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Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887.

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§ 26. Grundherrschaften und Landleihe.

Neben der Litteratur zu § 25 siehe v. Inama-Sternegg, Die Ausbildung der
grossen Grundherrschaften in Deutschland während der Karolingerzeit, 1878.
B. Guerard, Polyptyque de l'abbe Irminon I Prolegomenes, 1844; derselbe,
Explication du capitulaire de villis, 1853, und Bibl. de l'ecole des chartes 3. Serie IV.
Roth, Feudalität und Unterthanverband, 1863, S 139 ff. E. Loening, Das Kirchen-
recht im Reiche der Merowinger S 632 ff. Garsonnet, Histoire des locations
perpetuelles et des baux a longue duree, 1879. Lamprecht, Deutsches Wirt-
schaftsleben I 1. Heusler, Institutionen II 167 ff.

Der fränkische König tritt von Anfang an als grosser Grund-
besitzer auf. In seinem Eigentum und in seiner ausschliesslichen Ver-
fügungsgewalt standen nach fränkischem Rechte die vorhandenen
Staatsländereien, anders wie bei den Angelsachsen, wo über das
sogen. Volkland der König nur mit Zustimmung der aus den Grossen
(sapientes, witan) bestehenden Reichsversammlung verfügen konnte.
Einen Bestandteil des fränkischen Königsgutes bildeten die ausge-
dehnten Waldungen und das wüstliegende Land, soweit sie sich nicht
in hergebrachtem Besitze der Markgenossenschaften oder im Sonder-
eigentum von Unterthanen befanden.

Gewaltigen Zuwachs empfing das fränkische Königsgut infolge der
Eroberungen. Der König succedierte in die römischen Fiskalgüter 1.
Das der Konfiskation unterworfene Gut und alles herrenlose Land
fielen ihm zu 2.

Seinen ausgedehnten Grundbesitz behielt der König nicht in
eigener Hand. Ein guter Teil davon gelangte durch königliche Land-
schenkung an Kirchen und an Laien. Bestimmte Fiskalländereien
waren als Amtsgut den königlichen Beamten, insbesondere den Grafen
für die Dauer der Amtsverwaltung zur Benutzung überwiesen 3.

Wie bei den Franken der König erscheinen bei einzelnen Stämmen
die Herzoge, soweit die urkundlichen Nachrichten zurückreichen, als
Eigentümer grosser Grundkomplexe, über welche sie zu kirchlichen
und politischen Zwecken verfügen.

Umfangreicher Landbesitz häufte sich in den Händen der katho-
lischen Kirche an. Von Chlodovech ab hat das Königtum in frei-

1 Gaupp, Ansiedlungen S 335.
2 Roth, BW S 68.
3 Mir. S. Vedasti (Bischof von Arras + 540) c. 9 Mabillon, Acta IV 1 S 603:
sedes comitatus videbatur in dominica curte. Aus dem Edikte Chlothars II. von 614
c. 12, Cap. I 22 ergiebt sich, dass vor 614 Personen zu Grafen ernannt wurden, welche
innerhalb der Grafschaft keinen Grundbesitz hatten. Solche Grafen können nur auf
fiskalischem Boden gesessen haben.
§ 26. Grundherrschaften und Landleihe.

Neben der Litteratur zu § 25 siehe v. Inama-Sternegg, Die Ausbildung der
groſsen Grundherrschaften in Deutschland während der Karolingerzeit, 1878.
B. Guérard, Polyptyque de l’abbé Irminon I Prolégomènes, 1844; derselbe,
Explication du capitulaire de villis, 1853, und Bibl. de l’école des chartes 3. Serie IV.
Roth, Feudalität und Unterthanverband, 1863, S 139 ff. E. Loening, Das Kirchen-
recht im Reiche der Merowinger S 632 ff. Garsonnet, Histoire des locations
perpétuelles et des baux à longue durée, 1879. Lamprecht, Deutsches Wirt-
schaftsleben I 1. Heusler, Institutionen II 167 ff.

Der fränkische König tritt von Anfang an als groſser Grund-
besitzer auf. In seinem Eigentum und in seiner ausschlieſslichen Ver-
fügungsgewalt standen nach fränkischem Rechte die vorhandenen
Staatsländereien, anders wie bei den Angelsachsen, wo über das
sogen. Volkland der König nur mit Zustimmung der aus den Groſsen
(sapientes, witan) bestehenden Reichsversammlung verfügen konnte.
Einen Bestandteil des fränkischen Königsgutes bildeten die ausge-
dehnten Waldungen und das wüstliegende Land, soweit sie sich nicht
in hergebrachtem Besitze der Markgenossenschaften oder im Sonder-
eigentum von Unterthanen befanden.

