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Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887.

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§ 23. Der Rechtsgang.
zu Gunsten des Verbrechers oder überstand er unversehrt das Feuer-
oder Wasserordal, so äusserte sich die Friedlosigkeit in anderer Form;
man mochte den Verbrecher in die Knechtschaft verkaufen oder das
Land fliehen oder aber den Frieden durch Zahlung des Wergeldes
gewinnen lassen. War das Ergebnis des Ordals ein ungünstiges, so
stellte sich die Tötung als Erfüllung des göttlichen Willens dar und
konnte sonach nicht die unmittelbare Vollziehung eines auf Todes-
strafe lautenden Urteils sein. Als Todesstrafe im Sinne eines Systems
öffentlicher Strafen, als eigentliches Rechtsverfahren wird man daher
den Opfertod kaum bezeichnen, sondern darin nur den Ansatz zur Ent-
wicklung eines wahren Strafrechts erblicken können.

Mit der Christianisierung der deutschen Stämme war der Fort-
bildung des sakralen Strafrechtes die Grundlage entzogen. Wie
später im Norden der Opfertod durch andere Strafen ersetzt wurde,
so trat auch bei den meisten deutschen Stämmen, als die Ideen des
Christentums zur Herrschaft gelangten, eine weitgehende Beschrän-
kung der Todesstrafe ein. In Gallien hatte die Kirche schon in vor-
fränkischer Zeit sich bestrebt, die Anwendung der Todesstrafen des
römischen Rechtes durch die Praxis der Sühnverträge zu ersetzen 53.
Das älteste Volksrecht der salischen Franken macht von der An-
drohung des Todes nur in sehr wenigen Fällen Gebrauch 54. Ver-
mutlich hatte man, weil die Erinnerung an die Menschenopfer des
Heidentums noch zu lebendig war, die Todesstrafen durch Wergelder
und hohe Bussen ersetzt.

§ 23. Der Rechtsgang.

Rogge, Über das Gerichtswesen der Germanen, 1820. G. Lud. Maurer, Geschichte
des altgerm. und namentlich altbair. Gerichtsverfahrens, 1824. H. Siegel, Ge-
schichte des deutschen Gerichtsverfahrens, 1857. v. Bethmann-Hollweg, Civil-
prozess des gemeinen Rechts IV, 1868. Sohm, Der Process der Lex Salica, 1867.
Behrend, Zum Process der Lex Salica, (Festgaben für Heffter) 1873. Konrad
Maurer
, Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten, KrÜ V 180. 332. Heinrich
Brunner
, Entstehung der Schwurgerichte, 1872. v. Amira, Über salfränkische Eides-
hilfe, Germania 1875, XX 53. R. Loening, Der Reinigungseid bei Ungerichtsklagen,
1880. Konrad Cosack, Die Eidhelfer des Beklagten nach ältestem deutschem
Recht, 1885. Majer, Geschichte der Ordalien, 1795. Wilda, Ordalien, in Ersch und
Grubers Encyklopädie, Sekt. III Bd IV S 453 ff. Konrad Maurer, Das Gottesurteil
im altnordischen Rechte, Germania XIX 139 ff. Homeyer, Über das germ. Losen,

53 Esmein, Melanges d'histoire du droit, 1886, S 361 f.
54 Lex Sal. 50, 4. 51 gegen den Grafen, 13, 7 gegen litus und puer regis, 40, 5
gegen den Unfreien. Siehe Thonissen, Organisation, 1. Aufl. 1881, S 163 ff.
Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 12

§ 23. Der Rechtsgang.
zu Gunsten des Verbrechers oder überstand er unversehrt das Feuer-
oder Wasserordal, so äuſserte sich die Friedlosigkeit in anderer Form;
man mochte den Verbrecher in die Knechtschaft verkaufen oder das
Land fliehen oder aber den Frieden durch Zahlung des Wergeldes
gewinnen lassen. War das Ergebnis des Ordals ein ungünstiges, so
stellte sich die Tötung als Erfüllung des göttlichen Willens dar und
konnte sonach nicht die unmittelbare Vollziehung eines auf Todes-
strafe lautenden Urteils sein. Als Todesstrafe im Sinne eines Systems
öffentlicher Strafen, als eigentliches Rechtsverfahren wird man daher
den Opfertod kaum bezeichnen, sondern darin nur den Ansatz zur Ent-
wicklung eines wahren Strafrechts erblicken können.

Mit der Christianisierung der deutschen Stämme war der Fort-
bildung des sakralen Strafrechtes die Grundlage entzogen. Wie
später im Norden der Opfertod durch andere Strafen ersetzt wurde,
so trat auch bei den meisten deutschen Stämmen, als die Ideen des
Christentums zur Herrschaft gelangten, eine weitgehende Beschrän-
kung der Todesstrafe ein. In Gallien hatte die Kirche schon in vor-
fränkischer Zeit sich bestrebt, die Anwendung der Todesstrafen des
römischen Rechtes durch die Praxis der Sühnverträge zu ersetzen 53.
Das älteste Volksrecht der salischen Franken macht von der An-
drohung des Todes nur in sehr wenigen Fällen Gebrauch 54. Ver-
mutlich hatte man, weil die Erinnerung an die Menschenopfer des
Heidentums noch zu lebendig war, die Todesstrafen durch Wergelder
und hohe Buſsen ersetzt.

