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Berlepsch, Hermann Alexander: Die Alpen in Natur- und Lebensbildern. Leipzig, 1871.

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Legföhren.

Wie stehn auf hoher Alpenfluh
So klein die Bäume da!
Sie werden niedrer immerzu,
Je mehr dem Himmel nah.
Sie legen ab der Krone Stolz,
Des Wipfels rauschend Laub,
Den schlanken Stamm, das volle Holz,
Und beugen sich zum Staub.
(Stoeber.)

Jede Pflanze hat ihre Vegetationsregion, ihre horizontalen
und vertikalen Existenzbezirke, innerhalb welcher sie mit Erfolg
leben, gedeihen und sich fortpflanzen kann; über diese Gränzen
hinaus fehlen ihr die bedingenden Elemente zum Bestehen, sie ver¬
kümmert, siecht, wird zur Krüppelform oder stirbt gänzlich ab.
Diese Erscheinung zeigt sich tausendfältig: sie ist die Grundlage
der Pflanzen-Geographie. Die Palmen, Cacteen, Sycomoren,
Drachen- und Gummibäume, die Baumwoll- und Kaffeestaude und
andere Pflanzen tropischer Klimate fristen als Kabinetsstücke ihr
Leben bei uns nur durch sorgsame Pflege in der künstlich erzeugten
Wärme der Gewächshäuser, während dagegen unsere, an frischere,
kältere, nördlichere Temperatur gebundenen Laubwälder, unsere herr¬
lichen Eichen und Buchen, unsere früchtegesegneten Aepfel- und

Legföhren.

Wie ſtehn auf hoher Alpenfluh
So klein die Bäume da!
Sie werden niedrer immerzu,
Je mehr dem Himmel nah.
Sie legen ab der Krone Stolz,
Des Wipfels rauſchend Laub,
Den ſchlanken Stamm, das volle Holz,
Und beugen ſich zum Staub.
(Stoeber.)

Jede Pflanze hat ihre Vegetationsregion, ihre horizontalen
und vertikalen Exiſtenzbezirke, innerhalb welcher ſie mit Erfolg
leben, gedeihen und ſich fortpflanzen kann; über dieſe Gränzen
hinaus fehlen ihr die bedingenden Elemente zum Beſtehen, ſie ver¬
kümmert, ſiecht, wird zur Krüppelform oder ſtirbt gänzlich ab.
Dieſe Erſcheinung zeigt ſich tauſendfältig: ſie iſt die Grundlage
der Pflanzen-Geographie. Die Palmen, Cacteen, Sycomoren,
Drachen- und Gummibäume, die Baumwoll- und Kaffeeſtaude und
andere Pflanzen tropiſcher Klimate friſten als Kabinetsſtücke ihr
Leben bei uns nur durch ſorgſame Pflege in der künſtlich erzeugten
Wärme der Gewächshäuſer, während dagegen unſere, an friſchere,
kältere, nördlichere Temperatur gebundenen Laubwälder, unſere herr¬
lichen Eichen und Buchen, unſere früchtegeſegneten Aepfel- und

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[0115] Legföhren. Wie ſtehn auf hoher Alpenfluh So klein die Bäume da! Sie werden niedrer immerzu, Je mehr dem Himmel nah. Sie legen ab der Krone Stolz, Des Wipfels rauſchend Laub, Den ſchlanken Stamm, das volle Holz, Und beugen ſich zum Staub. (Stoeber.) Jede Pflanze hat ihre Vegetationsregion, ihre horizontalen und vertikalen Exiſtenzbezirke, innerhalb welcher ſie mit Erfolg leben, gedeihen und ſich fortpflanzen kann; über dieſe Gränzen hinaus fehlen ihr die bedingenden Elemente zum Beſtehen, ſie ver¬ kümmert, ſiecht, wird zur Krüppelform oder ſtirbt gänzlich ab. Dieſe Erſcheinung zeigt ſich tauſendfältig: ſie iſt die Grundlage der Pflanzen-Geographie. Die Palmen, Cacteen, Sycomoren, Drachen- und Gummibäume, die Baumwoll- und Kaffeeſtaude und andere Pflanzen tropiſcher Klimate friſten als Kabinetsſtücke ihr Leben bei uns nur durch ſorgſame Pflege in der künſtlich erzeugten Wärme der Gewächshäuſer, während dagegen unſere, an friſchere, kältere, nördlichere Temperatur gebundenen Laubwälder, unſere herr¬ lichen Eichen und Buchen, unſere früchtegeſegneten Aepfel- und

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Zitationshilfe: Berlepsch, Hermann Alexander: Die Alpen in Natur- und Lebensbildern. Leipzig, 1871, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/berlepsch_alpen_1861/115>, abgerufen am 01.06.2020.