Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Basedow, Johann Bernhard: Die ganze Natürliche Weisheit im Privatstande der gesitteten Bürger. Halle (Saale) u. a., [1768].

Bild:
<< vorherige Seite
Eignes Nachdenken
§. 4.

Das Vermögen des Verstandes und Willens
heißt auch geistig Leben. Die Seele lebt
geistig, so lange sie ist: sie ist, so lange sie geistig
lebt. Jm geistigen Leben besteht das Wesen
der Seele.
Sie würde aufhören zu seyn, wenn
das geistige Leben aufhörte; sie hat angefangen
zu seyn, als das geistige Leben anfing.

Der besondre Körper, welcher einer Seele die
Wahrnehmung sinnlicher Eindrücke verschafft, und
sich in manchen Bewegungen nach ihrem Willen
richtet, heißt von derselben beseelt oder belebt.
Die Seele beseelt oder belebt den Körper; der
Körper wird von der Seele beseelt und belebt.
Also erkennen wir den Unterschied unsrer
Seele und unsers Körpers.
Zum ganzen
Menschen aber gehört eine menschliche Seele
und ein von ihr belebter Körper.

Das Leben der Seele, und das Leben des
Menschen sind Redensarten, welche nicht gleiche
Bedeutungen haben. Das Leben der Seele
ist ihr eigenthümlich und geistig, und wir können
ncht überzeugt seyn, daß es eines Körpers bedarf.
Das Leben des Menschen aber ist der Zustand
einer menschlichen Seele und eines menschlichen
Körpers, in welchem dieser von jener belebt wird.

So
Eignes Nachdenken
§. 4.

Das Vermoͤgen des Verſtandes und Willens
heißt auch geiſtig Leben. Die Seele lebt
geiſtig, ſo lange ſie iſt: ſie iſt, ſo lange ſie geiſtig
lebt. Jm geiſtigen Leben beſteht das Weſen
der Seele.
Sie wuͤrde aufhoͤren zu ſeyn, wenn
das geiſtige Leben aufhoͤrte; ſie hat angefangen
zu ſeyn, als das geiſtige Leben anfing.

Der beſondre Koͤrper, welcher einer Seele die
Wahrnehmung ſinnlicher Eindruͤcke verſchafft, und
ſich in manchen Bewegungen nach ihrem Willen
richtet, heißt von derſelben beſeelt oder belebt.
Die Seele beſeelt oder belebt den Koͤrper; der
Koͤrper wird von der Seele beſeelt und belebt.
Alſo erkennen wir den Unterſchied unſrer
Seele und unſers Körpers.
Zum ganzen
Menſchen aber gehoͤrt eine menſchliche Seele
und ein von ihr belebter Koͤrper.

Das Leben der Seele, und das Leben des
Menſchen ſind Redensarten, welche nicht gleiche
Bedeutungen haben. Das Leben der Seele
iſt ihr eigenthuͤmlich und geiſtig, und wir koͤnnen
ncht uͤberzeugt ſeyn, daß es eines Koͤrpers bedarf.
Das Leben des Menſchen aber iſt der Zuſtand
einer menſchlichen Seele und eines menſchlichen
Koͤrpers, in welchem dieſer von jener belebt wird.

