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Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898.

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VI. Abschnitt. [Gleich. 194]
Zur Orientirung sei hier noch Folgendes bemerkt: Wenn zwei
Einzelatome zufällig so zusammenstossen, dass ihre empfind-
lichen Bezirke in einander eindringen, so wird wegen der
Kleinheit dieser Bezirke und wegen der grossen relativen Ge-
schwindigkeit der Atome, welche durch die chemischen Kräfte
nur erhöht wird, in den meisten Fällen die Zeit des Ueber-
einandergreifens der empfindlichen Bezirke, das wir in diesem
Falle eine uneigentliche chemische Bindung nennen, klein sein
gegenüber der Zeit, die durchschnittlich von einem bis zum
nächsten Zusammenstosse eines Moleküles vergeht. Dabei ist
die Energie des Doppelatomes so gross, dass sich beide Atome
wieder von einander trennen können.

Die Anzahl dieser uneigentlich gebundenen Atome ist
jedenfalls verschwindend klein gegen a, da sie immer nur sehr
kurze Zeit beisammen bleiben. Sie können also, wenn n2 nicht
sehr klein gegen a ist, auch zu n2 nur verschwindend wenig
beitragen. Nur durch Verwandlung von lebendiger Kraft der
Atomschwerpunkte in innere Energie der Atome (z. B. Drehung
derselben um ihre Axe oder innere Bewegung derselben) könnte,
falls die Atome nicht starre Kugeln sind, ein etwas längeres
Zusammensein bewirkt werden. (Erste Art eigentlicher che-
mischer Bindung.) Dagegen kann durch Intervention eines
dritten einfachen Atomes oder Doppelatomes, während die
empfindlichen Bezirke zweier anderer Atome in einander über-
greifen, die Energie so herabgesetzt werden, dass sie zum
Wiederauseinandergehen der beiden Atome gar nicht mehr
hinreicht, diese also mindestens bis zu einem neuen Zusammen-
stosse beisammen bleiben müssen. (Zweite Art der eigentlichen
chemischen Bindung.) In allen Fällen, wo unsere Rechnung
ergiebt, dass die Anzahl n2 der Doppelatome nicht verschwin-
dend klein ist gegen die Anzahl a aller Atome, müssen zahl-
reiche Doppelatome lange mit einander vereint bleiben. Der
Hauptvorzug unserer allgemeinen Formel ist gerade der, dass
sie die Anzahl der chemisch gebundenen Atompaare zu be-
rechnen gestattet, ohne dass man speciell auf den Vorgang
der Entstehung oder Wiederauflösung derselben einzugehen
braucht. Jedenfalls werden von den n2 durch Rechnung ge-
fundenen Doppelatomen, falls diese Zahl nicht überhaupt sehr
klein ist, in allen bis auf verschwindend wenige die Atome

VI. Abschnitt. [Gleich. 194]
Zur Orientirung sei hier noch Folgendes bemerkt: Wenn zwei
Einzelatome zufällig so zusammenstossen, dass ihre empfind-
lichen Bezirke in einander eindringen, so wird wegen der
Kleinheit dieser Bezirke und wegen der grossen relativen Ge-
schwindigkeit der Atome, welche durch die chemischen Kräfte
nur erhöht wird, in den meisten Fällen die Zeit des Ueber-
einandergreifens der empfindlichen Bezirke, das wir in diesem
Falle eine uneigentliche chemische Bindung nennen, klein sein
gegenüber der Zeit, die durchschnittlich von einem bis zum
nächsten Zusammenstosse eines Moleküles vergeht. Dabei ist
die Energie des Doppelatomes so gross, dass sich beide Atome
wieder von einander trennen können.

