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Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890.

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II. Die Angriffswaffen.
wussten die Pariser Meister dadurch zu beseitigen, dass sie den Pfannen-
schuber mit dem Hahne durch ein Gestänge verbanden, sodass sich
ersterer beim Aufziehen öffnet. Eine charakteristische und wesent-
liche Neuerung ist in der Nuss mit ihren beiden Rasten zu sehen;
sie gewinnt aber nach vielen Studien erst die zweckentsprechende
Form. Bis etwa 1660 trifft man noch häufig geriffelte Schlagflächen
für Schwefelkies, von da an nur noch platte. Um dieselbe Zeit ver-
schwinden auch die Schnapphahnbatterien, die sich unverdienterweise
so lange im Gebrauche erhielten. Von dem Entstehen des Flintenschlosses
an datiert ein riesiger Aufschwung der französischen Büchsenmacher-
werkstätten unter dem Schutze, welchen ihnen namentlich Colbert ge-
währte. Die Arbeiten sind aber auch von einer Schönheit und Ele-
ganz, welche alle Bewunderung verdienen. Auf die Ausschmückung
der Schlösser wie der Läufe nahmen die ersten Künstler Frankreichs
im Fache der Dekoration, wie Lebrun, Berain, Brisseville und
viele andere, Einfluss. (Fig. 561.) Nach und nach erst bequemten sich
die deutschen Büchsenmacher dazu, von ihrem geliebten Radschlosse
zu lassen und Flintenschlösser zu erzeugen; bei ihrer ausgezeichneten
fachlichen Schulung gelang es ihnen aber im 18. Jahrhundert rasch
den Franzosen und Belgiern empfindlichste Konkurrenz zu machen,
ja einzelne, wie Ulrich Mänz in Braunschweig, S. Hauschka in
Wolfenbüttel, Andreas Kuchenreuter in Regensburg, L. Becher
in Karlsbad, Georg Keiser in Wien u. a., übertrafen bald die Fran-
zosen in der Schönheit und Güte ihrer Arbeiten.

Die Einfachheit und konzise Zusammenstellung des Mechanismus
gestattete ohne Schwierigkeit die Umwandlung des Flintenschlosses
in ein Stechschloss. Stechschlösser finden sich schon am Beginne
des 18. Jahrhunderts in nahezu derselben Form wie ein Jahrhundert
später.



7. Das Faustrohr und die Pistole.

Wir haben bereits früher erwähnt, dass das kurzläufige Faust-
rohr, die spätere Pistole, aus den Knallbüchsen des 14. Jahrhunderts
hervorgegangen ist, die die Reiter, auf dem Sattelbogen von einer
Gabel gestützt, abfeuerten. Diese Knallbüchsen besassen rückwärts einen
stangenartigen Fortsatz, welcher beim Anschlage an die Brustplatte
angestemmt wurde. Aus diesen plumpen und schweren Büchsen ent-
standen, nachdem es gelungen war, die Laufstärke zu ermässigen, die
Petrinals, welche zwar noch immer an die Brust angestemmt werden
mussten, doch keiner Gabelstütze mehr bedurften. Diese Petrinals be-

II. Die Angriffswaffen.
wuſsten die Pariser Meister dadurch zu beseitigen, daſs sie den Pfannen-
schuber mit dem Hahne durch ein Gestänge verbanden, sodaſs sich
ersterer beim Aufziehen öffnet. Eine charakteristische und wesent-
liche Neuerung ist in der Nuſs mit ihren beiden Rasten zu sehen;
sie gewinnt aber nach vielen Studien erst die zweckentsprechende
Form. Bis etwa 1660 trifft man noch häufig geriffelte Schlagflächen
für Schwefelkies, von da an nur noch platte. Um dieselbe Zeit ver-
schwinden auch die Schnapphahnbatterien, die sich unverdienterweise
so lange im Gebrauche erhielten. Von dem Entstehen des Flintenschlosses
an datiert ein riesiger Aufschwung der französischen Büchsenmacher-
werkstätten unter dem Schutze, welchen ihnen namentlich Colbert ge-
währte. Die Arbeiten sind aber auch von einer Schönheit und Ele-
ganz, welche alle Bewunderung verdienen. Auf die Ausschmückung
der Schlösser wie der Läufe nahmen die ersten Künstler Frankreichs
im Fache der Dekoration, wie Lebrun, Berain, Brisseville und
viele andere, Einfluſs. (Fig. 561.) Nach und nach erst bequemten sich
die deutschen Büchsenmacher dazu, von ihrem geliebten Radschlosse
zu lassen und Flintenschlösser zu erzeugen; bei ihrer ausgezeichneten
fachlichen Schulung gelang es ihnen aber im 18. Jahrhundert rasch
den Franzosen und Belgiern empfindlichste Konkurrenz zu machen,
ja einzelne, wie Ulrich Mänz in Braunschweig, S. Hauschka in
Wolfenbüttel, Andreas Kuchenreuter in Regensburg, L. Becher
in Karlsbad, Georg Keiser in Wien u. a., übertrafen bald die Fran-
zosen in der Schönheit und Güte ihrer Arbeiten.

