Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727.

Bild:
<< vorherige Seite
Die schnelle Veränderung.
Es war bereits im Herbst, als mich ein heit'rer Morgen,
Nachdem der Schatten Heer sich Westen-wärts ge-
borgen,
An meines Zimmers Fenster trieb;
Jch öffnet' es mit meiner rechten Hand,
Und meine linke rieb
Mein noch halb-schläfrig Aug'; allein
Wie bald vertrieb der helle Schein,
Der Wasser, Luft und Erde füllte,
Des Schlummers Rest, der meinen Blick verhüllte!
Es hatte, nebst dem Thau, ein starker Nebel-Duft
Aus der dadurch verklär'ten Luft
Sich auf die Erd' herab gesenket,
Und nicht nur Kräuter, Stauden, Gras,
Nein auch der Bäume Haupt, getränket.
Fast alle Blätter waren naß,
Und glänzten durch den Sonnen-Schein,
Jn solcher Wunder-schönen Pracht,
Daß alles, was man sah, in heit'rer Wonne lacht'.
Jhr Schimmer war fast allgemein.
Nie hab' ich auf der Welt solch einen Glanz verspüret,
Und niemals ist mein Geist empfindlicher gerüret.
Es schien itzt die Natur der Bäume grünen Kränzen,
Damit sie noch viel schöner glänzen,
Und unser Aug' ergetzen mögten,

Viel
Die ſchnelle Veraͤnderung.
Es war bereits im Herbſt, als mich ein heit’rer Morgen,
Nachdem der Schatten Heer ſich Weſten-waͤrts ge-
borgen,
An meines Zimmers Fenſter trieb;
Jch oͤffnet’ es mit meiner rechten Hand,
Und meine linke rieb
Mein noch halb-ſchlaͤfrig Aug’; allein
Wie bald vertrieb der helle Schein,
Der Waſſer, Luft und Erde fuͤllte,
Des Schlummers Reſt, der meinen Blick verhuͤllte!
Es hatte, nebſt dem Thau, ein ſtarker Nebel-Duft
Aus der dadurch verklaͤr’ten Luft
Sich auf die Erd’ herab geſenket,
Und nicht nur Kraͤuter, Stauden, Gras,
Nein auch der Baͤume Haupt, getraͤnket.
Faſt alle Blaͤtter waren naß,
Und glaͤnzten durch den Sonnen-Schein,
Jn ſolcher Wunder-ſchoͤnen Pracht,
Daß alles, was man ſah, in heit’rer Wonne lacht’.
Jhr Schimmer war faſt allgemein.
Nie hab’ ich auf der Welt ſolch einen Glanz verſpuͤret,
Und niemals iſt mein Geiſt empfindlicher geruͤret.
Es ſchien itzt die Natur der Baͤume gruͤnen Kraͤnzen,
Damit ſie noch viel ſchoͤner glaͤnzen,
Und unſer Aug’ ergetzen moͤgten,

