Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 5: Das XIX. Jahrhundert von 1860 bis zum Schluss. Braunschweig, 1903.

Bild:
<< vorherige Seite
Flammofenstahlschmelzen.
Flammofenstahlschmelzen.

Die Fabrikation und die Verwendung des Stahles hatten solche
Wichtigkeit erlangt, dass man sich nicht mit den Verbesserungen
des Bessemerprozesses in den sechziger Jahren begnügte, sondern alle
bekannten Methoden zu vervollkommnen und neue zu erfinden suchte.
Auch konnte der Bessemerstahl den Gussstahl namentlich als Werk-
zeugstahl nicht ersetzen und Bessemer erkannte es selbst an, dass
man, um guten Werkzeugstahl zu erhalten, den Bessemerstahl um-
schmelzen musste. Dieses Umschmelzen geschah Ende der fünfziger
Jahre noch ausschliesslich in Tiegeln und war natürlich sehr kost-
spielig. Da die Kenntnis der Wärme, der Wärmeerzeugung und der
Wärmebeförderungsmittel grosse Fortschritte gemacht hatte, so lag
es nahe, einen billigeren Weg des Stahlschmelzens aufzusuchen und
dem Problem der Gussstahlerzeugung im Flammofen näher zu
treten. Frühere Versuche in England zu Anfang des Jahrhunderts,
von Vandenbroek in Saarbrücken und von Breant in Frankreich
in den zwanziger Jahren, von J. M. Heath in England in den vierziger
Jahren (s. Bd. IV) waren alle gescheitert an der unzureichenden
Temperatur.

Josiah Marshall Heath hatte am 4. August 1845 ein Patent
auf ein Verfahren zur Stahlerzeugung genommen, darin bestehend,
dass er reines, in einem Kupolofen geschmolzenes Roheisen in einen
Flammofen leitete und es hier in möglichst hoher Temperatur, welche
durch Verbrennung von Kohlenoxydgas mit heisser Luft verstärkt
wurde, flüssig erhielt, während Schmiedeeisen zugesetzt und die Masse
in Gussstahl verwandelt wurde. Diesen konnte man dann durch ein
Abstichloch in Formen laufen lassen. Dieses Verfahren griff Sudre 1)
im Jahre 1858 auf und es gelang ihm, das Interesse Kaiser Napoleons
für dasselbe zu gewinnen, welcher hoffte, dass auf diesem Wege ein
billiger und brauchbarer Gussstahl für Artilleriezwecke hergestellt
werden könne. Sudre hatte bei seinen mehrjährigen Versuchen zu
Montataire mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen, da die grosse
Hitze, welche das Schmelzen des Stahls erforderte, die Ofenwände
rasch zerstörte. Im Jahre 1860 erzielte er einigen Erfolg durch
Anwendung geeigneter indifferenter Flüsse, wofür sich Glas und
Schlacken von Holzkohlenhochöfen am besten bewährten. Unter einer

1) Das englische Patent (Nr. 3007) nahm J. H. Johnson am 31. Dezbr. 1858.
Flammofenstahlschmelzen.
Flammofenstahlschmelzen.

Die Fabrikation und die Verwendung des Stahles hatten solche
Wichtigkeit erlangt, daſs man sich nicht mit den Verbesserungen
des Bessemerprozesses in den sechziger Jahren begnügte, sondern alle
bekannten Methoden zu vervollkommnen und neue zu erfinden suchte.
Auch konnte der Bessemerstahl den Guſsstahl namentlich als Werk-
zeugstahl nicht ersetzen und Bessemer erkannte es selbst an, daſs
man, um guten Werkzeugstahl zu erhalten, den Bessemerstahl um-
schmelzen muſste. Dieses Umschmelzen geschah Ende der fünfziger
Jahre noch ausschlieſslich in Tiegeln und war natürlich sehr kost-
spielig. Da die Kenntnis der Wärme, der Wärmeerzeugung und der
Wärmebeförderungsmittel groſse Fortschritte gemacht hatte, so lag
es nahe, einen billigeren Weg des Stahlschmelzens aufzusuchen und
dem Problem der Guſsstahlerzeugung im Flammofen näher zu
treten. Frühere Versuche in England zu Anfang des Jahrhunderts,
von Vandenbroek in Saarbrücken und von Bréant in Frankreich
in den zwanziger Jahren, von J. M. Heath in England in den vierziger
Jahren (s. Bd. IV) waren alle gescheitert an der unzureichenden
Temperatur.

