Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Bluntschli, Johann Caspar: Das moderne Völkerrecht der civilisirten Staten. Nördlingen, 1868.

Bild:
<< vorherige Seite
Achtes Buch.

Sicherheitspässe dürfen daher nicht an andere Personen zum Ge-
brauche überlassen werden. Wenn eine politisch oder militärisch gefährliche Person
als Frachtfuhrmann verwendet wird, um mit Hülfe des Geleitscheins in dieser Ver-
kleidung ins feindliche Lager sich hinüber zu retten und er wird entdeckt und trotz
des Geleitscheins arretirt, so kann er sich nicht über einen Treubruch beklagen, son-
dern liegt im Gegentheil ein je nach Umständen, insbesondere wenn Spionerei
oder Verrätherei beabsichtigt ist (vgl. § 683), kriegsgerichtlich zu bestrafender
Mißbrauch jener Erlaubniß vor. Wohl kann aber der Paß außer der benannten
Person auch ihre Familie, Dienerschaft, Gefolge, Gesellschaft, wenn das angedeutet
ist, schirmen. Nur darf auch hier nicht damit so Mißbrauch getrieben werden, daß
Personen, welche für gefährlicher betrachtet werden, als der genannte Paßinhaber,
unter die allgemeine Formel versteckt werden.

677.

Die Wirksamkeit des Sicherheitspasses und des Geleitscheins reicht
soweit als die militärische Gewalt des Heeres reicht, also je nach Umständen
in feindliches Gebiet hinein, aber nicht über jenen Bereich hinaus.

Diese Urkunden beruhen auf militärischer Autorität und können
daher nur innerhalb der Grenzen wirken, in denen dieselbe Gehorsam findet, nicht
aber in Gegenden Beachtung erwarten, in denen die feindliche Kriegsgewalt herrscht.

678.

Ist der Paß nur auf eine bestimmte Zeitfrist ertheilt, so erlischt
seine Wirksamkeit mit dem Ablauf der Zeitfrist. Wenn jedoch der Träger
des Passes ohne seine Schuld durch höhere Gewalt verhindert war, durch
das besetzte Gebiet hindurch zu kommen, so wird er zwar nicht durch den
Buchstaben der Erlaubniß, aber durch ihren Geist soweit geschützt, als es
die Umstände gestatten.

In allen Fällen ist die bona fides zu berücksichtigen. Gerade in Kriegs-
zeiten können sich dem Vollzug einer vielleicht auf wenige Tage oder sogar auf eine
Anzahl Stunden beschränkten Durchreise durch die Linien des Heeres so viele uner-
wartete Hindernisse entgegensetzen, daß es durchaus unbillig wäre, die Zeitbeschrän-
kung ohne Rücksicht auf solche Zufälle nach dem Wortlaute der Urkunde auszu-
legen.

679.

Auch während des Kriegs und auch dem Feinde gegenüber sind
Versprechen und Verträge in gutem Glauben zu halten, und das von

Achtes Buch.

Sicherheitspäſſe dürfen daher nicht an andere Perſonen zum Ge-
brauche überlaſſen werden. Wenn eine politiſch oder militäriſch gefährliche Perſon
als Frachtfuhrmann verwendet wird, um mit Hülfe des Geleitſcheins in dieſer Ver-
kleidung ins feindliche Lager ſich hinüber zu retten und er wird entdeckt und trotz
des Geleitſcheins arretirt, ſo kann er ſich nicht über einen Treubruch beklagen, ſon-
dern liegt im Gegentheil ein je nach Umſtänden, insbeſondere wenn Spionerei
oder Verrätherei beabſichtigt iſt (vgl. § 683), kriegsgerichtlich zu beſtrafender
Mißbrauch jener Erlaubniß vor. Wohl kann aber der Paß außer der benannten
Perſon auch ihre Familie, Dienerſchaft, Gefolge, Geſellſchaft, wenn das angedeutet
iſt, ſchirmen. Nur darf auch hier nicht damit ſo Mißbrauch getrieben werden, daß
Perſonen, welche für gefährlicher betrachtet werden, als der genannte Paßinhaber,
unter die allgemeine Formel verſteckt werden.

677.

Die Wirkſamkeit des Sicherheitspaſſes und des Geleitſcheins reicht
ſoweit als die militäriſche Gewalt des Heeres reicht, alſo je nach Umſtänden
in feindliches Gebiet hinein, aber nicht über jenen Bereich hinaus.

Dieſe Urkunden beruhen auf militäriſcher Autorität und können
daher nur innerhalb der Grenzen wirken, in denen dieſelbe Gehorſam findet, nicht
aber in Gegenden Beachtung erwarten, in denen die feindliche Kriegsgewalt herrſcht.

