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Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 2. Leipzig, 1892.

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§ 66. Königsschutz.

Nicht auf dem Volksrechte, sondern auf speziellem königlichen
Friedensbanne beruht der höhere Friede, welcher mit dem beson-
deren Königsschutze verbunden ist.

§ 66. Königsschutz.

Theodor Sickel, Beiträge zur Diplomatik III: Die Mundbriefe, Immunitäten und
Privilegien der ersten Karolinger bis zum Jahre 840, 1864 und in Wiener SB
XLVII 175 ff. Mühlbacher, Die Urkunden Karls III., Wiener SB XCII 443 ff.
Waitz, VG II 1, S. 330 ff.; III 323 ff.; IV 234 ff. Roth, Feudalität und Unter-
thanverband S. 266 ff. H. Brunner, Zeugen- und Inquisitionsbeweis der karoling.
Zeit, 1866, S. 51 ff. Derselbe, Mithio und Sperantes, Festgabe für Beseler, 1885,
S. 6 ff. Ehrenberg, Commendation und Huldigung nach fränkischem Recht,
1877, S. 68--85. E. Loening, Kirchenrecht II 386. Heusler, Institutionen
I 109 ff. Jacques Flach, Les origines de l'ancienne France I (1886) S. 79 ff.

Dem gemeinen Königsfrieden entspricht der Gedanke eines all-
gemeinen Königsschutzes, welcher sämtliche Unterthanen des frän-
kischen Reiches1 umfasst und sich auch auf die Fremden erstreckt, die
keinen besonderen Schutzherrn haben2. Allerdings ist in den frän-
kischen Quellen nicht von einer Munt, einem mundiburdium des Königs
über alle Unterthanen die Rede.3 Allein schon die Lex Salica bietet
in einer Anzahl von Rechtssätzen logische Konsequenzen des allge-
meinen Königsschutzes dar, die sich geltend machen, wo es an dem
Schutze der Sippe gebricht4, ohne dass eine Aufnahme in den beson-
deren Schutz des Königs vorausgegangen wäre.

Neben dem allgemeinen Königsschutze, der sich über alle Unter-
thanen erstreckte, gab es im fränkischen Reiche einen besonderen
Königsschutz, durch welchen der König den Schützling aus dem Kreise
der Rechtsgenossen heraushob, um ihn gewisser Vorrechte, insbesondere
eines höheren Friedens, teilhaftig werden zu lassen. Die dem Ver-
hältnis zu Grunde liegende Idee ist germanisch; doch weist es formell

1 Waitz, VG II 2, S. 213 ff.; III 327; IV 235. Zu beachten ist auch, dass
im Heliand der Herrscher schlechtweg als mundboro bezeichnet wird. Heusler,
Instit. I 112. Uebrigens war dieser Gedanke auch den Römern von Hause aus
geläufig. Vgl. Cassiodori Var. II 29. VII 39.
2 Siehe oben I 273.
3 Wie bei den Angelsachsen. Vgl. Schmid, Ges. der Ags. S. 551.
4 So der Rechtssatz, dass der König das volle Wergeld des sippelosen Mannes,
dass er die entsprechende Quote der Magsühne nimmt, wenn es an Vatermagen,
bezw. an Muttermagen des Getödteten gebricht. Auch der Anspruch auf den
reipus, den der König in Ermangelung empfangsberechtigter Verwandten bei Wieder-
verheiratung einer Witwe geltend macht, und das Recht auf Erbe und Wergeld der
cartularii (siehe oben I 243 f.) können dafür angeführt werden.
§ 66. Königsschutz.

Nicht auf dem Volksrechte, sondern auf speziellem königlichen
Friedensbanne beruht der höhere Friede, welcher mit dem beson-
deren Königsschutze verbunden ist.

§ 66. Königsschutz.

Theodor Sickel, Beiträge zur Diplomatik III: Die Mundbriefe, Immunitäten und
Privilegien der ersten Karolinger bis zum Jahre 840, 1864 und in Wiener SB
XLVII 175 ff. Mühlbacher, Die Urkunden Karls III., Wiener SB XCII 443 ff.
Waitz, VG II 1, S. 330 ff.; III 323 ff.; IV 234 ff. Roth, Feudalität und Unter-
thanverband S. 266 ff. H. Brunner, Zeugen- und Inquisitionsbeweis der karoling.
Zeit, 1866, S. 51 ff. Derselbe, Mithio und Sperantes, Festgabe für Beseler, 1885,
S. 6 ff. Ehrenberg, Commendation und Huldigung nach fränkischem Recht,
1877, S. 68—85. E. Loening, Kirchenrecht II 386. Heusler, Institutionen
I 109 ff. Jacques Flach, Les origines de l’ancienne France I (1886) S. 79 ff.

Dem gemeinen Königsfrieden entspricht der Gedanke eines all-
gemeinen Königsschutzes, welcher sämtliche Unterthanen des frän-
kischen Reiches1 umfaſst und sich auch auf die Fremden erstreckt, die
keinen besonderen Schutzherrn haben2. Allerdings ist in den frän-
kischen Quellen nicht von einer Munt, einem mundiburdium des Königs
über alle Unterthanen die Rede.3 Allein schon die Lex Salica bietet
in einer Anzahl von Rechtssätzen logische Konsequenzen des allge-
meinen Königsschutzes dar, die sich geltend machen, wo es an dem
Schutze der Sippe gebricht4, ohne daſs eine Aufnahme in den beson-
deren Schutz des Königs vorausgegangen wäre.