Die Einfachheit und konzise Zusammenstellung des Mechanismus
gestattete ohne Schwierigkeit die Umwandlung des Flintenschlosses
in ein Stechschloſs. Stechschlösser finden sich schon am Beginne
des 18. Jahrhunderts in nahezu derselben Form wie ein Jahrhundert
später.



7. Das Faustrohr und die Pistole.

Wir haben bereits früher erwähnt, daſs das kurzläufige Faust-
rohr, die spätere Pistole, aus den Knallbüchsen des 14. Jahrhunderts
hervorgegangen ist, die die Reiter, auf dem Sattelbogen von einer
Gabel gestützt, abfeuerten. Diese Knallbüchsen besaſsen rückwärts einen
stangenartigen Fortsatz, welcher beim Anschlage an die Brustplatte
angestemmt wurde. Aus diesen plumpen und schweren Büchsen ent-
standen, nachdem es gelungen war, die Laufstärke zu ermäſsigen, die
Petrinals, welche zwar noch immer an die Brust angestemmt werden
muſsten, doch keiner Gabelstütze mehr bedurften. Diese Petrinals be-

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[482/0500] II. Die Angriffswaffen. wuſsten die Pariser Meister dadurch zu beseitigen, daſs sie den Pfannen- schuber mit dem Hahne durch ein Gestänge verbanden, sodaſs sich ersterer beim Aufziehen öffnet. Eine charakteristische und wesent- liche Neuerung ist in der Nuſs mit ihren beiden Rasten zu sehen; sie gewinnt aber nach vielen Studien erst die zweckentsprechende Form. Bis etwa 1660 trifft man noch häufig geriffelte Schlagflächen für Schwefelkies, von da an nur noch platte. Um dieselbe Zeit ver- schwinden auch die Schnapphahnbatterien, die sich unverdienterweise so lange im Gebrauche erhielten. Von dem Entstehen des Flintenschlosses an datiert ein riesiger Aufschwung der französischen Büchsenmacher- werkstätten unter dem Schutze, welchen ihnen namentlich Colbert ge- währte. Die Arbeiten sind aber auch von einer Schönheit und Ele- ganz, welche alle Bewunderung verdienen. Auf die Ausschmückung der Schlösser wie der Läufe nahmen die ersten Künstler Frankreichs im Fache der Dekoration, wie Lebrun, Berain, Brisseville und viele andere, Einfluſs. (Fig. 561.) Nach und nach erst bequemten sich die deutschen Büchsenmacher dazu, von ihrem geliebten Radschlosse zu lassen und Flintenschlösser zu erzeugen; bei ihrer ausgezeichneten fachlichen Schulung gelang es ihnen aber im 18. Jahrhundert rasch den Franzosen und Belgiern empfindlichste Konkurrenz zu machen, ja einzelne, wie Ulrich Mänz in Braunschweig, S. Hauschka in Wolfenbüttel, Andreas Kuchenreuter in Regensburg, L. Becher in Karlsbad, Georg Keiser in Wien u. a., übertrafen bald die Fran- zosen in der Schönheit und Güte ihrer Arbeiten. Die Einfachheit und konzise Zusammenstellung des Mechanismus gestattete ohne Schwierigkeit die Umwandlung des Flintenschlosses in ein Stechschloſs. Stechschlösser finden sich schon am Beginne des 18. Jahrhunderts in nahezu derselben Form wie ein Jahrhundert später. 7. Das Faustrohr und die Pistole. Wir haben bereits früher erwähnt, daſs das kurzläufige Faust- rohr, die spätere Pistole, aus den Knallbüchsen des 14. Jahrhunderts hervorgegangen ist, die die Reiter, auf dem Sattelbogen von einer Gabel gestützt, abfeuerten. Diese Knallbüchsen besaſsen rückwärts einen stangenartigen Fortsatz, welcher beim Anschlage an die Brustplatte angestemmt wurde. Aus diesen plumpen und schweren Büchsen ent- standen, nachdem es gelungen war, die Laufstärke zu ermäſsigen, die Petrinals, welche zwar noch immer an die Brust angestemmt werden muſsten, doch keiner Gabelstütze mehr bedurften. Diese Petrinals be-

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Zitationshilfe: Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890, S. 482. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boeheim_waffenkunde_1890/500>, abgerufen am 30.05.2020.