So
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0028" n="4"/>
        <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Eignes Nachdenken</hi> </fw><lb/>
        <div n="2">
          <head>§. 4.</head><lb/>
          <p>Das Vermo&#x0364;gen des Ver&#x017F;tandes und Willens<lb/>
heißt auch <hi rendition="#fr">gei&#x017F;tig Leben.</hi> Die Seele lebt<lb/>
gei&#x017F;tig, &#x017F;o lange &#x017F;ie i&#x017F;t: &#x017F;ie i&#x017F;t, &#x017F;o lange &#x017F;ie gei&#x017F;tig<lb/>
lebt. Jm <hi rendition="#fr">gei&#x017F;tigen Leben be&#x017F;teht das We&#x017F;en<lb/>
der Seele.</hi> Sie wu&#x0364;rde aufho&#x0364;ren zu &#x017F;eyn, wenn<lb/>
das gei&#x017F;tige Leben aufho&#x0364;rte; &#x017F;ie hat angefangen<lb/>
zu &#x017F;eyn, als das gei&#x017F;tige Leben anfing.</p><lb/>
          <p>Der be&#x017F;ondre Ko&#x0364;rper, welcher einer Seele die<lb/>
Wahrnehmung &#x017F;innlicher Eindru&#x0364;cke ver&#x017F;chafft, und<lb/>
&#x017F;ich in manchen Bewegungen nach ihrem Willen<lb/>
richtet, heißt von der&#x017F;elben <hi rendition="#fr">be&#x017F;eelt</hi> oder <hi rendition="#fr">belebt.</hi><lb/>
Die Seele be&#x017F;eelt oder belebt den Ko&#x0364;rper; der<lb/>
Ko&#x0364;rper wird von der Seele be&#x017F;eelt und belebt.<lb/>
Al&#x017F;o <hi rendition="#fr">erkennen wir den Unter&#x017F;chied un&#x017F;rer<lb/>
Seele und un&#x017F;ers Körpers.</hi> Zum ganzen<lb/><hi rendition="#fr">Men&#x017F;chen</hi> aber geho&#x0364;rt eine men&#x017F;chliche Seele<lb/>
und ein von ihr belebter Ko&#x0364;rper.</p><lb/>
          <p>Das Leben der Seele, und das Leben des<lb/><hi rendition="#fr">Men&#x017F;chen</hi> &#x017F;ind Redensarten, welche nicht gleiche<lb/>
Bedeutungen haben. <hi rendition="#fr">Das Leben der Seele</hi><lb/>
i&#x017F;t ihr eigenthu&#x0364;mlich und gei&#x017F;tig, und wir ko&#x0364;nnen<lb/>
ncht u&#x0364;berzeugt &#x017F;eyn, daß es eines Ko&#x0364;rpers bedarf.<lb/><hi rendition="#fr">Das Leben des Men&#x017F;chen</hi> aber i&#x017F;t der Zu&#x017F;tand<lb/>
einer men&#x017F;chlichen Seele und eines men&#x017F;chlichen<lb/>
Ko&#x0364;rpers, in welchem die&#x017F;er von jener belebt wird.</p><lb/>
          <fw place="bottom" type="catch">So</fw><lb/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[4/0028] Eignes Nachdenken §. 4. Das Vermoͤgen des Verſtandes und Willens heißt auch geiſtig Leben. Die Seele lebt geiſtig, ſo lange ſie iſt: ſie iſt, ſo lange ſie geiſtig lebt. Jm geiſtigen Leben beſteht das Weſen der Seele. Sie wuͤrde aufhoͤren zu ſeyn, wenn das geiſtige Leben aufhoͤrte; ſie hat angefangen zu ſeyn, als das geiſtige Leben anfing. Der beſondre Koͤrper, welcher einer Seele die Wahrnehmung ſinnlicher Eindruͤcke verſchafft, und ſich in manchen Bewegungen nach ihrem Willen richtet, heißt von derſelben beſeelt oder belebt. Die Seele beſeelt oder belebt den Koͤrper; der Koͤrper wird von der Seele beſeelt und belebt. Alſo erkennen wir den Unterſchied unſrer Seele und unſers Körpers. Zum ganzen Menſchen aber gehoͤrt eine menſchliche Seele und ein von ihr belebter Koͤrper. Das Leben der Seele, und das Leben des Menſchen ſind Redensarten, welche nicht gleiche Bedeutungen haben. Das Leben der Seele iſt ihr eigenthuͤmlich und geiſtig, und wir koͤnnen ncht uͤberzeugt ſeyn, daß es eines Koͤrpers bedarf. Das Leben des Menſchen aber iſt der Zuſtand einer menſchlichen Seele und eines menſchlichen Koͤrpers, in welchem dieſer von jener belebt wird. So

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/basedow_weisheit_1768
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/basedow_weisheit_1768/28
Zitationshilfe: Basedow, Johann Bernhard: Die ganze Natürliche Weisheit im Privatstande der gesitteten Bürger. Halle (Saale) u. a., [1768], S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/basedow_weisheit_1768/28>, abgerufen am 13.08.2020.