Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 2. Leipzig, 1892.

Bild:
<< vorherige Seite

§ 81. Die Grafen.
fränkischen Monarchie zu überdauern, sondern durch fortgesetzte Auf-
saugung königlicher Rechte das Königtum lahmzulegen und den
Kern für die Entstehung der Landeshoheit abzugeben. Von den Adels-
titeln, die aus Amtstiteln hervorgegangen sind, führen nicht weniger
als drei -- Graf, Marquis, Vicomte -- auf das Grafschaftsamt
zurück.

In Westfrancien und in Italien taucht unter den Karolingern ein
Beamter auf, welcher vicecomes genannt wird 77. Derselbe Beamte
heisst in Septimanien und in der spanischen Mark auch vicedominus 78.
Er wurde zunächst in einzelnen Grafschaften eingesetzt, in welchen sich
das Bedürfnis umfassenderer, ständiger Vertretung des Grafen heraus-
stellte, ein Bedürfnis, welches sich namentlich dann ergeben musste,
wenn ein Graf mehrere Grafschaften in seiner Hand vereinigte. Unter
Karl II. ist der Vicecomes im westfränkischen Reiche regelmässig vor-
handen 79. Er waltet als Vertreter des Grafen für den ganzen Be-
zirk der Grafschaft oder doch für einen grösseren Teil derselben 80.
Seine Vollmacht erstreckt sich auch auf causae maiores. In beiden
Beziehungen unterscheidet er sich von dem später zu erörternden
Vikar der karolingischen Zeit, welcher mit beschränkter Kompetenz
für die Vikarie, einen der Unterbezirke der Grafschaft, bestellt ist 81.
Der Vicecomes konnte ursprünglich wohl nur mit Zustimmung des
Königs vom Grafen ernannt werden. Gegen Ausgang der karolin-
gischen Zeit wurde das Amt vermutlich nach lehnrechtlichen Grund-
sätzen vom Grafen verliehen.

Den deutschen Gebieten des fränkischen Reiches blieb der Vice-

77 Älteste bekannte Fundstelle ist Mühlbacher Nr. 171 v. J. 774 für S. De-
nis, nach Mühlbacher ganz unverdächtig. Vgl. Wiener Sitzungsberichte XCII 454.
Überarbeitet ist Mühlbacher Nr. 309 v. J. 792. In Italien bezeugen den Vicecomes
zuerst zwei Gerichtsurkunden des Pfalzgrafen Ebroard für Farfa v. J. 800, Reg.
Farf. II 134. 137, Nr. 161. 165.
78 Vaissete II Nr. 10 v. J. 791, H. 128, II Nr. 15 v. J. 802, H. 164. The-
venin Nr. 71 v. J. 834, H. 280. Sohm a. O. I 515.
79 Ed. Pistense v. J. 864, Pertz, LL I 491, c. 14: ut in proximis Kalendis ..
habeat ... unusquisque comes ... vicecomitem suum. Cap. Karlomanni v. J. 884,
c. 9, Pertz, LL I 552: ut comes praecipiat suo vicecomiti suisque vicariis atque
centenariis ac reliquis ministris reipublicae.
80 Aus den Stellen in Anm. 79 folgt, dass der Graf in der Grafschaft regel-
mässig nur einen Vicecomes hatte.
81 Aus der Erheblichkeit dieser Unterschiede erklärt es sich, dass in den
romanischen Gebieten des alten Frankenreiches zwar der Amtstitel des vicomte, vis-
conte, aber nicht der des viguier, vicarius zum Adelstitel wurde. Eichhorn, Z.
f. gesch. RW VIII 315. Schäffner, Geschichte d. Rechtsverfassung Frankreichs
II 155.

§ 81. Die Grafen.
fränkischen Monarchie zu überdauern, sondern durch fortgesetzte Auf-
saugung königlicher Rechte das Königtum lahmzulegen und den
Kern für die Entstehung der Landeshoheit abzugeben. Von den Adels-
titeln, die aus Amtstiteln hervorgegangen sind, führen nicht weniger
als drei — Graf, Marquis, Vicomte — auf das Grafschaftsamt
zurück.

