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Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898.

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VII. Abschnitt. [Gleich. 290]
Zustände annehmen muss, ist also nicht nur keine Widerlegung,
sondern sogar eine Bestätigung unserer Theorie. Man darf
sich aber die Sache nicht so vorstellen, als ob zwei Gase, die
in einem mit absolut glatten indifferenten Wänden versehenen,
1/10 Liter enthaltenden Gefässe anfangs unvermischt waren,
sich mischen, nach einigen Tagen wieder entmischen, dann
wieder mischen u. s. w. Man findet vielmehr nach denselben
Principien, nach denen ich in Wied. Ann., Bd. 57, S. 783, 1896,
eine analoge Rechnung anstellte, dass erst nach einer Zeit,
die noch enorm gross gegenüber [Formel 1] Jahren ist, sich nach
der ersten Mischung wieder eine irgendwie bemerkbare Ent-
mischung einstellen würde. Dass dies praktisch gleichbedeutend
ist mit niemals, erkennt man, wenn man bedenkt, dass in
diesem Zeitraume gemäss den Wahrscheinlichkeitsgesetzen viele
Jahre enthalten sein müssten, in welchen durch blossen Zufall
an demselben Tage alle Einwohner einer grossen Stadt einen
Selbstmord begingen, oder in allen Gebäuden derselben ein
Brand entstünde, während doch die Versicherungsgesellschaften
sich in guter Uebereinstimmung mit den Thatsachen befinden,
wenn sie solche Fälle nicht in Betracht ziehen. Wenn nicht
eine selbst viel geringere Unwahrscheinlichkeit praktisch gleich-
bedeutend mit der Unmöglichkeit ist, so könnte sich Niemand
darauf verlassen, dass auf den heutigen Tag eine Nacht und
auf diese wieder ein Tag folgen wird.

Wir haben hier unser Augenmerk hauptsächlich auf die
Vorgänge in Gasen gerichtet und für diesen Fall die Function H
berechnet. Doch sind die Wahrscheinlichkeitsgesetze, welche
die Atombewegung in festen und tropfbar flüssigen Körpern
beherrschen, in dieser Hinsicht offenbar nicht qualitativ von
den für Gase geltenden verschieden, so dass die Berechnung
der der Entropie entsprechenden Function H auch für feste
und tropfbar flüssige Körper zwar vielleicht grössere mathe-
matische Schwierigkeiten, aber keinerlei principielle hat.

§ 89. Beziehung zum zweiten Hauptsatze der
Wärmetheorie
.

Wenn wir uns also die Welt unter dem Bilde eines enorm
grossen, aus enorm zahlreichen Atomen zusammengesetzten
mechanischen Systemes denken, das von einem sehr voll-

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Zustände annehmen muss, ist also nicht nur keine Widerlegung,
sondern sogar eine Bestätigung unserer Theorie. Man darf
sich aber die Sache nicht so vorstellen, als ob zwei Gase, die
in einem mit absolut glatten indifferenten Wänden versehenen,
1/10 Liter enthaltenden Gefässe anfangs unvermischt waren,
sich mischen, nach einigen Tagen wieder entmischen, dann
wieder mischen u. s. w. Man findet vielmehr nach denselben
Principien, nach denen ich in Wied. Ann., Bd. 57, S. 783, 1896,
eine analoge Rechnung anstellte, dass erst nach einer Zeit,
die noch enorm gross gegenüber [Formel 1] Jahren ist, sich nach
der ersten Mischung wieder eine irgendwie bemerkbare Ent-
mischung einstellen würde. Dass dies praktisch gleichbedeutend
ist mit niemals, erkennt man, wenn man bedenkt, dass in
diesem Zeitraume gemäss den Wahrscheinlichkeitsgesetzen viele
Jahre enthalten sein müssten, in welchen durch blossen Zufall
an demselben Tage alle Einwohner einer grossen Stadt einen
Selbstmord begingen, oder in allen Gebäuden derselben ein
Brand entstünde, während doch die Versicherungsgesellschaften
sich in guter Uebereinstimmung mit den Thatsachen befinden,
wenn sie solche Fälle nicht in Betracht ziehen. Wenn nicht
eine selbst viel geringere Unwahrscheinlichkeit praktisch gleich-
bedeutend mit der Unmöglichkeit ist, so könnte sich Niemand
darauf verlassen, dass auf den heutigen Tag eine Nacht und
auf diese wieder ein Tag folgen wird.