Die Anzahl dieser uneigentlich gebundenen Atome ist
jedenfalls verschwindend klein gegen a, da sie immer nur sehr
kurze Zeit beisammen bleiben. Sie können also, wenn n2 nicht
sehr klein gegen a ist, auch zu n2 nur verschwindend wenig
beitragen. Nur durch Verwandlung von lebendiger Kraft der
Atomschwerpunkte in innere Energie der Atome (z. B. Drehung
derselben um ihre Axe oder innere Bewegung derselben) könnte,
falls die Atome nicht starre Kugeln sind, ein etwas längeres
Zusammensein bewirkt werden. (Erste Art eigentlicher che-
mischer Bindung.) Dagegen kann durch Intervention eines
dritten einfachen Atomes oder Doppelatomes, während die
empfindlichen Bezirke zweier anderer Atome in einander über-
greifen, die Energie so herabgesetzt werden, dass sie zum
Wiederauseinandergehen der beiden Atome gar nicht mehr
hinreicht, diese also mindestens bis zu einem neuen Zusammen-
stosse beisammen bleiben müssen. (Zweite Art der eigentlichen
chemischen Bindung.) In allen Fällen, wo unsere Rechnung
ergiebt, dass die Anzahl n2 der Doppelatome nicht verschwin-
dend klein ist gegen die Anzahl a aller Atome, müssen zahl-
reiche Doppelatome lange mit einander vereint bleiben. Der
Hauptvorzug unserer allgemeinen Formel ist gerade der, dass
sie die Anzahl der chemisch gebundenen Atompaare zu be-
rechnen gestattet, ohne dass man speciell auf den Vorgang
der Entstehung oder Wiederauflösung derselben einzugehen
braucht. Jedenfalls werden von den n2 durch Rechnung ge-
fundenen Doppelatomen, falls diese Zahl nicht überhaupt sehr
klein ist, in allen bis auf verschwindend wenige die Atome

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[186/0204] VI. Abschnitt. [Gleich. 194] Zur Orientirung sei hier noch Folgendes bemerkt: Wenn zwei Einzelatome zufällig so zusammenstossen, dass ihre empfind- lichen Bezirke in einander eindringen, so wird wegen der Kleinheit dieser Bezirke und wegen der grossen relativen Ge- schwindigkeit der Atome, welche durch die chemischen Kräfte nur erhöht wird, in den meisten Fällen die Zeit des Ueber- einandergreifens der empfindlichen Bezirke, das wir in diesem Falle eine uneigentliche chemische Bindung nennen, klein sein gegenüber der Zeit, die durchschnittlich von einem bis zum nächsten Zusammenstosse eines Moleküles vergeht. Dabei ist die Energie des Doppelatomes so gross, dass sich beide Atome wieder von einander trennen können. Die Anzahl dieser uneigentlich gebundenen Atome ist jedenfalls verschwindend klein gegen a, da sie immer nur sehr kurze Zeit beisammen bleiben. Sie können also, wenn n2 nicht sehr klein gegen a ist, auch zu n2 nur verschwindend wenig beitragen. Nur durch Verwandlung von lebendiger Kraft der Atomschwerpunkte in innere Energie der Atome (z. B. Drehung derselben um ihre Axe oder innere Bewegung derselben) könnte, falls die Atome nicht starre Kugeln sind, ein etwas längeres Zusammensein bewirkt werden. (Erste Art eigentlicher che- mischer Bindung.) Dagegen kann durch Intervention eines dritten einfachen Atomes oder Doppelatomes, während die empfindlichen Bezirke zweier anderer Atome in einander über- greifen, die Energie so herabgesetzt werden, dass sie zum Wiederauseinandergehen der beiden Atome gar nicht mehr hinreicht, diese also mindestens bis zu einem neuen Zusammen- stosse beisammen bleiben müssen. (Zweite Art der eigentlichen chemischen Bindung.) In allen Fällen, wo unsere Rechnung ergiebt, dass die Anzahl n2 der Doppelatome nicht verschwin- dend klein ist gegen die Anzahl a aller Atome, müssen zahl- reiche Doppelatome lange mit einander vereint bleiben. Der Hauptvorzug unserer allgemeinen Formel ist gerade der, dass sie die Anzahl der chemisch gebundenen Atompaare zu be- rechnen gestattet, ohne dass man speciell auf den Vorgang der Entstehung oder Wiederauflösung derselben einzugehen braucht. Jedenfalls werden von den n2 durch Rechnung ge- fundenen Doppelatomen, falls diese Zahl nicht überhaupt sehr klein ist, in allen bis auf verschwindend wenige die Atome

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Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898, S. 186. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/204>, abgerufen am 28.09.2020.