In Westfrancien und in Italien taucht unter den Karolingern ein
Beamter auf, welcher vicecomes genannt wird 77. Derselbe Beamte
heiſst in Septimanien und in der spanischen Mark auch vicedominus 78.
Er wurde zunächst in einzelnen Grafschaften eingesetzt, in welchen sich
das Bedürfnis umfassenderer, ständiger Vertretung des Grafen heraus-
stellte, ein Bedürfnis, welches sich namentlich dann ergeben muſste,
wenn ein Graf mehrere Grafschaften in seiner Hand vereinigte. Unter
Karl II. ist der Vicecomes im westfränkischen Reiche regelmäſsig vor-
handen 79. Er waltet als Vertreter des Grafen für den ganzen Be-
zirk der Grafschaft oder doch für einen gröſseren Teil derselben 80.
Seine Vollmacht erstreckt sich auch auf causae maiores. In beiden
Beziehungen unterscheidet er sich von dem später zu erörternden
Vikar der karolingischen Zeit, welcher mit beschränkter Kompetenz
für die Vikarie, einen der Unterbezirke der Grafschaft, bestellt ist 81.
Der Vicecomes konnte ursprünglich wohl nur mit Zustimmung des
Königs vom Grafen ernannt werden. Gegen Ausgang der karolin-
gischen Zeit wurde das Amt vermutlich nach lehnrechtlichen Grund-
sätzen vom Grafen verliehen.