Gewaltigen Zuwachs empfing das fränkische Königsgut infolge der
Eroberungen. Der König succedierte in die römischen Fiskalgüter 1.
Das der Konfiskation unterworfene Gut und alles herrenlose Land
fielen ihm zu 2.

Seinen ausgedehnten Grundbesitz behielt der König nicht in
eigener Hand. Ein guter Teil davon gelangte durch königliche Land-
schenkung an Kirchen und an Laien. Bestimmte Fiskalländereien
waren als Amtsgut den königlichen Beamten, insbesondere den Grafen
für die Dauer der Amtsverwaltung zur Benutzung überwiesen 3.

Wie bei den Franken der König erscheinen bei einzelnen Stämmen
die Herzoge, soweit die urkundlichen Nachrichten zurückreichen, als
Eigentümer groſser Grundkomplexe, über welche sie zu kirchlichen
und politischen Zwecken verfügen.

Umfangreicher Landbesitz häufte sich in den Händen der katho-
lischen Kirche an. Von Chlodovech ab hat das Königtum in frei-

1 Gaupp, Ansiedlungen S 335.
2 Roth, BW S 68.
3 Mir. S. Vedasti (Bischof von Arras † 540) c. 9 Mabillon, Acta IV 1 S 603:
sedes comitatus videbatur in dominica curte. Aus dem Edikte Chlothars II. von 614
c. 12, Cap. I 22 ergiebt sich, daſs vor 614 Personen zu Grafen ernannt wurden, welche
innerhalb der Grafschaft keinen Grundbesitz hatten. Solche Grafen können nur auf
fiskalischem Boden gesessen haben.
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[203/0221] § 26. Grundherrschaften und Landleihe. Neben der Litteratur zu § 25 siehe v. Inama-Sternegg, Die Ausbildung der groſsen Grundherrschaften in Deutschland während der Karolingerzeit, 1878. B. Guérard, Polyptyque de l’abbé Irminon I Prolégomènes, 1844; derselbe, Explication du capitulaire de villis, 1853, und Bibl. de l’école des chartes 3. Serie IV. Roth, Feudalität und Unterthanverband, 1863, S 139 ff. E. Loening, Das Kirchen- recht im Reiche der Merowinger S 632 ff. Garsonnet, Histoire des locations perpétuelles et des baux à longue durée, 1879. Lamprecht, Deutsches Wirt- schaftsleben I 1. Heusler, Institutionen II 167 ff. Der fränkische König tritt von Anfang an als groſser Grund- besitzer auf. In seinem Eigentum und in seiner ausschlieſslichen Ver- fügungsgewalt standen nach fränkischem Rechte die vorhandenen Staatsländereien, anders wie bei den Angelsachsen, wo über das sogen. Volkland der König nur mit Zustimmung der aus den Groſsen (sapientes, witan) bestehenden Reichsversammlung verfügen konnte. Einen Bestandteil des fränkischen Königsgutes bildeten die ausge- dehnten Waldungen und das wüstliegende Land, soweit sie sich nicht in hergebrachtem Besitze der Markgenossenschaften oder im Sonder- eigentum von Unterthanen befanden. Gewaltigen Zuwachs empfing das fränkische Königsgut infolge der Eroberungen. Der König succedierte in die römischen Fiskalgüter 1. Das der Konfiskation unterworfene Gut und alles herrenlose Land fielen ihm zu 2. Seinen ausgedehnten Grundbesitz behielt der König nicht in eigener Hand. Ein guter Teil davon gelangte durch königliche Land- schenkung an Kirchen und an Laien. Bestimmte Fiskalländereien waren als Amtsgut den königlichen Beamten, insbesondere den Grafen für die Dauer der Amtsverwaltung zur Benutzung überwiesen 3. Wie bei den Franken der König erscheinen bei einzelnen Stämmen die Herzoge, soweit die urkundlichen Nachrichten zurückreichen, als Eigentümer groſser Grundkomplexe, über welche sie zu kirchlichen und politischen Zwecken verfügen. Umfangreicher Landbesitz häufte sich in den Händen der katho- lischen Kirche an. Von Chlodovech ab hat das Königtum in frei- 1 Gaupp, Ansiedlungen S 335. 2 Roth, BW S 68. 3 Mir. S. Vedasti (Bischof von Arras † 540) c. 9 Mabillon, Acta IV 1 S 603: sedes comitatus videbatur in dominica curte. Aus dem Edikte Chlothars II. von 614 c. 12, Cap. I 22 ergiebt sich, daſs vor 614 Personen zu Grafen ernannt wurden, welche innerhalb der Grafschaft keinen Grundbesitz hatten. Solche Grafen können nur auf fiskalischem Boden gesessen haben.

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Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/221>, S. 203, abgerufen am 20.11.2017.