678.

Iſt der Paß nur auf eine beſtimmte Zeitfriſt ertheilt, ſo erliſcht
ſeine Wirkſamkeit mit dem Ablauf der Zeitfriſt. Wenn jedoch der Träger
des Paſſes ohne ſeine Schuld durch höhere Gewalt verhindert war, durch
das beſetzte Gebiet hindurch zu kommen, ſo wird er zwar nicht durch den
Buchſtaben der Erlaubniß, aber durch ihren Geiſt ſoweit geſchützt, als es
die Umſtände geſtatten.

In allen Fällen iſt die bona fides zu berückſichtigen. Gerade in Kriegs-
zeiten können ſich dem Vollzug einer vielleicht auf wenige Tage oder ſogar auf eine
Anzahl Stunden beſchränkten Durchreiſe durch die Linien des Heeres ſo viele uner-
wartete Hinderniſſe entgegenſetzen, daß es durchaus unbillig wäre, die Zeitbeſchrän-
kung ohne Rückſicht auf ſolche Zufälle nach dem Wortlaute der Urkunde auszu-
legen.

679.

Auch während des Kriegs und auch dem Feinde gegenüber ſind
Verſprechen und Verträge in gutem Glauben zu halten, und das von

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <div n="4">
              <pb facs="#f0392" n="370"/>
              <fw place="top" type="header">Achtes Buch.</fw><lb/>
              <p><hi rendition="#g">Sicherheitspä&#x017F;&#x017F;e</hi> dürfen daher nicht an <hi rendition="#g">andere Per&#x017F;onen</hi> zum Ge-<lb/>
brauche überla&#x017F;&#x017F;en werden. Wenn eine politi&#x017F;ch oder militäri&#x017F;ch gefährliche Per&#x017F;on<lb/>
als Frachtfuhrmann verwendet wird, um mit Hülfe des Geleit&#x017F;cheins in die&#x017F;er Ver-<lb/>
kleidung ins feindliche Lager &#x017F;ich hinüber zu retten und er wird entdeckt und trotz<lb/>
des Geleit&#x017F;cheins arretirt, &#x017F;o kann er &#x017F;ich nicht über einen Treubruch beklagen, &#x017F;on-<lb/>
dern liegt im Gegentheil ein je nach Um&#x017F;tänden, insbe&#x017F;ondere wenn Spionerei<lb/>
oder Verrätherei beab&#x017F;ichtigt i&#x017F;t (vgl. § 683), kriegsgerichtlich zu be&#x017F;trafender<lb/>
Mißbrauch jener Erlaubniß vor. Wohl kann aber der Paß außer der benannten<lb/>
Per&#x017F;on auch ihre Familie, Diener&#x017F;chaft, Gefolge, Ge&#x017F;ell&#x017F;chaft, wenn das angedeutet<lb/>
i&#x017F;t, &#x017F;chirmen. Nur darf auch hier nicht damit &#x017F;o Mißbrauch getrieben werden, daß<lb/>
Per&#x017F;onen, welche für gefährlicher betrachtet werden, als der genannte Paßinhaber,<lb/>
unter die allgemeine Formel ver&#x017F;teckt werden.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>677.</head><lb/>
              <p>Die Wirk&#x017F;amkeit des Sicherheitspa&#x017F;&#x017F;es und des Geleit&#x017F;cheins reicht<lb/>
&#x017F;oweit als die militäri&#x017F;che Gewalt des Heeres reicht, al&#x017F;o je nach Um&#x017F;tänden<lb/>
in feindliches Gebiet hinein, aber nicht über jenen Bereich hinaus.</p><lb/>
              <p>Die&#x017F;e Urkunden beruhen auf <hi rendition="#g">militäri&#x017F;cher Autorität</hi> und können<lb/>
daher nur innerhalb der Grenzen wirken, in denen die&#x017F;elbe Gehor&#x017F;am findet, nicht<lb/>
aber in Gegenden Beachtung erwarten, in denen die feindliche Kriegsgewalt herr&#x017F;cht.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>678.</head><lb/>
              <p>I&#x017F;t der Paß nur auf eine be&#x017F;timmte Zeitfri&#x017F;t ertheilt, &#x017F;o erli&#x017F;cht<lb/>
&#x017F;eine Wirk&#x017F;amkeit mit dem Ablauf der Zeitfri&#x017F;t. Wenn jedoch der Träger<lb/>
des Pa&#x017F;&#x017F;es ohne &#x017F;eine Schuld durch höhere Gewalt verhindert war, durch<lb/>
das be&#x017F;etzte Gebiet hindurch zu kommen, &#x017F;o wird er zwar nicht durch den<lb/>
Buch&#x017F;taben der Erlaubniß, aber durch ihren Gei&#x017F;t &#x017F;oweit ge&#x017F;chützt, als es<lb/>