Neben dem allgemeinen Königsschutze, der sich über alle Unter-
thanen erstreckte, gab es im fränkischen Reiche einen besonderen
Königsschutz, durch welchen der König den Schützling aus dem Kreise
der Rechtsgenossen heraushob, um ihn gewisser Vorrechte, insbesondere
eines höheren Friedens, teilhaftig werden zu lassen. Die dem Ver-
hältnis zu Grunde liegende Idee ist germanisch; doch weist es formell

1 Waitz, VG II 2, S. 213 ff.; III 327; IV 235. Zu beachten ist auch, daſs
im Heliand der Herrscher schlechtweg als mundboro bezeichnet wird. Heusler,
Instit. I 112. Uebrigens war dieser Gedanke auch den Römern von Hause aus
geläufig. Vgl. Cassiodori Var. II 29. VII 39.
2 Siehe oben I 273.
3 Wie bei den Angelsachsen. Vgl. Schmid, Ges. der Ags. S. 551.
4 So der Rechtssatz, daſs der König das volle Wergeld des sippelosen Mannes,
daſs er die entsprechende Quote der Magsühne nimmt, wenn es an Vatermagen,
bezw. an Muttermagen des Getödteten gebricht. Auch der Anspruch auf den
reipus, den der König in Ermangelung empfangsberechtigter Verwandten bei Wieder-
verheiratung einer Witwe geltend macht, und das Recht auf Erbe und Wergeld der
cartularii (siehe oben I 243 f.) können dafür angeführt werden.
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[48/0066] § 66. Königsschutz. Nicht auf dem Volksrechte, sondern auf speziellem königlichen Friedensbanne beruht der höhere Friede, welcher mit dem beson- deren Königsschutze verbunden ist. § 66. Königsschutz. Theodor Sickel, Beiträge zur Diplomatik III: Die Mundbriefe, Immunitäten und Privilegien der ersten Karolinger bis zum Jahre 840, 1864 und in Wiener SB XLVII 175 ff. Mühlbacher, Die Urkunden Karls III., Wiener SB XCII 443 ff. Waitz, VG II 1, S. 330 ff.; III 323 ff.; IV 234 ff. Roth, Feudalität und Unter- thanverband S. 266 ff. H. Brunner, Zeugen- und Inquisitionsbeweis der karoling. Zeit, 1866, S. 51 ff. Derselbe, Mithio und Sperantes, Festgabe für Beseler, 1885, S. 6 ff. Ehrenberg, Commendation und Huldigung nach fränkischem Recht, 1877, S. 68—85. E. Loening, Kirchenrecht II 386. Heusler, Institutionen I 109 ff. Jacques Flach, Les origines de l’ancienne France I (1886) S. 79 ff. Dem gemeinen Königsfrieden entspricht der Gedanke eines all- gemeinen Königsschutzes, welcher sämtliche Unterthanen des frän- kischen Reiches 1 umfaſst und sich auch auf die Fremden erstreckt, die keinen besonderen Schutzherrn haben 2. Allerdings ist in den frän- kischen Quellen nicht von einer Munt, einem mundiburdium des Königs über alle Unterthanen die Rede. 3 Allein schon die Lex Salica bietet in einer Anzahl von Rechtssätzen logische Konsequenzen des allge- meinen Königsschutzes dar, die sich geltend machen, wo es an dem Schutze der Sippe gebricht 4, ohne daſs eine Aufnahme in den beson- deren Schutz des Königs vorausgegangen wäre. Neben dem allgemeinen Königsschutze, der sich über alle Unter- thanen erstreckte, gab es im fränkischen Reiche einen besonderen Königsschutz, durch welchen der König den Schützling aus dem Kreise der Rechtsgenossen heraushob, um ihn gewisser Vorrechte, insbesondere eines höheren Friedens, teilhaftig werden zu lassen. Die dem Ver- hältnis zu Grunde liegende Idee ist germanisch; doch weist es formell 1 Waitz, VG II 2, S. 213 ff.; III 327; IV 235. Zu beachten ist auch, daſs im Heliand der Herrscher schlechtweg als mundboro bezeichnet wird. Heusler, Instit. I 112. Uebrigens war dieser Gedanke auch den Römern von Hause aus geläufig. Vgl. Cassiodori Var. II 29. VII 39. 2 Siehe oben I 273. 3 Wie bei den Angelsachsen. Vgl. Schmid, Ges. der Ags. S. 551. 4 So der Rechtssatz, daſs der König das volle Wergeld des sippelosen Mannes, daſs er die entsprechende Quote der Magsühne nimmt, wenn es an Vatermagen, bezw. an Muttermagen des Getödteten gebricht. Auch der Anspruch auf den reipus, den der König in Ermangelung empfangsberechtigter Verwandten bei Wieder- verheiratung einer Witwe geltend macht, und das Recht auf Erbe und Wergeld der cartularii (siehe oben I 243 f.) können dafür angeführt werden.

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Zitationshilfe: Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Bd. 2. Leipzig, 1892, S. 48. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/brunner_rechtsgeschichte02_1892/66>, abgerufen am 17.06.2019.