Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und andrer geistvollen Schriften. Bd. 1. Zürich, 1741.

Bild:
<< vorherige Seite

Widerlegung der Relig. Essent.
nirgend anderswo, als in dem Objecto selbst
und dem Vermögen des Menschen dasselbe zu
erkennen liegen.

Eine offenbare Vermischung zweyer ganz un-
terschiedener Dinge, nemlich des Gegenstands
des Glaubens, oder dessen was man glaubt,
und des Fundaments oder Grunds, darum
man glaubt! Hr. Breitinger nimmt daher An-
laß den Unterscheid der zwey Begriffe wissen,
und glauben, in das rechte Licht zu sezen. Man
weiß das, dessen Möglichkeit und unmittelba-
rer Zusammenhang mit andern schon bekann-
ten Wahrheiten eingesehen wird; und man
glaubt das, was mit den Wahrheiten welche
die Vernunft erkennt, nicht unmittelbar zu sam-
menhängt, ja oft mit denselben scheint zu strei-
ten, (doch in den geoffenbareten Wahrheiten
nur scheint, weil Gott kraft seines unendlichen
Verstandes ihren Zusammenhang mit allen an-
dern wohl erkennt,) und was wir hingegen
durch Mittel anderer Säze damit verknüpfen,
die uns nicht zeigen wie, wol aber daß sie mit
denselben zusammenhangen, nemlich bey der Re-
ligion mit denen, daß Gott wahrhaftig, gerecht,
gütig etc. sey: Und gleichwie das zur Erläuterung
von unserm Hr. Verfasser angebrachte Beyspiel
des glaubenden Abrahams geschikt ist, den
Unterscheid dieser zween Begriffe recht empfind-
lich zu machen; also glauben wir daß der Un-
bekannte selbst eben wie andere Menschen, nach
Beschaffenheit der täglich vorkommenden Fäl-
le, bald glaube, bald wisse, und so diesem Un-
terscheid Zeugniß gebe. Wann nun eine Of-

fenba-
K 3

Widerlegung der Relig. Eſſent.
nirgend anderswo, als in dem Objecto ſelbſt
und dem Vermoͤgen des Menſchen daſſelbe zu
erkennen liegen.

Eine offenbare Vermiſchung zweyer ganz un-
terſchiedener Dinge, nemlich des Gegenſtands
des Glaubens, oder deſſen was man glaubt,
und des Fundaments oder Grunds, darum
man glaubt! Hr. Breitinger nimmt daher An-
laß den Unterſcheid der zwey Begriffe wiſſen,
und glauben, in das rechte Licht zu ſezen. Man
weiß das, deſſen Moͤglichkeit und unmittelba-
rer Zuſammenhang mit andern ſchon bekann-
ten Wahrheiten eingeſehen wird; und man
glaubt das, was mit den Wahrheiten welche
die Vernunft erkennt, nicht unmittelbar zu ſam-
menhaͤngt, ja oft mit denſelben ſcheint zu ſtrei-
ten, (doch in den geoffenbareten Wahrheiten
nur ſcheint, weil Gott kraft ſeines unendlichen
Verſtandes ihren Zuſammenhang mit allen an-
dern wohl erkennt,) und was wir hingegen
durch Mittel anderer Saͤze damit verknuͤpfen,
die uns nicht zeigen wie, wol aber daß ſie mit
denſelben zuſammenhangen, nemlich bey der Re-
ligion mit denen, daß Gott wahrhaftig, gerecht,
guͤtig ꝛc. ſey: Und gleichwie das zur Erlaͤuterung
von unſerm Hr. Verfaſſer angebrachte Beyſpiel
des glaubenden Abrahams geſchikt iſt, den
Unterſcheid dieſer zween Begriffe recht empfind-
lich zu machen; alſo glauben wir daß der Un-
bekannte ſelbſt eben wie andere Menſchen, nach
Beſchaffenheit der taͤglich vorkommenden Faͤl-
le, bald glaube, bald wiſſe, und ſo dieſem Un-
terſcheid Zeugniß gebe. Wann nun eine Of-

