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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 4. Zürich, 1742.

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Grundriß
Erstaunung ist nicht geringer, nachdem sie niemals
zuvor Jünglinge gesehen hatten. Zwo von denselben
flüchten; die dritte begiebt sich mit Japhet in
Unterredung. Jhr Vater Nemuel kömmt dazwi-
schen, und erkennt den Japhet vor den Sohn
der Semira, der Schwester seiner Mutter. Er
erzehlt ihm seine Flucht aus Eden.

"Sein Va-
"ter Seba hatte fünfzig Söhne, alles waren
"Helden; Kosbi sein Bruder hatte fünfzig Töch-
"ter, die schönsten ihres Geschlechtes. Sie wa-
"ren mit einander verlobet. Damals gieng eine
"von Kosbis Frauen auf dem Felde spazieren, wo
"sie von Seba ohne Gesellschaft gefunden und
"auf eines seiner Jagdhäuser verschlossen wird.
"Sie findet Mittel und Wege die Gewaltthat
"und Schande dem Kosbi durch ein historisches
"Stikwerk zu wissen zu thun. Dieser nimmt
"von allen seinen Töchtern einen Eid, daß sie die
"Söhne Seba in der Hochzeitnacht umbringen
"wollen. Alle stellen es ins Werk, Mandane
"ausgenommen, welche mit Nemuel entfliehet.
"Sie leben in einem einsamen Orte, ohne ei-
"nigen Umgang mit dem Menschen. Nach ei-
"ner langen Unfruchtbarkeit gebiehrt Mandane
"in einer Geburt drey Töchter. Nachdem sie
"dieselben kaum erzogen hatte, stirbt sie. Ne-
"muel, um ihre Berathung bekümmert, rufft den
"Herren an, der ihm verheißt, sie vor seinem
"Ende zu versorgen."

So weit gehet Nemuels
Erzehlung. Er erkennt, daß Japhet durch die gött-
liche Vorsehung zu ihm geführt worden, und ent-
schließt sich mit ihm nach des Noah Aufenthalt

zu

Grundriß
Erſtaunung iſt nicht geringer, nachdem ſie niemals
zuvor Juͤnglinge geſehen hatten. Zwo von denſelben
fluͤchten; die dritte begiebt ſich mit Japhet in
Unterredung. Jhr Vater Nemuel koͤmmt dazwi-
ſchen, und erkennt den Japhet vor den Sohn
der Semira, der Schweſter ſeiner Mutter. Er
erzehlt ihm ſeine Flucht aus Eden.

„Sein Va-
„ter Seba hatte fuͤnfzig Soͤhne, alles waren
„Helden; Kosbi ſein Bruder hatte fuͤnfzig Toͤch-
„ter, die ſchoͤnſten ihres Geſchlechtes. Sie wa-
„ren mit einander verlobet. Damals gieng eine
„von Kosbis Frauen auf dem Felde ſpazieren, wo
„ſie von Seba ohne Geſellſchaft gefunden und
„auf eines ſeiner Jagdhaͤuſer verſchloſſen wird.
„Sie findet Mittel und Wege die Gewaltthat
„und Schande dem Kosbi durch ein hiſtoriſches
„Stikwerk zu wiſſen zu thun. Dieſer nimmt
„von allen ſeinen Toͤchtern einen Eid, daß ſie die
„Soͤhne Seba in der Hochzeitnacht umbringen
„wollen. Alle ſtellen es ins Werk, Mandane
„ausgenommen, welche mit Nemuel entfliehet.
„Sie leben in einem einſamen Orte, ohne ei-
„nigen Umgang mit dem Menſchen. Nach ei-
„ner langen Unfruchtbarkeit gebiehrt Mandane
„in einer Geburt drey Toͤchter. Nachdem ſie
„dieſelben kaum erzogen hatte, ſtirbt ſie. Ne-
„muel, um ihre Berathung bekuͤmmert, rufft den
„Herren an, der ihm verheißt, ſie vor ſeinem
„Ende zu verſorgen.„

So weit gehet Nemuels
Erzehlung. Er erkennt, daß Japhet durch die goͤtt-
liche Vorſehung zu ihm gefuͤhrt worden, und ent-
ſchließt ſich mit ihm nach des Noah Aufenthalt

zu
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[4/0006] Grundriß Erſtaunung iſt nicht geringer, nachdem ſie niemals zuvor Juͤnglinge geſehen hatten. Zwo von denſelben fluͤchten; die dritte begiebt ſich mit Japhet in Unterredung. Jhr Vater Nemuel koͤmmt dazwi- ſchen, und erkennt den Japhet vor den Sohn der Semira, der Schweſter ſeiner Mutter. Er erzehlt ihm ſeine Flucht aus Eden. „Sein Va- „ter Seba hatte fuͤnfzig Soͤhne, alles waren „Helden; Kosbi ſein Bruder hatte fuͤnfzig Toͤch- „ter, die ſchoͤnſten ihres Geſchlechtes. Sie wa- „ren mit einander verlobet. Damals gieng eine „von Kosbis Frauen auf dem Felde ſpazieren, wo „ſie von Seba ohne Geſellſchaft gefunden und „auf eines ſeiner Jagdhaͤuſer verſchloſſen wird. „Sie findet Mittel und Wege die Gewaltthat „und Schande dem Kosbi durch ein hiſtoriſches „Stikwerk zu wiſſen zu thun. Dieſer nimmt „von allen ſeinen Toͤchtern einen Eid, daß ſie die „Soͤhne Seba in der Hochzeitnacht umbringen „wollen. Alle ſtellen es ins Werk, Mandane „ausgenommen, welche mit Nemuel entfliehet. „Sie leben in einem einſamen Orte, ohne ei- „nigen Umgang mit dem Menſchen. Nach ei- „ner langen Unfruchtbarkeit gebiehrt Mandane „in einer Geburt drey Toͤchter. Nachdem ſie „dieſelben kaum erzogen hatte, ſtirbt ſie. Ne- „muel, um ihre Berathung bekuͤmmert, rufft den „Herren an, der ihm verheißt, ſie vor ſeinem „Ende zu verſorgen.„ So weit gehet Nemuels Erzehlung. Er erkennt, daß Japhet durch die goͤtt- liche Vorſehung zu ihm gefuͤhrt worden, und ent- ſchließt ſich mit ihm nach des Noah Aufenthalt zu

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 4. Zürich, 1742, S. 4. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung04_1742/6>, abgerufen am 24.07.2019.