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Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 5: Das XIX. Jahrhundert von 1860 bis zum Schluss. Braunschweig, 1903.

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Chemie seit 1870.

Die Zahl der Anmeldungen von 1877 bis 1893 betrug 157186,
der erteilten Patente 73340. Im September 1898 wurde das 100000.
Patent auf Grund von rund 220000 Anmeldungen erteilt.

In den Vereinigten Staaten hatte Ende 1899 die Menge der
Patente die Zahl 600000 überschritten.

Da zu jedem Patent eine Patentverschreibung gedruckt und ver-
öffentlicht wird, so lässt sich aus den vorstehenden Zahlen ermessen,
welchen Umfang diese Litteratur erlangt hat.

Chemie.

Die Chemie hat zu den grossen Fortschritten der Eisenindustrie
seit 1870 in hervorragender Weise beigetragen. Sie durchdringt und
beherrscht jetzt alle metallurgischen Betriebe in einer Weise, wie man
es früher nicht gekannt hat. Ihr Einfluss hat sich besonders nach
zwei Richtungen hin geltend gemacht, erstens in der theoretischen
Begründung der Eisenhüttenkunde, zweitens in der praktischen
Kontrolle des Eisenhüttenbetriebes.

Zu der theoretischen Begründung gehören die genaueren
Kenntnisse der Konstruktion der Eisenarten, des Verhaltens und des
Einflusses der wichtigsten Gemengteile, besonders des Kohlenstoffs,
Siliciums, Phosphors, Schwefels und Mangans, der Gase, welche in
Eisen und Stahl gelöst sind, der metallurgischen Vorgänge, insbesondere
bei dem neu erfundenen Thomasprozess, der Wärmechemie u. s. w.

Die praktische Kontrolle des Betriebes durch die Chemie
ist eine viel weitergehende geworden wie früher. In den fünfziger
Jahren sah man das Hüttenlaboratorium, das man nur auf Hochofen-
werken antraf, noch als eine Art von Luxus an, den sich nur die
grösseren Hütten gestatten konnten. Auch in den sechziger Jahren
blieben die Hüttenlaboratorien meist auf die Hochofenwerke beschränkt,
wo ihre Aufgabe darin bestand, die Qualität der Erze, Zuschläge und
Brennmaterialien und die richtige Beschickung der Hochöfen zu
kontrollieren. Roheisenanalysen wurden nur ausnahmsweise vor-
genommen, und man beschränkte sich in der Regel auf die qualitative
Ermittelung eines der als schädlich angesehenen Stoffe. Mit der
wachsenden Bedeutung der Flusseisenfabrikation wuchs aber auch die
Bedeutung der Analyse des Roheisens als deren Rohstoff, von dessen
Zusammensetzung das Gelingen des Prozesses und die Qualität des
Endproduktes abhängig war. Allmählich wurde die Roheisenanalyse
der Angelpunkt der Betriebskontrolle. Nach ihr wurde der Hochofen-

Chemie seit 1870.

Die Zahl der Anmeldungen von 1877 bis 1893 betrug 157186,
der erteilten Patente 73340. Im September 1898 wurde das 100000.
Patent auf Grund von rund 220000 Anmeldungen erteilt.

In den Vereinigten Staaten hatte Ende 1899 die Menge der
Patente die Zahl 600000 überschritten.

Da zu jedem Patent eine Patentverschreibung gedruckt und ver-
öffentlicht wird, so läſst sich aus den vorstehenden Zahlen ermessen,
welchen Umfang diese Litteratur erlangt hat.

Chemie.

Die Chemie hat zu den groſsen Fortschritten der Eisenindustrie
seit 1870 in hervorragender Weise beigetragen. Sie durchdringt und
beherrscht jetzt alle metallurgischen Betriebe in einer Weise, wie man
es früher nicht gekannt hat. Ihr Einfluſs hat sich besonders nach
zwei Richtungen hin geltend gemacht, erstens in der theoretischen
Begründung der Eisenhüttenkunde, zweitens in der praktischen
Kontrolle des Eisenhüttenbetriebes.

Zu der theoretischen Begründung gehören die genaueren
Kenntnisse der Konstruktion der Eisenarten, des Verhaltens und des
Einflusses der wichtigsten Gemengteile, besonders des Kohlenstoffs,
Siliciums, Phosphors, Schwefels und Mangans, der Gase, welche in
Eisen und Stahl gelöst sind, der metallurgischen Vorgänge, insbesondere
bei dem neu erfundenen Thomasprozeſs, der Wärmechemie u. s. w.