fenba-
K 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0165" n="149"/><fw place="top" type="header"><hi rendition="#b">Widerlegung der <hi rendition="#aq">Relig. E&#x017F;&#x017F;ent.</hi></hi></fw><lb/>
nirgend anderswo, als in dem <hi rendition="#aq">Objecto</hi> &#x017F;elb&#x017F;t<lb/>
und dem Vermo&#x0364;gen des Men&#x017F;chen da&#x017F;&#x017F;elbe zu<lb/>
erkennen liegen.</p><lb/>
          <p>Eine offenbare Vermi&#x017F;chung zweyer ganz un-<lb/>
ter&#x017F;chiedener Dinge, nemlich des Gegen&#x017F;tands<lb/>
des Glaubens, oder de&#x017F;&#x017F;en was man glaubt,<lb/>
und des Fundaments oder Grunds, darum<lb/>
man glaubt! Hr. Breitinger nimmt daher An-<lb/>
laß den Unter&#x017F;cheid der zwey Begriffe <hi rendition="#fr">wi&#x017F;&#x017F;en,</hi><lb/>
und <hi rendition="#fr">glauben,</hi> in das rechte Licht zu &#x017F;ezen. Man<lb/>
weiß das, de&#x017F;&#x017F;en Mo&#x0364;glichkeit und unmittelba-<lb/>
rer Zu&#x017F;ammenhang mit andern &#x017F;chon bekann-<lb/>
ten Wahrheiten einge&#x017F;ehen wird; und man<lb/>
glaubt das, was mit den Wahrheiten welche<lb/>
die Vernunft erkennt, nicht unmittelbar zu &#x017F;am-<lb/>
menha&#x0364;ngt, ja oft mit den&#x017F;elben &#x017F;cheint zu &#x017F;trei-<lb/>
ten, (doch in den geoffenbareten Wahrheiten<lb/>
nur &#x017F;cheint, weil Gott kraft &#x017F;eines unendlichen<lb/>
Ver&#x017F;tandes ihren Zu&#x017F;ammenhang mit allen an-<lb/>
dern wohl erkennt,) und was wir hingegen<lb/>
durch Mittel anderer Sa&#x0364;ze damit verknu&#x0364;pfen,<lb/>
die uns nicht zeigen wie, wol aber daß &#x017F;ie mit<lb/>
den&#x017F;elben zu&#x017F;ammenhangen, nemlich bey der Re-<lb/>
ligion mit denen, daß Gott wahrhaftig, gerecht,<lb/>
gu&#x0364;tig &#xA75B;c. &#x017F;ey: Und gleichwie das zur Erla&#x0364;uterung<lb/>
von un&#x017F;erm Hr. Verfa&#x017F;&#x017F;er angebrachte Bey&#x017F;piel<lb/>
des glaubenden Abrahams ge&#x017F;chikt i&#x017F;t, den<lb/>
Unter&#x017F;cheid die&#x017F;er zween Begriffe recht empfind-<lb/>
lich zu machen; al&#x017F;o glauben wir daß der Un-<lb/>
bekannte &#x017F;elb&#x017F;t eben wie andere Men&#x017F;chen, nach<lb/>
Be&#x017F;chaffenheit der ta&#x0364;glich vorkommenden Fa&#x0364;l-<lb/>
le, bald glaube, bald wi&#x017F;&#x017F;e, und &#x017F;o die&#x017F;em Un-<lb/>
ter&#x017F;cheid Zeugniß gebe. Wann nun eine Of-<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">K 3</fw><fw place="bottom" type="catch">fenba-</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[149/0165] Widerlegung der Relig. Eſſent. nirgend anderswo, als in dem Objecto ſelbſt und dem Vermoͤgen des Menſchen daſſelbe zu erkennen liegen. Eine offenbare Vermiſchung zweyer ganz un- terſchiedener Dinge, nemlich des Gegenſtands des Glaubens, oder deſſen was man glaubt, und des Fundaments oder Grunds, darum man glaubt! Hr. Breitinger nimmt daher An- laß den Unterſcheid der zwey Begriffe wiſſen, und glauben, in das rechte Licht zu ſezen. Man weiß das, deſſen Moͤglichkeit und unmittelba- rer Zuſammenhang mit andern ſchon bekann- ten Wahrheiten eingeſehen wird; und man glaubt das, was mit den Wahrheiten welche die Vernunft erkennt, nicht unmittelbar zu ſam- menhaͤngt, ja oft mit denſelben ſcheint zu ſtrei- ten, (doch in den geoffenbareten Wahrheiten nur ſcheint, weil Gott kraft ſeines unendlichen Verſtandes ihren Zuſammenhang mit allen an- dern wohl erkennt,) und was wir hingegen durch Mittel anderer Saͤze damit verknuͤpfen, die uns nicht zeigen wie, wol aber daß ſie mit denſelben zuſammenhangen, nemlich bey der Re- ligion mit denen, daß Gott wahrhaftig, gerecht, guͤtig ꝛc. ſey: Und gleichwie das zur Erlaͤuterung von unſerm Hr. Verfaſſer angebrachte Beyſpiel des glaubenden Abrahams geſchikt iſt, den Unterſcheid dieſer zween Begriffe recht empfind- lich zu machen; alſo glauben wir daß der Un- bekannte ſelbſt eben wie andere Menſchen, nach Beſchaffenheit der taͤglich vorkommenden Faͤl- le, bald glaube, bald wiſſe, und ſo dieſem Un- terſcheid Zeugniß gebe. Wann nun eine Of- fenba- K 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung01_1741
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung01_1741/165
Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und andrer geistvollen Schriften. Bd. 1. Zürich, 1741, S. 149. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung01_1741/165>, abgerufen am 15.07.2020.