§ 23. Der Rechtsgang.

Rogge, Über das Gerichtswesen der Germanen, 1820. G. Lud. Maurer, Geschichte
des altgerm. und namentlich altbair. Gerichtsverfahrens, 1824. H. Siegel, Ge-
schichte des deutschen Gerichtsverfahrens, 1857. v. Bethmann-Hollweg, Civil-
prozeſs des gemeinen Rechts IV, 1868. Sohm, Der Proceſs der Lex Salica, 1867.
Behrend, Zum Proceſs der Lex Salica, (Festgaben für Heffter) 1873. Konrad
Maurer
, Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten, KrÜ V 180. 332. Heinrich
Brunner
, Entstehung der Schwurgerichte, 1872. v. Amira, Über salfränkische Eides-
hilfe, Germania 1875, XX 53. R. Loening, Der Reinigungseid bei Ungerichtsklagen,
1880. Konrad Cosack, Die Eidhelfer des Beklagten nach ältestem deutschem
Recht, 1885. Majer, Geschichte der Ordalien, 1795. Wilda, Ordalien, in Ersch und
Grubers Encyklopädie, Sekt. III Bd IV S 453 ff. Konrad Maurer, Das Gottesurteil
im altnordischen Rechte, Germania XIX 139 ff. Homeyer, Über das germ. Losen,

53 Esmein, Mélanges d’histoire du droit, 1886, S 361 f.
54 Lex Sal. 50, 4. 51 gegen den Grafen, 13, 7 gegen litus und puer regis, 40, 5
gegen den Unfreien. Siehe Thonissen, Organisation, 1. Aufl. 1881, S 163 ff.
Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 12
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[177/0195] § 23. Der Rechtsgang. zu Gunsten des Verbrechers oder überstand er unversehrt das Feuer- oder Wasserordal, so äuſserte sich die Friedlosigkeit in anderer Form; man mochte den Verbrecher in die Knechtschaft verkaufen oder das Land fliehen oder aber den Frieden durch Zahlung des Wergeldes gewinnen lassen. War das Ergebnis des Ordals ein ungünstiges, so stellte sich die Tötung als Erfüllung des göttlichen Willens dar und konnte sonach nicht die unmittelbare Vollziehung eines auf Todes- strafe lautenden Urteils sein. Als Todesstrafe im Sinne eines Systems öffentlicher Strafen, als eigentliches Rechtsverfahren wird man daher den Opfertod kaum bezeichnen, sondern darin nur den Ansatz zur Ent- wicklung eines wahren Strafrechts erblicken können. Mit der Christianisierung der deutschen Stämme war der Fort- bildung des sakralen Strafrechtes die Grundlage entzogen. Wie später im Norden der Opfertod durch andere Strafen ersetzt wurde, so trat auch bei den meisten deutschen Stämmen, als die Ideen des Christentums zur Herrschaft gelangten, eine weitgehende Beschrän- kung der Todesstrafe ein. In Gallien hatte die Kirche schon in vor- fränkischer Zeit sich bestrebt, die Anwendung der Todesstrafen des römischen Rechtes durch die Praxis der Sühnverträge zu ersetzen 53. Das älteste Volksrecht der salischen Franken macht von der An- drohung des Todes nur in sehr wenigen Fällen Gebrauch 54. Ver- mutlich hatte man, weil die Erinnerung an die Menschenopfer des Heidentums noch zu lebendig war, die Todesstrafen durch Wergelder und hohe Buſsen ersetzt. § 23. Der Rechtsgang. Rogge, Über das Gerichtswesen der Germanen, 1820. G. Lud. Maurer, Geschichte des altgerm. und namentlich altbair. Gerichtsverfahrens, 1824. H. Siegel, Ge- schichte des deutschen Gerichtsverfahrens, 1857. v. Bethmann-Hollweg, Civil- prozeſs des gemeinen Rechts IV, 1868. Sohm, Der Proceſs der Lex Salica, 1867. Behrend, Zum Proceſs der Lex Salica, (Festgaben für Heffter) 1873. Konrad Maurer, Das Beweisverfahren nach deutschen Rechten, KrÜ V 180. 332. Heinrich Brunner, Entstehung der Schwurgerichte, 1872. v. Amira, Über salfränkische Eides- hilfe, Germania 1875, XX 53. R. Loening, Der Reinigungseid bei Ungerichtsklagen, 1880. Konrad Cosack, Die Eidhelfer des Beklagten nach ältestem deutschem Recht, 1885. Majer, Geschichte der Ordalien, 1795. Wilda, Ordalien, in Ersch und Grubers Encyklopädie, Sekt. III Bd IV S 453 ff. Konrad Maurer, Das Gottesurteil im altnordischen Rechte, Germania XIX 139 ff. Homeyer, Über das germ. Losen, 53 Esmein, Mélanges d’histoire du droit, 1886, S 361 f. 54 Lex Sal. 50, 4. 51 gegen den Grafen, 13, 7 gegen litus und puer regis, 40, 5 gegen den Unfreien. Siehe Thonissen, Organisation, 1. Aufl. 1881, S 163 ff. Binding, Handbuch. II. 1. I: Brunner, Deutsche Rechtsgesch. I. 12

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Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/195>, S. 177, abgerufen am 20.11.2017.