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Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890.

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man in Paris. In dieser Form und als blau angelaufener Trauer-
degen
lebt sich heute diese Waffe aus. Der Degen gleich dem
Schwerte wurde im 16. Jahrhundert an einem
schmalen Riemen um die Mitte des Leibes ge-
tragen, von welchem an der rechten Seite, an
einem Ringe befestigt, eine dreiseitige sogenannte
"Tasche" herabhing, die aus einer Anzahl von
Riemen und Schnallen bestand, in welcher die
Waffe steckte. Ein weiterer schmaler Riemen lief
vorne von der Tasche gegen den Leibriemen, so
dass die Waffe in einer schiefen Lage hing. Erst im
17. Jahrhundert kamen die Bandeliere auf, welche
über die rechte Achsel getragen wurden; die Waffe
stak anfänglich in einer ganz ähnlichen, mit dem
breiten Bandelierriemen verbundenen Tasche.
(Fig. 328.)

Im Oriente hat der Degen zu keiner Zeit
Eingang gefunden. Aus dem alten Pörschwert
des 14. und 15. Jahrhunderts, das die Bestimmung
hatte, die Maschen des Panzerhemdes zu durch-
stossen, entwickelte sich der Panzerstecher mit
pfriemenförmiger aber sehr langer Klinge, der ge-
wissermassen als der Vorläufer des allerdings weit
leichteren Degens zu betrachten ist. Selbständig
entwickelt sich der orientalische Panzerstecher
(Fig. 329), der sich hauptsächlich durch seine
Fassung unterscheidet, sonst aber die gleiche Be-
stimmung hatte. Der orientalische Panzerstecher,
den wir bei den Arabern, Persern und Türken
bis ins 17. Jahrhundert antreffen, war immer ein
Bestandteil der Pferderüstung und wurde auch
hinter dem linken Sattelblatte versorgt. Ausserdem
führte der Mann den Säbel.



4. Der Dolch.

Der Dolch (franz. poignard, dague, engl. dagger,
ital. pugnale, von dem lateinischen pugione her-
kommend), in seiner deutschen Bezeichnung von
dem lateinischen dolequinus abgeleitet, ist eine
Blankwaffe mit kurzer Klinge, lediglich auf den
Stoss berechnet. Er kommt seit seinem ersten

[Abbildung] Fig. 329.

Orien-
talischer Panzer-
stecher
mit Fassung
aus vergoldetem Mes-
sing und mit Nephrit-
steinen besetzt. Kais.
Waffensammlung zu
Zarskoe-Selo.

19*

A. Blanke Waffen. 4. Der Dolch.
man in Paris. In dieser Form und als blau angelaufener Trauer-
degen
lebt sich heute diese Waffe aus. Der Degen gleich dem
Schwerte wurde im 16. Jahrhundert an einem
schmalen Riemen um die Mitte des Leibes ge-
tragen, von welchem an der rechten Seite, an
einem Ringe befestigt, eine dreiseitige sogenannte
„Tasche“ herabhing, die aus einer Anzahl von
Riemen und Schnallen bestand, in welcher die
Waffe steckte. Ein weiterer schmaler Riemen lief
vorne von der Tasche gegen den Leibriemen, so
daſs die Waffe in einer schiefen Lage hing. Erst im
17. Jahrhundert kamen die Bandeliere auf, welche
über die rechte Achsel getragen wurden; die Waffe
stak anfänglich in einer ganz ähnlichen, mit dem
breiten Bandelierriemen verbundenen Tasche.
(Fig. 328.)