Josiah Marshall Heath hatte am 4. August 1845 ein Patent
auf ein Verfahren zur Stahlerzeugung genommen, darin bestehend,
daſs er reines, in einem Kupolofen geschmolzenes Roheisen in einen
Flammofen leitete und es hier in möglichst hoher Temperatur, welche
durch Verbrennung von Kohlenoxydgas mit heiſser Luft verstärkt
wurde, flüssig erhielt, während Schmiedeeisen zugesetzt und die Masse
in Guſsstahl verwandelt wurde. Diesen konnte man dann durch ein
Abstichloch in Formen laufen lassen. Dieses Verfahren griff Sudre 1)
im Jahre 1858 auf und es gelang ihm, das Interesse Kaiser Napoleons
für dasselbe zu gewinnen, welcher hoffte, daſs auf diesem Wege ein
billiger und brauchbarer Guſsstahl für Artilleriezwecke hergestellt
werden könne. Sudre hatte bei seinen mehrjährigen Versuchen zu
Montataire mit groſsen Schwierigkeiten zu kämpfen, da die groſse
Hitze, welche das Schmelzen des Stahls erforderte, die Ofenwände
rasch zerstörte. Im Jahre 1860 erzielte er einigen Erfolg durch
Anwendung geeigneter indifferenter Flüsse, wofür sich Glas und
Schlacken von Holzkohlenhochöfen am besten bewährten. Unter einer