Die praktische Kontrolle des Betriebes durch die Chemie
ist eine viel weitergehende geworden wie früher. In den fünfziger
Jahren sah man das Hüttenlaboratorium, das man nur auf Hochofen-
werken antraf, noch als eine Art von Luxus an, den sich nur die
gröſseren Hütten gestatten konnten. Auch in den sechziger Jahren
blieben die Hüttenlaboratorien meist auf die Hochofenwerke beschränkt,
wo ihre Aufgabe darin bestand, die Qualität der Erze, Zuschläge und
Brennmaterialien und die richtige Beschickung der Hochöfen zu
kontrollieren. Roheisenanalysen wurden nur ausnahmsweise vor-
genommen, und man beschränkte sich in der Regel auf die qualitative
Ermittelung eines der als schädlich angesehenen Stoffe. Mit der
wachsenden Bedeutung der Fluſseisenfabrikation wuchs aber auch die
Bedeutung der Analyse des Roheisens als deren Rohstoff, von dessen
Zusammensetzung das Gelingen des Prozesses und die Qualität des
Endproduktes abhängig war. Allmählich wurde die Roheisenanalyse
der Angelpunkt der Betriebskontrolle. Nach ihr wurde der Hochofen-

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[336/0352] Chemie seit 1870. Die Zahl der Anmeldungen von 1877 bis 1893 betrug 157186, der erteilten Patente 73340. Im September 1898 wurde das 100000. Patent auf Grund von rund 220000 Anmeldungen erteilt. In den Vereinigten Staaten hatte Ende 1899 die Menge der Patente die Zahl 600000 überschritten. Da zu jedem Patent eine Patentverschreibung gedruckt und ver- öffentlicht wird, so läſst sich aus den vorstehenden Zahlen ermessen, welchen Umfang diese Litteratur erlangt hat. Chemie. Die Chemie hat zu den groſsen Fortschritten der Eisenindustrie seit 1870 in hervorragender Weise beigetragen. Sie durchdringt und beherrscht jetzt alle metallurgischen Betriebe in einer Weise, wie man es früher nicht gekannt hat. Ihr Einfluſs hat sich besonders nach zwei Richtungen hin geltend gemacht, erstens in der theoretischen Begründung der Eisenhüttenkunde, zweitens in der praktischen Kontrolle des Eisenhüttenbetriebes. Zu der theoretischen Begründung gehören die genaueren Kenntnisse der Konstruktion der Eisenarten, des Verhaltens und des Einflusses der wichtigsten Gemengteile, besonders des Kohlenstoffs, Siliciums, Phosphors, Schwefels und Mangans, der Gase, welche in Eisen und Stahl gelöst sind, der metallurgischen Vorgänge, insbesondere bei dem neu erfundenen Thomasprozeſs, der Wärmechemie u. s. w. Die praktische Kontrolle des Betriebes durch die Chemie ist eine viel weitergehende geworden wie früher. In den fünfziger Jahren sah man das Hüttenlaboratorium, das man nur auf Hochofen- werken antraf, noch als eine Art von Luxus an, den sich nur die gröſseren Hütten gestatten konnten. Auch in den sechziger Jahren blieben die Hüttenlaboratorien meist auf die Hochofenwerke beschränkt, wo ihre Aufgabe darin bestand, die Qualität der Erze, Zuschläge und Brennmaterialien und die richtige Beschickung der Hochöfen zu kontrollieren. Roheisenanalysen wurden nur ausnahmsweise vor- genommen, und man beschränkte sich in der Regel auf die qualitative Ermittelung eines der als schädlich angesehenen Stoffe. Mit der wachsenden Bedeutung der Fluſseisenfabrikation wuchs aber auch die Bedeutung der Analyse des Roheisens als deren Rohstoff, von dessen Zusammensetzung das Gelingen des Prozesses und die Qualität des Endproduktes abhängig war. Allmählich wurde die Roheisenanalyse der Angelpunkt der Betriebskontrolle. Nach ihr wurde der Hochofen-

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Zitationshilfe: Beck, Ludwig: Die Geschichte des Eisens. Bd. 5: Das XIX. Jahrhundert von 1860 bis zum Schluss. Braunschweig, 1903, S. 336. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/beck_eisen05_1903/352>, abgerufen am 24.03.2019.