Im Oriente hat der Degen zu keiner Zeit
Eingang gefunden. Aus dem alten Pörschwert
des 14. und 15. Jahrhunderts, das die Bestimmung
hatte, die Maschen des Panzerhemdes zu durch-
stoſsen, entwickelte sich der Panzerstecher mit
pfriemenförmiger aber sehr langer Klinge, der ge-
wissermaſsen als der Vorläufer des allerdings weit
leichteren Degens zu betrachten ist. Selbständig
entwickelt sich der orientalische Panzerstecher
(Fig. 329), der sich hauptsächlich durch seine
Fassung unterscheidet, sonst aber die gleiche Be-
stimmung hatte. Der orientalische Panzerstecher,
den wir bei den Arabern, Persern und Türken
bis ins 17. Jahrhundert antreffen, war immer ein
Bestandteil der Pferderüstung und wurde auch
hinter dem linken Sattelblatte versorgt. Auſserdem
führte der Mann den Säbel.



4. Der Dolch.

Der Dolch (franz. poignard, dague, engl. dagger,
ital. pugnale, von dem lateinischen pugione her-
kommend), in seiner deutschen Bezeichnung von
dem lateinischen dolequinus abgeleitet, ist eine
Blankwaffe mit kurzer Klinge, lediglich auf den
Stoſs berechnet. Er kommt seit seinem ersten

[Abbildung] Fig. 329.

Orien-
talischer Panzer-
stecher
mit Fassung
aus vergoldetem Mes-
sing und mit Nephrit-
steinen besetzt. Kais.
Waffensammlung zu
Zarskoë-Selo.

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[291/0309] A. Blanke Waffen. 4. Der Dolch. man in Paris. In dieser Form und als blau angelaufener Trauer- degen lebt sich heute diese Waffe aus. Der Degen gleich dem Schwerte wurde im 16. Jahrhundert an einem schmalen Riemen um die Mitte des Leibes ge- tragen, von welchem an der rechten Seite, an einem Ringe befestigt, eine dreiseitige sogenannte „Tasche“ herabhing, die aus einer Anzahl von Riemen und Schnallen bestand, in welcher die Waffe steckte. Ein weiterer schmaler Riemen lief vorne von der Tasche gegen den Leibriemen, so daſs die Waffe in einer schiefen Lage hing. Erst im 17. Jahrhundert kamen die Bandeliere auf, welche über die rechte Achsel getragen wurden; die Waffe stak anfänglich in einer ganz ähnlichen, mit dem breiten Bandelierriemen verbundenen Tasche. (Fig. 328.) Im Oriente hat der Degen zu keiner Zeit Eingang gefunden. Aus dem alten Pörschwert des 14. und 15. Jahrhunderts, das die Bestimmung hatte, die Maschen des Panzerhemdes zu durch- stoſsen, entwickelte sich der Panzerstecher mit pfriemenförmiger aber sehr langer Klinge, der ge- wissermaſsen als der Vorläufer des allerdings weit leichteren Degens zu betrachten ist. Selbständig entwickelt sich der orientalische Panzerstecher (Fig. 329), der sich hauptsächlich durch seine Fassung unterscheidet, sonst aber die gleiche Be- stimmung hatte. Der orientalische Panzerstecher, den wir bei den Arabern, Persern und Türken bis ins 17. Jahrhundert antreffen, war immer ein Bestandteil der Pferderüstung und wurde auch hinter dem linken Sattelblatte versorgt. Auſserdem führte der Mann den Säbel. 4. Der Dolch. Der Dolch (franz. poignard, dague, engl. dagger, ital. pugnale, von dem lateinischen pugione her- kommend), in seiner deutschen Bezeichnung von dem lateinischen dolequinus abgeleitet, ist eine Blankwaffe mit kurzer Klinge, lediglich auf den Stoſs berechnet. Er kommt seit seinem ersten [Abbildung Fig. 329. Orien- talischer Panzer- stecher mit Fassung aus vergoldetem Mes- sing und mit Nephrit- steinen besetzt. Kais. Waffensammlung zu Zarskoë-Selo.] 19*

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Zitationshilfe: Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890, S. 291. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boeheim_waffenkunde_1890/309>, abgerufen am 30.05.2020.