die Um&#x017F;tände ge&#x017F;tatten.</p><lb/>
              <p>In allen Fällen i&#x017F;t die <hi rendition="#g"><hi rendition="#aq">bona fides</hi></hi> zu berück&#x017F;ichtigen. Gerade in Kriegs-<lb/>
zeiten können &#x017F;ich dem Vollzug einer vielleicht auf wenige Tage oder &#x017F;ogar auf eine<lb/>
Anzahl Stunden be&#x017F;chränkten Durchrei&#x017F;e durch die Linien des Heeres &#x017F;o viele uner-<lb/>
wartete Hinderni&#x017F;&#x017F;e entgegen&#x017F;etzen, daß es durchaus unbillig wäre, die Zeitbe&#x017F;chrän-<lb/>
kung ohne Rück&#x017F;icht auf &#x017F;olche Zufälle nach dem Wortlaute der Urkunde auszu-<lb/>
legen.</p>
            </div><lb/>
            <div n="4">
              <head>679.</head><lb/>
              <p>Auch während des Kriegs und auch dem Feinde gegenüber &#x017F;ind<lb/>
Ver&#x017F;prechen und Verträge in gutem Glauben zu halten, und das von<lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[370/0392] Achtes Buch. Sicherheitspäſſe dürfen daher nicht an andere Perſonen zum Ge- brauche überlaſſen werden. Wenn eine politiſch oder militäriſch gefährliche Perſon als Frachtfuhrmann verwendet wird, um mit Hülfe des Geleitſcheins in dieſer Ver- kleidung ins feindliche Lager ſich hinüber zu retten und er wird entdeckt und trotz des Geleitſcheins arretirt, ſo kann er ſich nicht über einen Treubruch beklagen, ſon- dern liegt im Gegentheil ein je nach Umſtänden, insbeſondere wenn Spionerei oder Verrätherei beabſichtigt iſt (vgl. § 683), kriegsgerichtlich zu beſtrafender Mißbrauch jener Erlaubniß vor. Wohl kann aber der Paß außer der benannten Perſon auch ihre Familie, Dienerſchaft, Gefolge, Geſellſchaft, wenn das angedeutet iſt, ſchirmen. Nur darf auch hier nicht damit ſo Mißbrauch getrieben werden, daß Perſonen, welche für gefährlicher betrachtet werden, als der genannte Paßinhaber, unter die allgemeine Formel verſteckt werden. 677. Die Wirkſamkeit des Sicherheitspaſſes und des Geleitſcheins reicht ſoweit als die militäriſche Gewalt des Heeres reicht, alſo je nach Umſtänden in feindliches Gebiet hinein, aber nicht über jenen Bereich hinaus. Dieſe Urkunden beruhen auf militäriſcher Autorität und können daher nur innerhalb der Grenzen wirken, in denen dieſelbe Gehorſam findet, nicht aber in Gegenden Beachtung erwarten, in denen die feindliche Kriegsgewalt herrſcht. 678. Iſt der Paß nur auf eine beſtimmte Zeitfriſt ertheilt, ſo erliſcht ſeine Wirkſamkeit mit dem Ablauf der Zeitfriſt. Wenn jedoch der Träger des Paſſes ohne ſeine Schuld durch höhere Gewalt verhindert war, durch das beſetzte Gebiet hindurch zu kommen, ſo wird er zwar nicht durch den Buchſtaben der Erlaubniß, aber durch ihren Geiſt ſoweit geſchützt, als es die Umſtände geſtatten. In allen Fällen iſt die bona fides zu berückſichtigen. Gerade in Kriegs- zeiten können ſich dem Vollzug einer vielleicht auf wenige Tage oder ſogar auf eine Anzahl Stunden beſchränkten Durchreiſe durch die Linien des Heeres ſo viele uner- wartete Hinderniſſe entgegenſetzen, daß es durchaus unbillig wäre, die Zeitbeſchrän- kung ohne Rückſicht auf ſolche Zufälle nach dem Wortlaute der Urkunde auszu- legen. 679. Auch während des Kriegs und auch dem Feinde gegenüber ſind Verſprechen und Verträge in gutem Glauben zu halten, und das von

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_voelkerrecht_1868
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_voelkerrecht_1868/392
Zitationshilfe: Bluntschli, Johann Caspar: Das moderne Völkerrecht der civilisirten Staten. Nördlingen, 1868, S. 370. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bluntschli_voelkerrecht_1868/392>, abgerufen am 21.02.2019.