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Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887.

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§ 52. Die ostgotischen Edikte.
den Spanier. Diese erhielten 815 das Recht zugesichert, causae
minores nach hergebrachter Sitte unter sich abzumachen 14. Ein
Privileg Karls des Kahlen von 844 nimmt von der autonomen
Gerichtsbarkeit der Spanier nur die drei Verbrechen des Totschlags,
des raptus und der Brandstiftung aus 15. Etwas anders war die
vorbehaltene Jurisdiktion für die Immunitätsleute des Bischofs von
Chur abgegrenzt. Sie wird durch das Strafmass in der Weise be-
stimmt, dass die Verhängung der härteren Strafen, insbesondere der
Todesstrafe über ihren Rahmen hinausfällt. So gehört z. B. der
Totschlag noch zur Jurisdiktion des Bischofs, solange der Verbrecher
nicht den dritten Totschlag begangen hat.

Die Entstehung der Satzung fällt in die Zeit, da Remedius das
Bistum Chur verwaltete, also in den Anfang des neunten Jahr-
hunderts.

§ 52. Die ostgotischen Edikte.

Ausgaben: Die editio princeps des Edictum Theoderici besorgte der Buchhändler
Nivellius nach zwei Handschriften, welche ihm P. Pithou zum Abdruck überlassen
hatte. Es ist im Anschluss an Cassiodors Varien etc. aber mit besonderer Pagi-
nierung abgedruckt: M. Aurelii Cassiodori Senatoris Variarum libri XII ... Edic-
tum Theoderici regis Italiae ... Paris. apud Sebastianum Nivellium 1579. Auf
diese Ausgabe gehen alle folgenden zurück. Mit einem Kommentar edierte es
Rhon, Commentatio ad edictum Theoderici, 1816. Die neueste Ausgabe besorgte
Bluhme in Mon. Germ. LL V 145 ff. -- Athalarichs Edikte finden sich in Cassio-
dors Varien, das wichtigste bei Manso, Gesch. des ostgothischen Reiches, 1824,
Beil. 13, S 405 ff., bei Gretschel, Ad edictum Athalarici regis Ostrogoth. com-
mentatio, 1828, und bei Padeletti, Fontes iur. ital. medii aevi, 1877, S 23.
Litteratur: Savigny, Gesch. des röm. Rechts im Mittelalter II 172. Iwan
v. Glöden
, Das röm. Recht im ostgoth. Reiche, 1843. Haenel, Lex Rom. Visig.
praef. S XCI. Dahn, Könige der Germanen IV. Bethmann-Hollweg, Civil-
prozess IV 268. Gaudenzi, Gli editti di Teoderico e di Atalarico e il diritto
romano nel regno degli Ostrogoti, 1884; derselbe, Die Entstehungszeit des Edictum
Theoderici, Z2 f. RG VII 29.

Anders wie bei den Burgundern und bei den Westgoten war im
ostgotischen Reiche die Gesetzgebung von vorneherein eine gemein-
same für die germanische und für die römische Bevölkerung. Wahr-
scheinlich in den Jahren 511--515 1 erliess der Ostgotenkönig Theo-
derich ein Edikt, von welchem uns keine Handschrift, sondern nur
der Text der editio princeps erhalten ist. In der Einleitung sagt

14 Boretius, Cap. I 262, c. 2.
15 Vaissete II Nr 119 c. 3.
1 Gaudenzi, Z2 f. RG VII 46 f.

§ 52. Die ostgotischen Edikte.
den Spanier. Diese erhielten 815 das Recht zugesichert, causae
minores nach hergebrachter Sitte unter sich abzumachen 14. Ein
Privileg Karls des Kahlen von 844 nimmt von der autonomen
Gerichtsbarkeit der Spanier nur die drei Verbrechen des Totschlags,
des raptus und der Brandstiftung aus 15. Etwas anders war die
vorbehaltene Jurisdiktion für die Immunitätsleute des Bischofs von
Chur abgegrenzt. Sie wird durch das Strafmaſs in der Weise be-
stimmt, daſs die Verhängung der härteren Strafen, insbesondere der
Todesstrafe über ihren Rahmen hinausfällt. So gehört z. B. der
Totschlag noch zur Jurisdiktion des Bischofs, solange der Verbrecher
nicht den dritten Totschlag begangen hat.

Die Entstehung der Satzung fällt in die Zeit, da Remedius das
Bistum Chur verwaltete, also in den Anfang des neunten Jahr-
hunderts.

§ 52. Die ostgotischen Edikte.

