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Basedow, Johann Bernhard: Die ganze Natürliche Weisheit im Privatstande der gesitteten Bürger. Halle (Saale) u. a., [1768].

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Die Sittenlehre
§. 42.

Ein aufmerksames Bestreben, auch in Klei-
nigkeiten gefällig
zu seyn, ist ein grosser Theil
der Wohlthätigkeit, die wir den Menschen schul-
dig sind, weil die Gelegenheit dazu in jedem Au-
genblicke da ist, und die Ausübung uns zu neuen
Wohlthaten dieser Art nicht unfahiger macht.

Wenn du in deiner Meynung von andern
abweichest,
so verbirg sie, so oft es nicht nützlich
ist, sie anzuzeigen, oder zu vertheidigen. Hast
du das Nöthige deutlich und auf die gefälligste Art
gesagt, so schweige. Aber wenn du in deiner
Handlung nicht nachgeben darfst, so handle nach
deinen eignen Grundsätzen.

Schäme dich nicht, durch Belehrung andrer,
deine Meynung zu ändern, und es ihnen zu
danken.

Disputire mit niemanden, der in Gemüths-
bewegung ist. Denn du kannst dich leicht selbst
erhitzen, und wie willst du bey einem Wahnsinni-
gen Vernunft finden?

Disputire in zufälliger Gesellschaft nicht über
Religion. Wollen es andre, so sprich, daß die
Frage mehr Ueberlegung brauche, daß Misver-
stand herrsche; daß die Sache das Beste der Men-
schen nicht zu betreffen scheine; daß nur Gott die
Gewissen richte u. s. w.

Von
Die Sittenlehre
§. 42.

Ein aufmerkſames Beſtreben, auch in Klei-
nigkeiten gefällig
zu ſeyn, iſt ein groſſer Theil
der Wohlthaͤtigkeit, die wir den Menſchen ſchul-
dig ſind, weil die Gelegenheit dazu in jedem Au-
genblicke da iſt, und die Ausuͤbung uns zu neuen
Wohlthaten dieſer Art nicht unfahiger macht.

Wenn du in deiner Meynung von andern
abweicheſt,
ſo verbirg ſie, ſo oft es nicht nuͤtzlich
iſt, ſie anzuzeigen, oder zu vertheidigen. Haſt
du das Noͤthige deutlich und auf die gefaͤlligſte Art
geſagt, ſo ſchweige. Aber wenn du in deiner
Handlung nicht nachgeben darfſt, ſo handle nach
deinen eignen Grundſaͤtzen.

Schaͤme dich nicht, durch Belehrung andrer,
deine Meynung zu ändern, und es ihnen zu
danken.

Diſputire mit niemanden, der in Gemuͤths-
bewegung iſt. Denn du kannſt dich leicht ſelbſt
erhitzen, und wie willſt du bey einem Wahnſinni-
gen Vernunft finden?

Diſputire in zufaͤlliger Geſellſchaft nicht uͤber
Religion. Wollen es andre, ſo ſprich, daß die
Frage mehr Ueberlegung brauche, daß Misver-
ſtand herrſche; daß die Sache das Beſte der Men-
ſchen nicht zu betreffen ſcheine; daß nur Gott die
Gewiſſen richte u. ſ. w.

Von
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[90/0114] Die Sittenlehre §. 42. Ein aufmerkſames Beſtreben, auch in Klei- nigkeiten gefällig zu ſeyn, iſt ein groſſer Theil der Wohlthaͤtigkeit, die wir den Menſchen ſchul- dig ſind, weil die Gelegenheit dazu in jedem Au- genblicke da iſt, und die Ausuͤbung uns zu neuen Wohlthaten dieſer Art nicht unfahiger macht. Wenn du in deiner Meynung von andern abweicheſt, ſo verbirg ſie, ſo oft es nicht nuͤtzlich iſt, ſie anzuzeigen, oder zu vertheidigen. Haſt du das Noͤthige deutlich und auf die gefaͤlligſte Art geſagt, ſo ſchweige. Aber wenn du in deiner Handlung nicht nachgeben darfſt, ſo handle nach deinen eignen Grundſaͤtzen. Schaͤme dich nicht, durch Belehrung andrer, deine Meynung zu ändern, und es ihnen zu danken. Diſputire mit niemanden, der in Gemuͤths- bewegung iſt. Denn du kannſt dich leicht ſelbſt erhitzen, und wie willſt du bey einem Wahnſinni- gen Vernunft finden? Diſputire in zufaͤlliger Geſellſchaft nicht uͤber Religion. Wollen es andre, ſo ſprich, daß die Frage mehr Ueberlegung brauche, daß Misver- ſtand herrſche; daß die Sache das Beſte der Men- ſchen nicht zu betreffen ſcheine; daß nur Gott die Gewiſſen richte u. ſ. w. Von

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Zitationshilfe: Basedow, Johann Bernhard: Die ganze Natürliche Weisheit im Privatstande der gesitteten Bürger. Halle (Saale) u. a., [1768], S. 90. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/basedow_weisheit_1768/114>, abgerufen am 03.08.2020.