Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Brentano, Clemens: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 1. München, [1871], S. [107]–162. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

Bild:
<< vorherige Seite

Luft und schrie: Hülfe, Hülfe, Diebe, Hülfe! Die Bauern, von dem Gerichtshalter erweckt, welche schon herannahten, um sich über die verschiedenen Wege zu bereden, auf denen sie die Einbrecher in der Mühle verfolgen wollten, stürzten auf den Schuß und das Geschrei ins Haus. Der alte Finkel flehte immer noch, der Sohn solle ihm die Thür öffnen, der aber sagte: Ich bin ein Soldat und muß der Gerechtigkeit dienen. Da traten der Gerichtshalter und die Bauern heran. Kasper sagte: Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Gerichtshalter, mein Vater, mein Bruder sind selbst die Diebe, o daß ich nie geboren wäre! hier im Stall hab' ich sie gefangen, mein Felleisen liegt im Miste vergraben. -- Da sprangen die Bauern in den Stall und banden den alten Finkel und seinen Sohn und schleppten sie in ihre Stube. Kasper aber grub das Felleisen hervor und nahm die zwei Kränze heraus und ging nicht in die Stube, er ging nach dem Kirchhof an das Grab seiner Mutter. Der Tag war angebrochen. Ich war auf der Wiese gewesen und hatte für mich und für Kasper zwei Kränze von Blümelein Vergißnichtmein geflochten; ich dachte: er soll mit mir das Grab seiner Mutter schmücken, wenn er von seinem Ritte zurückkommt. Da hörte ich allerlei ungewohnten Lärm im Dorf, und weil ich das Getümmel nicht mag und am Liebsten allein bin, so ging ich ums Dorf herum nach dem Kirchhofe. Da fiel ein Schuß, ich sah den Dampf in die Höhe steigen, ich eilte auf den Kirchhof, o du lieber Heiland! erbarme

Luft und schrie: Hülfe, Hülfe, Diebe, Hülfe! Die Bauern, von dem Gerichtshalter erweckt, welche schon herannahten, um sich über die verschiedenen Wege zu bereden, auf denen sie die Einbrecher in der Mühle verfolgen wollten, stürzten auf den Schuß und das Geschrei ins Haus. Der alte Finkel flehte immer noch, der Sohn solle ihm die Thür öffnen, der aber sagte: Ich bin ein Soldat und muß der Gerechtigkeit dienen. Da traten der Gerichtshalter und die Bauern heran. Kasper sagte: Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Gerichtshalter, mein Vater, mein Bruder sind selbst die Diebe, o daß ich nie geboren wäre! hier im Stall hab' ich sie gefangen, mein Felleisen liegt im Miste vergraben. — Da sprangen die Bauern in den Stall und banden den alten Finkel und seinen Sohn und schleppten sie in ihre Stube. Kasper aber grub das Felleisen hervor und nahm die zwei Kränze heraus und ging nicht in die Stube, er ging nach dem Kirchhof an das Grab seiner Mutter. Der Tag war angebrochen. Ich war auf der Wiese gewesen und hatte für mich und für Kasper zwei Kränze von Blümelein Vergißnichtmein geflochten; ich dachte: er soll mit mir das Grab seiner Mutter schmücken, wenn er von seinem Ritte zurückkommt. Da hörte ich allerlei ungewohnten Lärm im Dorf, und weil ich das Getümmel nicht mag und am Liebsten allein bin, so ging ich ums Dorf herum nach dem Kirchhofe. Da fiel ein Schuß, ich sah den Dampf in die Höhe steigen, ich eilte auf den Kirchhof, o du lieber Heiland! erbarme

