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[Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 7. Zürich, 1743.

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Abentheuer von der Aeneis

Unter denselben ist ein junger Aufsprößling von
gutem Hause, Nahmens Joh. Christoph Weiß,
ein zwar fähiger, aber dabey allzu flüchtiger Kopf,
der in der Literatur mehr die Bagatelle, als die
Gründlichkeit liebet, und insbesondere eine na-
türliche Neigung zum Sylbenmasse und den Rei-
men hat; womit er sich oft in den Gedancken
schlägt, wenn er einer ernsthaften Lection nach-
dencken sollte. Seit ein paar Jahre sind ihm
gewisse Büchelgen aus Leipzig von dergleichen
Materie in die Hände gerathen, welche ihm den
Kopf dergestalt zerrüttet haben, daß er biswei-
len in dem Paroxysmus um Sinnen und Gedan-
ken kömmt.

Dieser junge Weiß lieferte mir eine gereimte
Uebersetzung, ungeachtet ich nur eine prosaische
gefodert hatte, und machete dabey eine solche Mi-
ne, daß ich seine Hoffnung den aufgesetzten Danck
zu erlangen, deutlich daraus abnehmen konnte.
Allein ich hatte seine Arbeit kaum übersehen, als
ich wahrnahm, daß sie weit schlechter war, als
die andern Proben, und nichts weniger als den
Nahmen einer Uebersetzung, geschweige einer poe-
tischen Uebersetzung, verdienete. Sie betäubete
zwar das Ohr durch das Geklingel der Reimen
mit einigem Wohlklang, und schien diesfalls vor
den andern etwas vorauszuhaben; aber dieser Vor-
zug verschwand, sobald man sie von den Banden
der Reimen befreyete, und jedermann erkannte,
daß es eine ungestaltete und übel gerathene Geburt
war, welche die Merckmahle einer groben Unge-

schick-
Abentheuer von der Aeneis

Unter denſelben iſt ein junger Aufſproͤßling von
gutem Hauſe, Nahmens Joh. Chriſtoph Weiß,
ein zwar faͤhiger, aber dabey allzu fluͤchtiger Kopf,
der in der Literatur mehr die Bagatelle, als die
Gruͤndlichkeit liebet, und insbeſondere eine na-
tuͤrliche Neigung zum Sylbenmaſſe und den Rei-
men hat; womit er ſich oft in den Gedancken
ſchlaͤgt, wenn er einer ernſthaften Lection nach-
dencken ſollte. Seit ein paar Jahre ſind ihm
gewiſſe Buͤchelgen aus Leipzig von dergleichen
Materie in die Haͤnde gerathen, welche ihm den
Kopf dergeſtalt zerruͤttet haben, daß er biswei-
len in dem Paroxyſmus um Sinnen und Gedan-
ken koͤmmt.

Dieſer junge Weiß lieferte mir eine gereimte
Ueberſetzung, ungeachtet ich nur eine proſaiſche
gefodert hatte, und machete dabey eine ſolche Mi-
ne, daß ich ſeine Hoffnung den aufgeſetzten Danck
zu erlangen, deutlich daraus abnehmen konnte.
Allein ich hatte ſeine Arbeit kaum uͤberſehen, als
ich wahrnahm, daß ſie weit ſchlechter war, als
die andern Proben, und nichts weniger als den
Nahmen einer Ueberſetzung, geſchweige einer poe-
tiſchen Ueberſetzung, verdienete. Sie betaͤubete
zwar das Ohr durch das Geklingel der Reimen
mit einigem Wohlklang, und ſchien diesfalls vor
den andern etwas vorauszuhaben; aber dieſer Vor-
zug verſchwand, ſobald man ſie von den Banden
der Reimen befreyete, und jedermann erkannte,
daß es eine ungeſtaltete und uͤbel gerathene Geburt
war, welche die Merckmahle einer groben Unge-

ſchick-
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[82/0082] Abentheuer von der Aeneis Unter denſelben iſt ein junger Aufſproͤßling von gutem Hauſe, Nahmens Joh. Chriſtoph Weiß, ein zwar faͤhiger, aber dabey allzu fluͤchtiger Kopf, der in der Literatur mehr die Bagatelle, als die Gruͤndlichkeit liebet, und insbeſondere eine na- tuͤrliche Neigung zum Sylbenmaſſe und den Rei- men hat; womit er ſich oft in den Gedancken ſchlaͤgt, wenn er einer ernſthaften Lection nach- dencken ſollte. Seit ein paar Jahre ſind ihm gewiſſe Buͤchelgen aus Leipzig von dergleichen Materie in die Haͤnde gerathen, welche ihm den Kopf dergeſtalt zerruͤttet haben, daß er biswei- len in dem Paroxyſmus um Sinnen und Gedan- ken koͤmmt. Dieſer junge Weiß lieferte mir eine gereimte Ueberſetzung, ungeachtet ich nur eine proſaiſche gefodert hatte, und machete dabey eine ſolche Mi- ne, daß ich ſeine Hoffnung den aufgeſetzten Danck zu erlangen, deutlich daraus abnehmen konnte. Allein ich hatte ſeine Arbeit kaum uͤberſehen, als ich wahrnahm, daß ſie weit ſchlechter war, als die andern Proben, und nichts weniger als den Nahmen einer Ueberſetzung, geſchweige einer poe- tiſchen Ueberſetzung, verdienete. Sie betaͤubete zwar das Ohr durch das Geklingel der Reimen mit einigem Wohlklang, und ſchien diesfalls vor den andern etwas vorauszuhaben; aber dieſer Vor- zug verſchwand, ſobald man ſie von den Banden der Reimen befreyete, und jedermann erkannte, daß es eine ungeſtaltete und uͤbel gerathene Geburt war, welche die Merckmahle einer groben Unge- ſchick-

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Zitationshilfe: [Bodmer, Johann Jacob]: Sammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen Schriften. Bd. 7. Zürich, 1743, S. 82. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/bodmer_sammlung07_1743/82>, abgerufen am 13.07.2020.