1) Das englische Patent (Nr. 3007) nahm J. H. Johnson am 31. Dezbr. 1858.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0187" n="171"/>
          <fw place="top" type="header">Flammofenstahlschmelzen.</fw><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b">Flammofenstahlschmelzen.</hi> </head><lb/>
            <p>Die Fabrikation und die Verwendung des Stahles hatten solche<lb/>
Wichtigkeit erlangt, da&#x017F;s man sich nicht mit den Verbesserungen<lb/>
des Bessemerprozesses in den sechziger Jahren begnügte, sondern alle<lb/>
bekannten Methoden zu vervollkommnen und neue zu erfinden suchte.<lb/>
Auch konnte der Bessemerstahl den Gu&#x017F;sstahl namentlich als Werk-<lb/>
zeugstahl nicht ersetzen und Bessemer erkannte es selbst an, da&#x017F;s<lb/>
man, um guten Werkzeugstahl zu erhalten, den Bessemerstahl um-<lb/>
schmelzen mu&#x017F;ste. Dieses Umschmelzen geschah Ende der fünfziger<lb/>
Jahre noch ausschlie&#x017F;slich in Tiegeln und war natürlich sehr kost-<lb/>
spielig. Da die Kenntnis der Wärme, der Wärmeerzeugung und der<lb/>
Wärmebeförderungsmittel gro&#x017F;se Fortschritte gemacht hatte, so lag<lb/>
es nahe, einen billigeren Weg des Stahlschmelzens aufzusuchen und<lb/>
dem Problem der <hi rendition="#g">Gu&#x017F;sstahlerzeugung im Flammofen</hi> näher zu<lb/>
treten. Frühere Versuche in England zu Anfang des Jahrhunderts,<lb/>
von <hi rendition="#g">Vandenbroek</hi> in Saarbrücken und von <hi rendition="#g">Bréant</hi> in Frankreich<lb/>
in den zwanziger Jahren, von J. M. <hi rendition="#g">Heath</hi> in England in den vierziger<lb/>
Jahren (s. Bd. IV) waren alle gescheitert an der unzureichenden<lb/>
Temperatur.</p><lb/>
            <p><hi rendition="#g">Josiah Marshall Heath</hi> hatte am 4. August 1845 ein Patent<lb/>
auf ein Verfahren zur Stahlerzeugung genommen, darin bestehend,<lb/>
da&#x017F;s er reines, in einem Kupolofen geschmolzenes Roheisen in einen<lb/>
Flammofen leitete und es hier in möglichst hoher Temperatur, welche<lb/>
durch Verbrennung von Kohlenoxydgas mit hei&#x017F;ser Luft verstärkt<lb/>
wurde, flüssig erhielt, während Schmiedeeisen zugesetzt und die Masse<lb/>
in Gu&#x017F;sstahl verwandelt wurde. Diesen konnte man dann durch ein<lb/>
Abstichloch in Formen laufen lassen. Dieses Verfahren griff <hi rendition="#g">Sudre</hi> <note place="foot" n="1)">Das englische Patent (Nr. 3007) nahm J. H. <hi rendition="#g">Johnson</hi> am 31. Dezbr. 1858.</note><lb/>
im Jahre 1858 auf und es gelang ihm, das Interesse Kaiser Napoleons<lb/>
für dasselbe zu gewinnen, welcher hoffte, da&#x017F;s auf diesem Wege ein<lb/>
billiger und brauchbarer Gu&#x017F;sstahl für Artilleriezwecke hergestellt<lb/>
werden könne. <hi rendition="#g">Sudre</hi> hatte bei seinen mehrjährigen Versuchen zu<lb/>
Montataire mit gro&#x017F;sen Schwierigkeiten zu kämpfen, da die gro&#x017F;se<lb/>
Hitze, welche das Schmelzen des Stahls erforderte, die Ofenwände<lb/>
rasch zerstörte. Im Jahre 1860 erzielte er einigen Erfolg durch<lb/>
Anwendung geeigneter indifferenter Flüsse, wofür sich Glas und<lb/>
Schlacken von Holzkohlenhochöfen am besten bewährten. Unter einer<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[171/0187] Flammofenstahlschmelzen. Flammofenstahlschmelzen. Die Fabrikation und die Verwendung des Stahles hatten solche Wichtigkeit erlangt, daſs man sich nicht mit den Verbesserungen des Bessemerprozesses in den sechziger Jahren begnügte, sondern alle bekannten Methoden zu vervollkommnen und neue zu erfinden suchte. Auch konnte der Bessemerstahl den Guſsstahl namentlich als Werk- zeugstahl nicht ersetzen und Bessemer erkannte es selbst an, daſs man, um guten Werkzeugstahl zu erhalten, den Bessemerstahl um- schmelzen muſste. Dieses Umschmelzen geschah Ende der fünfziger Jahre noch ausschlieſslich in Tiegeln und war natürlich sehr kost- spielig. Da die Kenntnis der Wärme, der Wärmeerzeugung und der Wärmebeförderungsmittel groſse Fortschritte gemacht hatte, so lag es nahe, einen billigeren Weg des Stahlschmelzens aufzusuchen und dem Problem der Guſsstahlerzeugung im Flammofen näher zu treten. Frühere Versuche in England zu Anfang des Jahrhunderts, von Vandenbroek in Saarbrücken und von Bréant in Frankreich in den zwanziger Jahren, von J. M. Heath in England in den vierziger Jahren (s. Bd. IV) waren alle gescheitert an der unzureichenden Temperatur. Josiah Marshall Heath hatte am 4. August 1845 ein Patent auf ein Verfahren zur Stahlerzeugung genommen, darin bestehend, daſs er reines, in einem Kupolofen geschmolzenes Roheisen in einen Flammofen leitete und es hier in möglichst hoher Temperatur, welche durch Verbrennung von Kohlenoxydgas mit heiſser Luft verstärkt wurde, flüssig erhielt, während Schmiedeeisen zugesetzt und die Masse in Guſsstahl verwandelt wurde. Diesen konnte man dann durch ein Abstichloch in Formen laufen lassen. Dieses Verfahren griff Sudre 1) im Jahre 1858 auf und es gelang ihm, das Interesse Kaiser Napoleons für dasselbe zu gewinnen, welcher hoffte, daſs auf diesem Wege ein billiger und brauchbarer Guſsstahl für Artilleriezwecke hergestellt werden könne. Sudre hatte bei seinen mehrjährigen Versuchen zu Montataire mit groſsen Schwierigkeiten zu kämpfen, da die groſse Hitze, welche das Schmelzen des Stahls erforderte, die Ofenwände rasch zerstörte. Im Jahre 1860 erzielte er einigen Erfolg durch Anwendung geeigneter indifferenter Flüsse, wofür sich Glas und Schlacken von Holzkohlenhochöfen am besten bewährten. Unter einer 1) Das englische Patent (Nr. 3007) nahm J. H. Johnson am 31. Dezbr. 1858.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen05_1903
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen05_1903/187
Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 5: Das XIX. Jahrhundert von 1860 bis zum Schluss. Braunschweig, 1903, S. 171. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen05_1903/187>, abgerufen am 24.03.2019.