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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 2: Das XVI. und XVII. Jahrhundert. Braunschweig, 1895.

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Der Oberharz.
zweifelhaft ist. Vorläufig ist der Beweis nicht erbracht, dass schon
vor Erbauung des Hochofens im Jahre 1546 ein Ofen zu Ilsenburg
bestanden hatte, mit welchem Gusswaren erzeugt wurden.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dagegen war dies be-
stimmt der Fall, und zwar goss man im Jahre 1577 nach auf-
gefundenen Rechnungen daselbst Töpfe, Ringe, Gewichte, Ofenplatten,
Kugeln u. s. w. 1). Ihre Eisengiesser liessen die Grafen von Stolberg
aus dem Siegerlande kommen. Die Grafen Wolfgang, Ludwig und
Albrecht Georg schlossen mit Siegener Giessern schriftliche Verträge
ab, welche zum Teil noch im Stolberger Archiv vorhanden sind, in
welchen sich diese verpflichteten, grosse und kleine Öfen, Platten, Tische,
Cysternen, Büchsenkugeln u. s. w. zu giessen, ohne dass es ihnen
aber, wie es scheint, gelang, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
1548 fing ein engagierter "Massenbläser" zum zweiten Mal an, Roh-
eisen zu erzeugen, welches er zu Töpfen, Ambossen, Platten, Kugeln,
Böden und Zacken vergoss. Vermutlich geschah das in Ilsenburg in
dem neuen Hochofen, der 1546 erbaut worden war.



Der Oberharz.

In ähnlicher aber doch ganz eigenartiger Weise entwickelte sich
das Eisenhüttenwesen im Oberharz. Hier hat das unmittelbare Ein-
greifen der Landesfürsten besonders segensreich gewirkt. Im Ober-
harz, wo sich am Rammelsberge Metallbergbau und Hüttenwesen so
früh entwickelten, kam auch die Eisenindustrie zu früher Blüte. Die
Bergarbeit im Rammelsberge verbrauchte eine grosse Menge Eisen
für Werkzeuge, und dies gab Veranlassung zu grösserer Eisen-
gewinnung in der Nachbarschaft. Die Eisenindustrie des Oberharzes
stand immer in inniger Wechselbeziehung mit der Metallindustrie
und teilte deren Auf- und Niedergang. An Eisenerzen fehlte es nicht;
die meisten Metallgänge führten Spateisenstein und viele derselben
gingen in ihren Ausläufern in Eisenerzgänge aus; so rührte nament-
lich der Eisenreichtum des Ibergs bei Grund aus dem Zusammen-
treffen mehrerer solcher Gangausläufer her. Der Holzreichtum des

1) Siehe Wedding, a. a. O., S. 14.

Der Oberharz.
zweifelhaft ist. Vorläufig ist der Beweis nicht erbracht, daſs schon
vor Erbauung des Hochofens im Jahre 1546 ein Ofen zu Ilsenburg
bestanden hatte, mit welchem Guſswaren erzeugt wurden.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dagegen war dies be-
stimmt der Fall, und zwar goſs man im Jahre 1577 nach auf-
gefundenen Rechnungen daselbst Töpfe, Ringe, Gewichte, Ofenplatten,
Kugeln u. s. w. 1). Ihre Eisengieſser lieſsen die Grafen von Stolberg
aus dem Siegerlande kommen. Die Grafen Wolfgang, Ludwig und
Albrecht Georg schlossen mit Siegener Gieſsern schriftliche Verträge
ab, welche zum Teil noch im Stolberger Archiv vorhanden sind, in
welchen sich diese verpflichteten, groſse und kleine Öfen, Platten, Tische,
Cysternen, Büchsenkugeln u. s. w. zu gieſsen, ohne daſs es ihnen
aber, wie es scheint, gelang, ihren Verpflichtungen nachzukommen.
1548 fing ein engagierter „Massenbläser“ zum zweiten Mal an, Roh-
eisen zu erzeugen, welches er zu Töpfen, Amboſsen, Platten, Kugeln,
Böden und Zacken vergoſs. Vermutlich geschah das in Ilsenburg in
dem neuen Hochofen, der 1546 erbaut worden war.



