x017F;er &#x017F;ey, zwo Stimmen in den Einklang zu&#x017F;ammen gehen zu<lb/>
la&#x017F;&#x017F;en, als auf vier klingenden Ta&#x017F;ten allezeit &#x017F;teif zu be&#x017F;tehen, und<lb/>
lieber unnöthige Sprünge und unge&#x017F;chickte Fort&#x017F;chreitungen dafür<lb/>
zu wählen. Es werden auch Exempel vorkommen, wo die linke<lb/>
Hand der rechten zu Hülfe kommen muß, um die&#x017F;e Fehler zu ver-<lb/>
meiden; Fehler, welche man den Clavieri&#x017F;ten zuweilen, wegen ihres<lb/>
vier&#x017F;timmigen Satzes vorgeworfen hat.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 26.</head>
          <p>Das <hi rendition="#fr">drey</hi> &#x2014; und <hi rendition="#fr">weniger&#x017F;timmige Accompag-<lb/>
nement</hi> braucht man zur Delicate&#x017F;&#x017F;e, wenn der Ge&#x017F;chmack, Vor-<lb/>
trag oder Affect eines Stücks ein Menagement der Harmonie for-<lb/>
dert. Wir werden in der Folge &#x017F;ehen, daß alsdenn oft keine an-<lb/>
dre, als &#x017F;chwache Begleitung möglich i&#x017F;t.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 27.</head>
          <p>Bey unrichtigen und unge&#x017F;chickten Compo&#x017F;itionen,<lb/>
wo oft gar keine reine Mittel&#x017F;timme, wegen des fal&#x017F;chen Ba&#x017F;&#x017F;es,<lb/>
woraus &#x017F;ie flie&#x017F;&#x017F;en &#x017F;ollen, vorhanden i&#x017F;t, deckt man, &#x017F;o viel möglich,<lb/>
die Fehler mit einer dünnen Begleitung zu; man geht &#x017F;par&#x017F;am<lb/>
mit der Harmonie um; man greift zur Noth eine Ziffer; man<lb/>
nimt &#x017F;eine Zuflucht zu Pau&#x017F;en, Nach&#x017F;chlägen u. &#x017F;. w.; man än-<lb/>
dert, wenn man allein accompagnirt und es &#x017F;ich thun läßt, aus<lb/>
dem Stegereif den Baß und erhält dadurch richtige und natür-<lb/>
lich flie&#x017F;&#x017F;ende Mittel&#x017F;timmen eben &#x017F;o gewiß, als wenn man mit<lb/>
den fal&#x017F;chen Ziffern &#x017F;o verfährt. Wie oft i&#x017F;t dies letztere nicht nöthig!</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 28.</head>
          <p>Das <hi rendition="#fr">ein&#x017F;timmige Accompagnement</hi> be&#x017F;tehet<lb/>
entweder aus den vorge&#x017F;chriebenen Baßnoten allein, oder aus<lb/>
ihrer Verdoppelung mit der rechten Hand.</p>
        </div><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 29.</head>
          <p>Im er&#x017F;tern Falle &#x017F;etzt man über die Noten <hi rendition="#aq">t. s.<lb/>
tasto, tasto solo;</hi> im zweyten, <hi rendition="#aq">all&#x2019;uni&#x017F;ono, uni&#x017F;oni.</hi> Weil die&#x017F;e<lb/>
Andeutungen zuweilen fehlen, &#x017F;o werde ich durch Anmerkungen und<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Exem-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[6/0016] Einleitung. Exempeln wird darthun, wo es, um in einer bequemen Lage zu blet- ben, beſſer ſey, zwo Stimmen in den Einklang zuſammen gehen zu laſſen, als auf vier klingenden Taſten allezeit ſteif zu beſtehen, und lieber unnöthige Sprünge und ungeſchickte Fortſchreitungen dafür zu wählen. Es werden auch Exempel vorkommen, wo die linke Hand der rechten zu Hülfe kommen muß, um dieſe Fehler zu ver- meiden; Fehler, welche man den Clavieriſten zuweilen, wegen ihres vierſtimmigen Satzes vorgeworfen hat. §. 26. Das drey — und wenigerſtimmige Accompag- nement braucht man zur Delicateſſe, wenn der Geſchmack, Vor- trag oder Affect eines Stücks ein Menagement der Harmonie for- dert. Wir werden in der Folge ſehen, daß alsdenn oft keine an- dre, als ſchwache Begleitung möglich iſt. §. 27. Bey unrichtigen und ungeſchickten Compoſitionen, wo oft gar keine reine Mittelſtimme, wegen des falſchen Baſſes, woraus ſie flieſſen ſollen, vorhanden iſt, deckt man, ſo viel möglich, die Fehler mit einer dünnen Begleitung zu; man geht ſparſam mit der Harmonie um; man greift zur Noth eine Ziffer; man nimt ſeine Zuflucht zu Pauſen, Nachſchlägen u. ſ. w.; man än- dert, wenn man allein accompagnirt und es ſich thun läßt, aus dem Stegereif den Baß und erhält dadurch richtige und natür- lich flieſſende Mittelſtimmen eben ſo gewiß, als wenn man mit den falſchen Ziffern ſo verfährt. Wie oft iſt dies letztere nicht nöthig! §. 28. Das einſtimmige Accompagnement beſtehet entweder aus den vorgeſchriebenen Baßnoten allein, oder aus ihrer Verdoppelung mit der rechten Hand. §. 29. Im erſtern Falle ſetzt man über die Noten t. s. tasto, tasto solo; im zweyten, all’uniſono, uniſoni. Weil dieſe Andeutungen zuweilen fehlen, ſo werde ich durch Anmerkungen und Exem-

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bach_versuch02_1762
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bach_versuch02_1762/16
Zitationshilfe: Bach, Carl Philipp Emanuel: Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen. Bd. 2. Berlin, 1762, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bach_versuch02_1762/16>, abgerufen am 10.08.2020.