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Blumenbach, Johann Friedrich: Anfangsgründe der Physiologie. (Übers. Joseph Eyerel). Wien, 1789.

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schaftlich, obgleich in einer ungleich größern Voll-
kommenheit; denn keine Gattung der Thiere hat
ein so viel befassendes, dauerhaftes Gedächtniß,
eine solche Lebhaftigkeit der Einbildungskraft, und
so einherstürmende Leidenschaften.

§. 288.

Allein das größte und einzige Vorrecht der
Menschenseele besteht in dem Gebrauche des Ver-
standes, der nicht nur die Quelle unserer Beur-
theilungskraft und unserer abgezogenen Begriffe
ist, sondern auch über alle andere Geistesfähig-
keiten seine Herrschaft verbreitet; da hingegen
die Thiere, damit die Verrichtungen den Absich-
ten der Natur entsprechen, in Ermanglung des
Verstandes mit blinden und unwillkührlichen Trie-
ben (instinctus) ausgerüstet sind, die dem Men-
schen, den Geschlechtstrieb ausgenommen, ver-
sagt sind.

§. 289.

Der Unterschied aber, welcher zwischen dem
Instinkt der Thiere, und zwischen dem menschli-
chen Verstande Statt findet, fällt deutlich in die
Augen.

Der Instinkt ist eine angebohrne Fähigkeit,
der Verstand hingegen ein Resultat der Kultur,
und der Erziehung.

Die Instinkte bleiben immer dieselben, sind
keiner Erweiterung fähig, u. s. w. Die Erwei-
terung des Verstandes hat keine bestimmten
Grenzen.

Der Instinkt entspricht genau der Lebenswei-
se, dem Klima u. s. w. einer jeglichen Thiergat-
tung, und paßt also schon aus diesem Grunde
nicht auf dem Menschen, der an kein Klima, an

schaftlich, obgleich in einer ungleich größern Voll-
kommenheit; denn keine Gattung der Thiere hat
ein so viel befassendes, dauerhaftes Gedächtniß,
eine solche Lebhaftigkeit der Einbildungskraft, und
so einherstürmende Leidenschaften.

§. 288.

Allein das größte und einzige Vorrecht der
Menschenseele besteht in dem Gebrauche des Ver-
standes, der nicht nur die Quelle unserer Beur-
theilungskraft und unserer abgezogenen Begriffe
ist, sondern auch über alle andere Geistesfähig-
keiten seine Herrschaft verbreitet; da hingegen
die Thiere, damit die Verrichtungen den Absich-
ten der Natur entsprechen, in Ermanglung des
Verstandes mit blinden und unwillkührlichen Trie-
ben (instinctus) ausgerüstet sind, die dem Men-
schen, den Geschlechtstrieb ausgenommen, ver-
sagt sind.

§. 289.

Der Unterschied aber, welcher zwischen dem
Instinkt der Thiere, und zwischen dem menschli-
chen Verstande Statt findet, fällt deutlich in die
Augen.

Der Instinkt ist eine angebohrne Fähigkeit,
der Verstand hingegen ein Resultat der Kultur,
und der Erziehung.

Die Instinkte bleiben immer dieselben, sind
keiner Erweiterung fähig, u. s. w. Die Erwei-
terung des Verstandes hat keine bestimmten
Grenzen.

Der Instinkt entspricht genau der Lebenswei-
se, dem Klima u. s. w. einer jeglichen Thiergat-
tung, und paßt also schon aus diesem Grunde
nicht auf dem Menschen, der an kein Klima, an

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[182/0200] schaftlich, obgleich in einer ungleich größern Voll- kommenheit; denn keine Gattung der Thiere hat ein so viel befassendes, dauerhaftes Gedächtniß, eine solche Lebhaftigkeit der Einbildungskraft, und so einherstürmende Leidenschaften. §. 288. Allein das größte und einzige Vorrecht der Menschenseele besteht in dem Gebrauche des Ver- standes, der nicht nur die Quelle unserer Beur- theilungskraft und unserer abgezogenen Begriffe ist, sondern auch über alle andere Geistesfähig- keiten seine Herrschaft verbreitet; da hingegen die Thiere, damit die Verrichtungen den Absich- ten der Natur entsprechen, in Ermanglung des Verstandes mit blinden und unwillkührlichen Trie- ben (instinctus) ausgerüstet sind, die dem Men- schen, den Geschlechtstrieb ausgenommen, ver- sagt sind. §. 289. Der Unterschied aber, welcher zwischen dem Instinkt der Thiere, und zwischen dem menschli- chen Verstande Statt findet, fällt deutlich in die Augen. Der Instinkt ist eine angebohrne Fähigkeit, der Verstand hingegen ein Resultat der Kultur, und der Erziehung. Die Instinkte bleiben immer dieselben, sind keiner Erweiterung fähig, u. s. w. Die Erwei- terung des Verstandes hat keine bestimmten Grenzen. Der Instinkt entspricht genau der Lebenswei- se, dem Klima u. s. w. einer jeglichen Thiergat- tung, und paßt also schon aus diesem Grunde nicht auf dem Menschen, der an kein Klima, an

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Zitationshilfe: Blumenbach, Johann Friedrich: Anfangsgründe der Physiologie. (Übers. Joseph Eyerel). Wien, 1789, S. 182. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/blumenbach_physiologie_1789/200>, abgerufen am 15.11.2018.