Ausgaben: Die editio princeps des Edictum Theoderici besorgte der Buchhändler
Nivellius nach zwei Handschriften, welche ihm P. Pithou zum Abdruck überlassen
hatte. Es ist im Anschluſs an Cassiodors Varien etc. aber mit besonderer Pagi-
nierung abgedruckt: M. Aurelii Cassiodori Senatoris Variarum libri XII … Edic-
tum Theoderici regis Italiae … Paris. apud Sebastianum Nivellium 1579. Auf
diese Ausgabe gehen alle folgenden zurück. Mit einem Kommentar edierte es
Rhon, Commentatio ad edictum Theoderici, 1816. Die neueste Ausgabe besorgte
Bluhme in Mon. Germ. LL V 145 ff. — Athalarichs Edikte finden sich in Cassio-
dors Varien, das wichtigste bei Manso, Gesch. des ostgothischen Reiches, 1824,
Beil. 13, S 405 ff., bei Gretschel, Ad edictum Athalarici regis Ostrogoth. com-
mentatio, 1828, und bei Padeletti, Fontes iur. ital. medii aevi, 1877, S 23.
Litteratur: Savigny, Gesch. des röm. Rechts im Mittelalter II 172. Iwan
v. Glöden
, Das röm. Recht im ostgoth. Reiche, 1843. Haenel, Lex Rom. Visig.
praef. S XCI. Dahn, Könige der Germanen IV. Bethmann-Hollweg, Civil-
prozeſs IV 268. Gaudenzi, Gli editti di Teoderico e di Atalarico e il diritto
romano nel regno degli Ostrogoti, 1884; derselbe, Die Entstehungszeit des Edictum
Theoderici, Z2 f. RG VII 29.

Anders wie bei den Burgundern und bei den Westgoten war im
ostgotischen Reiche die Gesetzgebung von vorneherein eine gemein-
same für die germanische und für die römische Bevölkerung. Wahr-
scheinlich in den Jahren 511—515 1 erlieſs der Ostgotenkönig Theo-
derich ein Edikt, von welchem uns keine Handschrift, sondern nur
der Text der editio princeps erhalten ist. In der Einleitung sagt

14 Boretius, Cap. I 262, c. 2.
15 Vaissete II Nr 119 c. 3.
1 Gaudenzi, Z2 f. RG VII 46 f.
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[365/0383] § 52. Die ostgotischen Edikte. den Spanier. Diese erhielten 815 das Recht zugesichert, causae minores nach hergebrachter Sitte unter sich abzumachen 14. Ein Privileg Karls des Kahlen von 844 nimmt von der autonomen Gerichtsbarkeit der Spanier nur die drei Verbrechen des Totschlags, des raptus und der Brandstiftung aus 15. Etwas anders war die vorbehaltene Jurisdiktion für die Immunitätsleute des Bischofs von Chur abgegrenzt. Sie wird durch das Strafmaſs in der Weise be- stimmt, daſs die Verhängung der härteren Strafen, insbesondere der Todesstrafe über ihren Rahmen hinausfällt. So gehört z. B. der Totschlag noch zur Jurisdiktion des Bischofs, solange der Verbrecher nicht den dritten Totschlag begangen hat. Die Entstehung der Satzung fällt in die Zeit, da Remedius das Bistum Chur verwaltete, also in den Anfang des neunten Jahr- hunderts. § 52. Die ostgotischen Edikte. Ausgaben: Die editio princeps des Edictum Theoderici besorgte der Buchhändler Nivellius nach zwei Handschriften, welche ihm P. Pithou zum Abdruck überlassen hatte. Es ist im Anschluſs an Cassiodors Varien etc. aber mit besonderer Pagi- nierung abgedruckt: M. Aurelii Cassiodori Senatoris Variarum libri XII … Edic- tum Theoderici regis Italiae … Paris. apud Sebastianum Nivellium 1579. Auf diese Ausgabe gehen alle folgenden zurück. Mit einem Kommentar edierte es Rhon, Commentatio ad edictum Theoderici, 1816. Die neueste Ausgabe besorgte Bluhme in Mon. Germ. LL V 145 ff. — Athalarichs Edikte finden sich in Cassio- dors Varien, das wichtigste bei Manso, Gesch. des ostgothischen Reiches, 1824, Beil. 13, S 405 ff., bei Gretschel, Ad edictum Athalarici regis Ostrogoth. com- mentatio, 1828, und bei Padeletti, Fontes iur. ital. medii aevi, 1877, S 23. Litteratur: Savigny, Gesch. des röm. Rechts im Mittelalter II 172. Iwan v. Glöden, Das röm. Recht im ostgoth. Reiche, 1843. Haenel, Lex Rom. Visig. praef. S XCI. Dahn, Könige der Germanen IV. Bethmann-Hollweg, Civil- prozeſs IV 268. Gaudenzi, Gli editti di Teoderico e di Atalarico e il diritto romano nel regno degli Ostrogoti, 1884; derselbe, Die Entstehungszeit des Edictum Theoderici, Z2 f. RG VII 29. Anders wie bei den Burgundern und bei den Westgoten war im ostgotischen Reiche die Gesetzgebung von vorneherein eine gemein- same für die germanische und für die römische Bevölkerung. Wahr- scheinlich in den Jahren 511—515 1 erlieſs der Ostgotenkönig Theo- derich ein Edikt, von welchem uns keine Handschrift, sondern nur der Text der editio princeps erhalten ist. In der Einleitung sagt 14 Boretius, Cap. I 262, c. 2. 15 Vaissete II Nr 119 c. 3. 1 Gaudenzi, Z2 f. RG VII 46 f.

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Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 1. Leipzig, 1887. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte01_1887/383>, S. 365, abgerufen am 22.11.2017.