Den deutschen Gebieten des fränkischen Reiches blieb der Vice-

77 Älteste bekannte Fundstelle ist Mühlbacher Nr. 171 v. J. 774 für S. De-
nis, nach Mühlbacher ganz unverdächtig. Vgl. Wiener Sitzungsberichte XCII 454.
Überarbeitet ist Mühlbacher Nr. 309 v. J. 792. In Italien bezeugen den Vicecomes
zuerst zwei Gerichtsurkunden des Pfalzgrafen Ebroard für Farfa v. J. 800, Reg.
Farf. II 134. 137, Nr. 161. 165.
78 Vaissete II Nr. 10 v. J. 791, H. 128, II Nr. 15 v. J. 802, H. 164. Thé-
venin Nr. 71 v. J. 834, H. 280. Sohm a. O. I 515.
79 Ed. Pistense v. J. 864, Pertz, LL I 491, c. 14: ut in proximis Kalendis ..
habeat … unusquisque comes … vicecomitem suum. Cap. Karlomanni v. J. 884,
c. 9, Pertz, LL I 552: ut comes praecipiat suo vicecomiti suisque vicariis atque
centenariis ac reliquis ministris reipublicae.
80 Aus den Stellen in Anm. 79 folgt, daſs der Graf in der Grafschaft regel-
mäſsig nur einen Vicecomes hatte.
81 Aus der Erheblichkeit dieser Unterschiede erklärt es sich, daſs in den
romanischen Gebieten des alten Frankenreiches zwar der Amtstitel des vicomte, vis-
conte, aber nicht der des viguier, vicarius zum Adelstitel wurde. Eichhorn, Z.
f. gesch. RW VIII 315. Schäffner, Geschichte d. Rechtsverfassung Frankreichs
II 155.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <div n="3">
            <p><pb facs="#f0191" n="173"/><fw place="top" type="header">§ 81. Die Grafen.</fw><lb/>
fränkischen Monarchie zu überdauern, sondern durch fortgesetzte Auf-<lb/>
saugung königlicher Rechte das Königtum lahmzulegen und den<lb/>
Kern für die Entstehung der Landeshoheit abzugeben. Von den Adels-<lb/>
titeln, die aus Amtstiteln hervorgegangen sind, führen nicht weniger<lb/>
als drei &#x2014; Graf, Marquis, Vicomte &#x2014; auf das Grafschaftsamt<lb/>
zurück.</p><lb/>
            <p>In Westfrancien und in Italien taucht unter den Karolingern ein<lb/>
Beamter auf, welcher vicecomes genannt wird <note place="foot" n="77">Älteste bekannte Fundstelle ist <hi rendition="#g">Mühlbacher</hi> Nr. 171 v. J. 774 für S. De-<lb/>
nis, nach Mühlbacher ganz unverdächtig. Vgl. Wiener Sitzungsberichte XCII 454.<lb/>
Überarbeitet ist <hi rendition="#g">Mühlbacher</hi> Nr. 309 v. J. 792. In Italien bezeugen den Vicecomes<lb/>
zuerst zwei Gerichtsurkunden des Pfalzgrafen Ebroard für Farfa v. J. 800, Reg.<lb/>
Farf. II 134. 137, Nr. 161. 165.</note>. Derselbe Beamte<lb/>
hei&#x017F;st in Septimanien und in der spanischen Mark auch vicedominus <note place="foot" n="78">Vaissete II Nr. 10 v. J. 791, H. 128, II Nr. 15 v. J. 802, H. 164. Thé-<lb/>
venin Nr. 71 v. J. 834, H. 280. <hi rendition="#g">Sohm</hi> a. O. I 515.</note>.<lb/>
Er wurde zunächst in einzelnen Grafschaften eingesetzt, in welchen sich<lb/>
das Bedürfnis umfassenderer, ständiger Vertretung des Grafen heraus-<lb/>
stellte, ein Bedürfnis, welches sich namentlich dann ergeben mu&#x017F;ste,<lb/>
wenn ein Graf mehrere Grafschaften in seiner Hand vereinigte. Unter<lb/>
Karl II. ist der Vicecomes im westfränkischen Reiche regelmä&#x017F;sig vor-<lb/>
handen <note place="foot" n="79">Ed. Pistense v. J. 864, Pertz, LL I 491, c. 14: ut in proximis Kalendis ..<lb/>
habeat &#x2026; unusquisque comes &#x2026; vicecomitem suum. Cap. Karlomanni v. J. 884,<lb/>
c. 9, Pertz, LL I 552: ut comes praecipiat suo vicecomiti suisque vicariis atque<lb/>
centenariis ac reliquis ministris reipublicae.</note>. Er waltet als Vertreter des Grafen für den ganzen Be-<lb/>
zirk der Grafschaft oder doch für einen grö&#x017F;seren Teil derselben <note place="foot" n="80">Aus den Stellen in Anm. 79 folgt, da&#x017F;s der Graf in der Grafschaft regel-<lb/>&#x017F;sig nur einen Vicecomes hatte.</note>.<lb/>
Seine Vollmacht erstreckt sich auch auf causae maiores. In beiden<lb/>
Beziehungen unterscheidet er sich von dem später zu erörternden<lb/>
Vikar der karolingischen Zeit, welcher mit beschränkter Kompetenz<lb/>