Viel
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0428" n="392"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">Die &#x017F;chnelle Vera&#x0364;nderung.</hi> </head><lb/>
          <lg n="94">
            <l><hi rendition="#in">E</hi>s war bereits im Herb&#x017F;t, als mich ein heit&#x2019;rer Morgen,</l><lb/>
            <l>Nachdem der Schatten Heer &#x017F;ich We&#x017F;ten-wa&#x0364;rts ge-</l><lb/>
            <l> <hi rendition="#et">borgen,</hi> </l><lb/>
            <l>An meines Zimmers Fen&#x017F;ter trieb;</l><lb/>
            <l>Jch o&#x0364;ffnet&#x2019; es mit meiner rechten Hand,</l><lb/>
            <l>Und meine linke rieb</l><lb/>
            <l>Mein noch halb-&#x017F;chla&#x0364;frig Aug&#x2019;; allein</l><lb/>
            <l>Wie bald vertrieb der helle Schein,</l><lb/>
            <l>Der Wa&#x017F;&#x017F;er, Luft und Erde fu&#x0364;llte,</l><lb/>
            <l>Des Schlummers Re&#x017F;t, der meinen Blick verhu&#x0364;llte!</l><lb/>
            <l>Es hatte, neb&#x017F;t dem Thau, ein &#x017F;tarker Nebel-Duft</l><lb/>
            <l>Aus der dadurch verkla&#x0364;r&#x2019;ten Luft</l><lb/>
            <l>Sich auf die Erd&#x2019; herab ge&#x017F;enket,</l><lb/>
            <l>Und nicht nur Kra&#x0364;uter, Stauden, Gras,</l><lb/>
            <l>Nein auch der Ba&#x0364;ume Haupt, getra&#x0364;nket.</l><lb/>
            <l>Fa&#x017F;t alle Bla&#x0364;tter waren naß,</l><lb/>
            <l>Und gla&#x0364;nzten durch den Sonnen-Schein,</l><lb/>
            <l>Jn &#x017F;olcher Wunder-&#x017F;cho&#x0364;nen Pracht,</l><lb/>
            <l>Daß alles, was man &#x017F;ah, in heit&#x2019;rer Wonne lacht&#x2019;.</l><lb/>
            <l>Jhr Schimmer war fa&#x017F;t allgemein.</l><lb/>
            <l>Nie hab&#x2019; ich auf der Welt &#x017F;olch einen Glanz ver&#x017F;pu&#x0364;ret,</l><lb/>
            <l>Und niemals i&#x017F;t mein Gei&#x017F;t empfindlicher geru&#x0364;ret.</l>
          </lg><lb/>
          <lg n="95">
            <l>Es &#x017F;chien itzt die Natur der Ba&#x0364;ume gru&#x0364;nen Kra&#x0364;nzen,</l><lb/>
            <l>Damit &#x017F;ie noch viel &#x017F;cho&#x0364;ner gla&#x0364;nzen,</l><lb/>
            <l>Und un&#x017F;er Aug&#x2019; ergetzen mo&#x0364;gten,</l><lb/>
            <l>
              <fw place="bottom" type="catch">Viel</fw><lb/>
            </l>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[392/0428] Die ſchnelle Veraͤnderung. Es war bereits im Herbſt, als mich ein heit’rer Morgen, Nachdem der Schatten Heer ſich Weſten-waͤrts ge- borgen, An meines Zimmers Fenſter trieb; Jch oͤffnet’ es mit meiner rechten Hand, Und meine linke rieb Mein noch halb-ſchlaͤfrig Aug’; allein Wie bald vertrieb der helle Schein, Der Waſſer, Luft und Erde fuͤllte, Des Schlummers Reſt, der meinen Blick verhuͤllte! Es hatte, nebſt dem Thau, ein ſtarker Nebel-Duft Aus der dadurch verklaͤr’ten Luft Sich auf die Erd’ herab geſenket, Und nicht nur Kraͤuter, Stauden, Gras, Nein auch der Baͤume Haupt, getraͤnket. Faſt alle Blaͤtter waren naß, Und glaͤnzten durch den Sonnen-Schein, Jn ſolcher Wunder-ſchoͤnen Pracht, Daß alles, was man ſah, in heit’rer Wonne lacht’. Jhr Schimmer war faſt allgemein. Nie hab’ ich auf der Welt ſolch einen Glanz verſpuͤret, Und niemals iſt mein Geiſt empfindlicher geruͤret. Es ſchien itzt die Natur der Baͤume gruͤnen Kraͤnzen, Damit ſie noch viel ſchoͤner glaͤnzen, Und unſer Aug’ ergetzen moͤgten, Viel

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727/428
Zitationshilfe: Brockes, Barthold Heinrich: Jrdisches Vergnügen in Gott. Bd. 2. Hamburg, 1727, S. 392. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brockes_vergnuegen02_1727/428>, abgerufen am 14.12.2018.