Der Oberharz.

In ähnlicher aber doch ganz eigenartiger Weise entwickelte sich
das Eisenhüttenwesen im Oberharz. Hier hat das unmittelbare Ein-
greifen der Landesfürsten besonders segensreich gewirkt. Im Ober-
harz, wo sich am Rammelsberge Metallbergbau und Hüttenwesen so
früh entwickelten, kam auch die Eisenindustrie zu früher Blüte. Die
Bergarbeit im Rammelsberge verbrauchte eine groſse Menge Eisen
für Werkzeuge, und dies gab Veranlassung zu gröſserer Eisen-
gewinnung in der Nachbarschaft. Die Eisenindustrie des Oberharzes
stand immer in inniger Wechselbeziehung mit der Metallindustrie
und teilte deren Auf- und Niedergang. An Eisenerzen fehlte es nicht;
die meisten Metallgänge führten Spateisenstein und viele derselben
gingen in ihren Ausläufern in Eisenerzgänge aus; so rührte nament-
lich der Eisenreichtum des Ibergs bei Grund aus dem Zusammen-
treffen mehrerer solcher Gangausläufer her. Der Holzreichtum des

1) Siehe Wedding, a. a. O., S. 14.
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[773/0793] Der Oberharz. zweifelhaft ist. Vorläufig ist der Beweis nicht erbracht, daſs schon vor Erbauung des Hochofens im Jahre 1546 ein Ofen zu Ilsenburg bestanden hatte, mit welchem Guſswaren erzeugt wurden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts dagegen war dies be- stimmt der Fall, und zwar goſs man im Jahre 1577 nach auf- gefundenen Rechnungen daselbst Töpfe, Ringe, Gewichte, Ofenplatten, Kugeln u. s. w. 1). Ihre Eisengieſser lieſsen die Grafen von Stolberg aus dem Siegerlande kommen. Die Grafen Wolfgang, Ludwig und Albrecht Georg schlossen mit Siegener Gieſsern schriftliche Verträge ab, welche zum Teil noch im Stolberger Archiv vorhanden sind, in welchen sich diese verpflichteten, groſse und kleine Öfen, Platten, Tische, Cysternen, Büchsenkugeln u. s. w. zu gieſsen, ohne daſs es ihnen aber, wie es scheint, gelang, ihren Verpflichtungen nachzukommen. 1548 fing ein engagierter „Massenbläser“ zum zweiten Mal an, Roh- eisen zu erzeugen, welches er zu Töpfen, Amboſsen, Platten, Kugeln, Böden und Zacken vergoſs. Vermutlich geschah das in Ilsenburg in dem neuen Hochofen, der 1546 erbaut worden war. Der Oberharz. In ähnlicher aber doch ganz eigenartiger Weise entwickelte sich das Eisenhüttenwesen im Oberharz. Hier hat das unmittelbare Ein- greifen der Landesfürsten besonders segensreich gewirkt. Im Ober- harz, wo sich am Rammelsberge Metallbergbau und Hüttenwesen so früh entwickelten, kam auch die Eisenindustrie zu früher Blüte. Die Bergarbeit im Rammelsberge verbrauchte eine groſse Menge Eisen für Werkzeuge, und dies gab Veranlassung zu gröſserer Eisen- gewinnung in der Nachbarschaft. Die Eisenindustrie des Oberharzes stand immer in inniger Wechselbeziehung mit der Metallindustrie und teilte deren Auf- und Niedergang. An Eisenerzen fehlte es nicht; die meisten Metallgänge führten Spateisenstein und viele derselben gingen in ihren Ausläufern in Eisenerzgänge aus; so rührte nament- lich der Eisenreichtum des Ibergs bei Grund aus dem Zusammen- treffen mehrerer solcher Gangausläufer her. Der Holzreichtum des 1) Siehe Wedding, a. a. O., S. 14.

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Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 2: Das XVI. und XVII. Jahrhundert. Braunschweig, 1895, S. 773. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen02_1895/793>, abgerufen am 20.03.2019.