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0034"/>
Luft und schrie: Hülfe,                Hülfe, Diebe, Hülfe! Die Bauern, von dem Gerichtshalter erweckt, welche schon                herannahten, um sich über die verschiedenen Wege zu bereden, auf denen sie die                Einbrecher in der Mühle verfolgen wollten, stürzten auf den Schuß und das Geschrei                ins Haus. Der alte Finkel flehte immer noch, der Sohn solle ihm die Thür öffnen, der                aber sagte: Ich bin ein Soldat und muß der Gerechtigkeit dienen. Da traten der                Gerichtshalter und die Bauern heran. Kasper sagte: Um Gottes Barmherzigkeit willen,                Herr Gerichtshalter, mein Vater, mein Bruder sind selbst die Diebe, o daß ich nie                geboren wäre! hier im Stall hab' ich sie gefangen, mein Felleisen liegt im Miste                vergraben. &#x2014; Da sprangen die Bauern in den Stall und banden den alten Finkel und                seinen Sohn und schleppten sie in ihre Stube. Kasper aber grub das Felleisen hervor                und nahm die zwei Kränze heraus und ging nicht in die Stube, er ging nach dem                Kirchhof an das Grab seiner Mutter. Der Tag war angebrochen. Ich war auf der Wiese                gewesen und hatte für mich und für Kasper zwei Kränze von Blümelein Vergißnichtmein                geflochten; ich dachte: er soll mit mir das Grab seiner Mutter schmücken, wenn er von                seinem Ritte zurückkommt. Da hörte ich allerlei ungewohnten Lärm im Dorf, und weil                ich das Getümmel nicht mag und am Liebsten allein bin, so ging ich ums Dorf herum                nach dem Kirchhofe. Da fiel ein Schuß, ich sah den Dampf in die Höhe steigen, ich                eilte auf den Kirchhof, o du lieber Heiland! erbarme<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[0034] Luft und schrie: Hülfe, Hülfe, Diebe, Hülfe! Die Bauern, von dem Gerichtshalter erweckt, welche schon herannahten, um sich über die verschiedenen Wege zu bereden, auf denen sie die Einbrecher in der Mühle verfolgen wollten, stürzten auf den Schuß und das Geschrei ins Haus. Der alte Finkel flehte immer noch, der Sohn solle ihm die Thür öffnen, der aber sagte: Ich bin ein Soldat und muß der Gerechtigkeit dienen. Da traten der Gerichtshalter und die Bauern heran. Kasper sagte: Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Gerichtshalter, mein Vater, mein Bruder sind selbst die Diebe, o daß ich nie geboren wäre! hier im Stall hab' ich sie gefangen, mein Felleisen liegt im Miste vergraben. — Da sprangen die Bauern in den Stall und banden den alten Finkel und seinen Sohn und schleppten sie in ihre Stube. Kasper aber grub das Felleisen hervor und nahm die zwei Kränze heraus und ging nicht in die Stube, er ging nach dem Kirchhof an das Grab seiner Mutter. Der Tag war angebrochen. Ich war auf der Wiese gewesen und hatte für mich und für Kasper zwei Kränze von Blümelein Vergißnichtmein geflochten; ich dachte: er soll mit mir das Grab seiner Mutter schmücken, wenn er von seinem Ritte zurückkommt. Da hörte ich allerlei ungewohnten Lärm im Dorf, und weil ich das Getümmel nicht mag und am Liebsten allein bin, so ging ich ums Dorf herum nach dem Kirchhofe. Da fiel ein Schuß, ich sah den Dampf in die Höhe steigen, ich eilte auf den Kirchhof, o du lieber Heiland! erbarme

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Thomas Weitin: Herausgeber
Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-14T13:27:19Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-14T13:27:19Z)

Weitere Informationen:

Bogensignaturen: nicht gekennzeichnet; Druckfehler: dokumentiert; fremdsprachliches Material: nicht gekennzeichnet; Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe; Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): nicht ausgezeichnet; i/j in Fraktur: keine Angabe; I/J in Fraktur: Lautwert transkribiert; Kolumnentitel: nicht gekennzeichnet; Kustoden: keine Angabe; langes s (ſ): als s transkribiert; Normalisierungen: keine; rundes r (ꝛ): keine Angabe; Seitenumbrüche markiert: nein; Silbentrennung: aufgelöst; u/v bzw. U/V: keine Angabe; Vokale mit übergest. e: keine Angabe; Vollständigkeit: vollständig erfasst; Zeichensetzung: wie Vorlage; Zeilenumbrüche markiert: nein;




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/brentano_annerl_1910
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/brentano_annerl_1910/34
Zitationshilfe: Brentano, Clemens: Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 1. München, [1871], S. [107]–162. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brentano_annerl_1910/34>, abgerufen am 27.05.2020.