Wir haben hier unser Augenmerk hauptsächlich auf die
Vorgänge in Gasen gerichtet und für diesen Fall die Function H
berechnet. Doch sind die Wahrscheinlichkeitsgesetze, welche
die Atombewegung in festen und tropfbar flüssigen Körpern
beherrschen, in dieser Hinsicht offenbar nicht qualitativ von
den für Gase geltenden verschieden, so dass die Berechnung
der der Entropie entsprechenden Function H auch für feste
und tropfbar flüssige Körper zwar vielleicht grössere mathe-
matische Schwierigkeiten, aber keinerlei principielle hat.

§ 89. Beziehung zum zweiten Hauptsatze der
Wärmetheorie
.

Wenn wir uns also die Welt unter dem Bilde eines enorm
grossen, aus enorm zahlreichen Atomen zusammengesetzten
mechanischen Systemes denken, das von einem sehr voll-

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[254/0272] VII. Abschnitt. [Gleich. 290] Zustände annehmen muss, ist also nicht nur keine Widerlegung, sondern sogar eine Bestätigung unserer Theorie. Man darf sich aber die Sache nicht so vorstellen, als ob zwei Gase, die in einem mit absolut glatten indifferenten Wänden versehenen, 1/10 Liter enthaltenden Gefässe anfangs unvermischt waren, sich mischen, nach einigen Tagen wieder entmischen, dann wieder mischen u. s. w. Man findet vielmehr nach denselben Principien, nach denen ich in Wied. Ann., Bd. 57, S. 783, 1896, eine analoge Rechnung anstellte, dass erst nach einer Zeit, die noch enorm gross gegenüber [FORMEL] Jahren ist, sich nach der ersten Mischung wieder eine irgendwie bemerkbare Ent- mischung einstellen würde. Dass dies praktisch gleichbedeutend ist mit niemals, erkennt man, wenn man bedenkt, dass in diesem Zeitraume gemäss den Wahrscheinlichkeitsgesetzen viele Jahre enthalten sein müssten, in welchen durch blossen Zufall an demselben Tage alle Einwohner einer grossen Stadt einen Selbstmord begingen, oder in allen Gebäuden derselben ein Brand entstünde, während doch die Versicherungsgesellschaften sich in guter Uebereinstimmung mit den Thatsachen befinden, wenn sie solche Fälle nicht in Betracht ziehen. Wenn nicht eine selbst viel geringere Unwahrscheinlichkeit praktisch gleich- bedeutend mit der Unmöglichkeit ist, so könnte sich Niemand darauf verlassen, dass auf den heutigen Tag eine Nacht und auf diese wieder ein Tag folgen wird. Wir haben hier unser Augenmerk hauptsächlich auf die Vorgänge in Gasen gerichtet und für diesen Fall die Function H berechnet. Doch sind die Wahrscheinlichkeitsgesetze, welche die Atombewegung in festen und tropfbar flüssigen Körpern beherrschen, in dieser Hinsicht offenbar nicht qualitativ von den für Gase geltenden verschieden, so dass die Berechnung der der Entropie entsprechenden Function H auch für feste und tropfbar flüssige Körper zwar vielleicht grössere mathe- matische Schwierigkeiten, aber keinerlei principielle hat. § 89. Beziehung zum zweiten Hauptsatze der Wärmetheorie. Wenn wir uns also die Welt unter dem Bilde eines enorm grossen, aus enorm zahlreichen Atomen zusammengesetzten mechanischen Systemes denken, das von einem sehr voll-

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Zitationshilfe: Boltzmann, Ludwig: Vorlesungen über Gastheorie. Bd. 2. Leipzig, 1898, S. 254. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/boltzmann_gastheorie02_1898/272>, abgerufen am 15.09.2019.