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Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890.

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VI. Die hervorragendsten Waffensammlungen.
13. Das Musee d'Artillerie in Paris.

Das unter den grossen Waffensammlungen durch Zahl und Wert
seiner Stücke hervorragende Musee d'Artillerie verdankt seine Ent-
stehung dem Grossmeister der Artillerie, Marschall Duc d'Humieres
1684. Diese erste Sammlung alter Waffen und Kriegsmodelle, die
zur Belehrung junger Artillerieoffiziere dienen sollte, wurde in den
Sälen des Magasin royal in der Bastille aufgestellt. Im Jahre 1755
vermehrte der Generalleutnant de Valliere die Sammlung durch
einige ältere Waffenstücke, die aus verschiedenen Arsenalen in der
Provinz nach Paris geschafft wurden, und ordnete die Aufstellung
eines Inventars an, das noch vorhanden ist.

Auf Veranlassung des berühmten Generals Gribeauval wurde die
Sammlung 1788 in das neuerbaute Musee d'Artillerie in weite und
schöne Säle übertragen. Ihre anfängliche frische Entwickelung wurde
durch die Revolution jäh unterbrochen. Das Gebäude wurde am
14. Juli 1789 vernichtet, die Sammlung aber verschleppt.

Verschiedene Versuche (1791--1794), eine ähnliche Sammlung
wiederherzustellen, scheiterten anfänglich, doch gelang es nach und
nach bei den wiederholten Waffenrequisitionen, alte Waffen auszu-
scheiden und mit diesen den Grund zu einem neuen Waffenmuseum
zu legen. Mit Senatsdekret vom 4. Frimaire 1796 wurde die Heran-
ziehung aller der Bewahrung wert scheinenden Waffen im Reiche an-
geordnet. Nicht ohne Widerstand gelang die Ausführung dieses De-
kretes. So lieferte Strassburg seine älteren Waffen erst 1799 aus,
und Bonaparte vermochte der Stadt Sedan gegenüber erst 1804 das
Dekret durchzusetzen. Eine beträchtliche Zahl von Waffen erhielt
das Museum aus dem Schlosse Chantilly. Im Jahre 1814 wurde die
Sammlung in der Bibliothek des ancien convent aufgestellt und neu
organisiert. Von 1815--1830 erhielt das Musee bedeutende Ver-
mehrungen, um die vorhandenen Lücken auszufüllen. Während der
Julirevolution wurde es trotz des heftigsten Widerstandes der Schweizer
und des Konservators Carpegna am 28. Juli 1830 ausgeleert, indes
sorgte die Pariser Bevölkerung dafür, dass schon vom folgenden Tage
an ein grosser Teil des Verschleppten zurückgebracht wurde. Das
Fehlende wurde durch Erwerbung der Sammlung des Duc de Reggio
teilweise wieder ergänzt. Im Jahre 1848 und auch 1871 erlitt das
Musee keine Verluste. Napoleon III. schuf 1852 das Musee des
Souverains im Louvre, infolgedessen wurden alle auf die Herrscher sich
beziehenden Waffenstücke, darunter 5 Harnische, dahin abgegeben,
1872 nach Auflösung dieses Museums aber wieder eingereiht. Im
Jahre 1879 wurde dem Staate die reiche Waffensammlung Napoleons III.
zu Pierrefonds als Eigentum rechtlich zugesprochen und mit dem

VI. Die hervorragendsten Waffensammlungen.
13. Das Musée d’Artillerie in Paris.

Das unter den groſsen Waffensammlungen durch Zahl und Wert
seiner Stücke hervorragende Musée d’Artillerie verdankt seine Ent-
stehung dem Groſsmeister der Artillerie, Marschall Duc d’Humières
1684. Diese erste Sammlung alter Waffen und Kriegsmodelle, die
zur Belehrung junger Artillerieoffiziere dienen sollte, wurde in den
Sälen des Magasin royal in der Bastille aufgestellt. Im Jahre 1755
vermehrte der Generalleutnant de Vallière die Sammlung durch
einige ältere Waffenstücke, die aus verschiedenen Arsenalen in der
Provinz nach Paris geschafft wurden, und ordnete die Aufstellung
eines Inventars an, das noch vorhanden ist.

Auf Veranlassung des berühmten Generals Gribeauval wurde die
Sammlung 1788 in das neuerbaute Musée d’Artillerie in weite und
schöne Säle übertragen. Ihre anfängliche frische Entwickelung wurde
durch die Revolution jäh unterbrochen. Das Gebäude wurde am
14. Juli 1789 vernichtet, die Sammlung aber verschleppt.