für die Vikarie, einen der Unterbezirke der Grafschaft, bestellt ist <note place="foot" n="81">Aus der Erheblichkeit dieser Unterschiede erklärt es sich, da&#x017F;s in den<lb/>
romanischen Gebieten des alten Frankenreiches zwar der Amtstitel des vicomte, vis-<lb/>
conte, aber nicht der des viguier, vicarius zum Adelstitel wurde. <hi rendition="#g">Eichhorn,</hi> Z.<lb/>
f. gesch. RW VIII 315. <hi rendition="#g">Schäffner,</hi> Geschichte d. Rechtsverfassung Frankreichs<lb/>
II 155.</note>.<lb/>
Der Vicecomes konnte ursprünglich wohl nur mit Zustimmung des<lb/>
Königs vom Grafen ernannt werden. Gegen Ausgang der karolin-<lb/>
gischen Zeit wurde das Amt vermutlich nach lehnrechtlichen Grund-<lb/>
sätzen vom Grafen verliehen.</p><lb/>
            <p>Den deutschen Gebieten des fränkischen Reiches blieb der Vice-<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[173/0191] § 81. Die Grafen. fränkischen Monarchie zu überdauern, sondern durch fortgesetzte Auf- saugung königlicher Rechte das Königtum lahmzulegen und den Kern für die Entstehung der Landeshoheit abzugeben. Von den Adels- titeln, die aus Amtstiteln hervorgegangen sind, führen nicht weniger als drei — Graf, Marquis, Vicomte — auf das Grafschaftsamt zurück. In Westfrancien und in Italien taucht unter den Karolingern ein Beamter auf, welcher vicecomes genannt wird 77. Derselbe Beamte heiſst in Septimanien und in der spanischen Mark auch vicedominus 78. Er wurde zunächst in einzelnen Grafschaften eingesetzt, in welchen sich das Bedürfnis umfassenderer, ständiger Vertretung des Grafen heraus- stellte, ein Bedürfnis, welches sich namentlich dann ergeben muſste, wenn ein Graf mehrere Grafschaften in seiner Hand vereinigte. Unter Karl II. ist der Vicecomes im westfränkischen Reiche regelmäſsig vor- handen 79. Er waltet als Vertreter des Grafen für den ganzen Be- zirk der Grafschaft oder doch für einen gröſseren Teil derselben 80. Seine Vollmacht erstreckt sich auch auf causae maiores. In beiden Beziehungen unterscheidet er sich von dem später zu erörternden Vikar der karolingischen Zeit, welcher mit beschränkter Kompetenz für die Vikarie, einen der Unterbezirke der Grafschaft, bestellt ist 81. Der Vicecomes konnte ursprünglich wohl nur mit Zustimmung des Königs vom Grafen ernannt werden. Gegen Ausgang der karolin- gischen Zeit wurde das Amt vermutlich nach lehnrechtlichen Grund- sätzen vom Grafen verliehen. Den deutschen Gebieten des fränkischen Reiches blieb der Vice- 77 Älteste bekannte Fundstelle ist Mühlbacher Nr. 171 v. J. 774 für S. De- nis, nach Mühlbacher ganz unverdächtig. Vgl. Wiener Sitzungsberichte XCII 454. Überarbeitet ist Mühlbacher Nr. 309 v. J. 792. In Italien bezeugen den Vicecomes zuerst zwei Gerichtsurkunden des Pfalzgrafen Ebroard für Farfa v. J. 800, Reg. Farf. II 134. 137, Nr. 161. 165. 78 Vaissete II Nr. 10 v. J. 791, H. 128, II Nr. 15 v. J. 802, H. 164. Thé- venin Nr. 71 v. J. 834, H. 280. Sohm a. O. I 515. 79 Ed. Pistense v. J. 864, Pertz, LL I 491, c. 14: ut in proximis Kalendis .. habeat … unusquisque comes … vicecomitem suum. Cap. Karlomanni v. J. 884, c. 9, Pertz, LL I 552: ut comes praecipiat suo vicecomiti suisque vicariis atque centenariis ac reliquis ministris reipublicae. 80 Aus den Stellen in Anm. 79 folgt, daſs der Graf in der Grafschaft regel- mäſsig nur einen Vicecomes hatte. 81 Aus der Erheblichkeit dieser Unterschiede erklärt es sich, daſs in den romanischen Gebieten des alten Frankenreiches zwar der Amtstitel des vicomte, vis- conte, aber nicht der des viguier, vicarius zum Adelstitel wurde. Eichhorn, Z. f. gesch. RW VIII 315. Schäffner, Geschichte d. Rechtsverfassung Frankreichs II 155.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte02_1892
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte02_1892/191
Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 2. Leipzig, 1892, S. 173. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte02_1892/191>, abgerufen am 20.06.2019.