Verschiedene Versuche (1791—1794), eine ähnliche Sammlung
wiederherzustellen, scheiterten anfänglich, doch gelang es nach und
nach bei den wiederholten Waffenrequisitionen, alte Waffen auszu-
scheiden und mit diesen den Grund zu einem neuen Waffenmuseum
zu legen. Mit Senatsdekret vom 4. Frimaire 1796 wurde die Heran-
ziehung aller der Bewahrung wert scheinenden Waffen im Reiche an-
geordnet. Nicht ohne Widerstand gelang die Ausführung dieses De-
kretes. So lieferte Straſsburg seine älteren Waffen erst 1799 aus,
und Bonaparte vermochte der Stadt Sedan gegenüber erst 1804 das
Dekret durchzusetzen. Eine beträchtliche Zahl von Waffen erhielt
das Museum aus dem Schlosse Chantilly. Im Jahre 1814 wurde die
Sammlung in der Bibliothek des ancien convent aufgestellt und neu
organisiert. Von 1815—1830 erhielt das Musée bedeutende Ver-
mehrungen, um die vorhandenen Lücken auszufüllen. Während der
Julirevolution wurde es trotz des heftigsten Widerstandes der Schweizer
und des Konservators Carpegna am 28. Juli 1830 ausgeleert, indes
sorgte die Pariser Bevölkerung dafür, daſs schon vom folgenden Tage
an ein groſser Teil des Verschleppten zurückgebracht wurde. Das
Fehlende wurde durch Erwerbung der Sammlung des Duc de Reggio
teilweise wieder ergänzt. Im Jahre 1848 und auch 1871 erlitt das
Musée keine Verluste. Napoleon III. schuf 1852 das Musée des
Souverains im Louvre, infolgedessen wurden alle auf die Herrscher sich
beziehenden Waffenstücke, darunter 5 Harnische, dahin abgegeben,
1872 nach Auflösung dieses Museums aber wieder eingereiht. Im
Jahre 1879 wurde dem Staate die reiche Waffensammlung Napoleons III.
zu Pierrefonds als Eigentum rechtlich zugesprochen und mit dem

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[632/0650] VI. Die hervorragendsten Waffensammlungen. 13. Das Musée d’Artillerie in Paris. Das unter den groſsen Waffensammlungen durch Zahl und Wert seiner Stücke hervorragende Musée d’Artillerie verdankt seine Ent- stehung dem Groſsmeister der Artillerie, Marschall Duc d’Humières 1684. Diese erste Sammlung alter Waffen und Kriegsmodelle, die zur Belehrung junger Artillerieoffiziere dienen sollte, wurde in den Sälen des Magasin royal in der Bastille aufgestellt. Im Jahre 1755 vermehrte der Generalleutnant de Vallière die Sammlung durch einige ältere Waffenstücke, die aus verschiedenen Arsenalen in der Provinz nach Paris geschafft wurden, und ordnete die Aufstellung eines Inventars an, das noch vorhanden ist. Auf Veranlassung des berühmten Generals Gribeauval wurde die Sammlung 1788 in das neuerbaute Musée d’Artillerie in weite und schöne Säle übertragen. Ihre anfängliche frische Entwickelung wurde durch die Revolution jäh unterbrochen. Das Gebäude wurde am 14. Juli 1789 vernichtet, die Sammlung aber verschleppt. Verschiedene Versuche (1791—1794), eine ähnliche Sammlung wiederherzustellen, scheiterten anfänglich, doch gelang es nach und nach bei den wiederholten Waffenrequisitionen, alte Waffen auszu- scheiden und mit diesen den Grund zu einem neuen Waffenmuseum zu legen. Mit Senatsdekret vom 4. Frimaire 1796 wurde die Heran- ziehung aller der Bewahrung wert scheinenden Waffen im Reiche an- geordnet. Nicht ohne Widerstand gelang die Ausführung dieses De- kretes. So lieferte Straſsburg seine älteren Waffen erst 1799 aus, und Bonaparte vermochte der Stadt Sedan gegenüber erst 1804 das Dekret durchzusetzen. Eine beträchtliche Zahl von Waffen erhielt das Museum aus dem Schlosse Chantilly. Im Jahre 1814 wurde die Sammlung in der Bibliothek des ancien convent aufgestellt und neu organisiert. Von 1815—1830 erhielt das Musée bedeutende Ver- mehrungen, um die vorhandenen Lücken auszufüllen. Während der Julirevolution wurde es trotz des heftigsten Widerstandes der Schweizer und des Konservators Carpegna am 28. Juli 1830 ausgeleert, indes sorgte die Pariser Bevölkerung dafür, daſs schon vom folgenden Tage an ein groſser Teil des Verschleppten zurückgebracht wurde. Das Fehlende wurde durch Erwerbung der Sammlung des Duc de Reggio teilweise wieder ergänzt. Im Jahre 1848 und auch 1871 erlitt das Musée keine Verluste. Napoleon III. schuf 1852 das Musée des Souverains im Louvre, infolgedessen wurden alle auf die Herrscher sich beziehenden Waffenstücke, darunter 5 Harnische, dahin abgegeben, 1872 nach Auflösung dieses Museums aber wieder eingereiht. Im Jahre 1879 wurde dem Staate die reiche Waffensammlung Napoleons III. zu Pierrefonds als Eigentum rechtlich zugesprochen und mit dem

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Zitationshilfe: Boeheim, Wendelin: Handbuch der Waffenkunde. Leipzig, 1890, S. 632. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boeheim_waffenkunde_1890/650>, abgerufen am 19.07.2019.