Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

Bild:
<< vorherige Seite
8.


"Ich habe mich verkältet und im Bett gelegen. Aber
jetzt ist's besser. Wenn man so ein wenig unwohl ist, hat
man ein so groß Gelüsten nach Faulheit; aber das Mühlrad
dreht sich als fort ohne Rast und Ruh. ... Heute und
gestern gönne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und lese nicht;
morgen geht's wieder im alten Trab, du glaubst nicht, wie
regelmäßig und ordentlich. Ich gehe fast so richtig, wie
eine Schwarzwälder Uhr. Doch ist's gut: auf all das auf-
geregte, geistige Leben Ruhe, und dabei die Freude am
Schaffen meiner poetischen Produkte. Der arme Shakspeare
war Schreiber den Tag über und mußte Nachts dichten, und
ich, der ich nicht werth bin, ihm die Schuhriemen zu lösen,
hab's weit besser. -- ...... Lernst Du bis Ostern die
Volkslieder singen, wenn's Dich nicht angreift? Man
hört hier keine Stimme; das Volk singt nicht, und du
weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer
Soiree oder einem Concerte einige Töne todtschreien oder
winseln. Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer
näher, jeden Tag wird mir's heller -- und gelt, du singst
die Lieder? Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir
eine Melodie summe. ........ Jeden Abend sitz' ich eine
oder zwei Stunden im Casino; Du kennst meine Vorliebe
für schöne Säle, Lichter und Menschen um mich." ....

9.


"Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgniß
und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du

8.


"Ich habe mich verkältet und im Bett gelegen. Aber
jetzt iſt's beſſer. Wenn man ſo ein wenig unwohl iſt, hat
man ein ſo groß Gelüſten nach Faulheit; aber das Mühlrad
dreht ſich als fort ohne Raſt und Ruh. ... Heute und
geſtern gönne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und leſe nicht;
morgen geht's wieder im alten Trab, du glaubſt nicht, wie
regelmäßig und ordentlich. Ich gehe faſt ſo richtig, wie
eine Schwarzwälder Uhr. Doch iſt's gut: auf all das auf-
geregte, geiſtige Leben Ruhe, und dabei die Freude am
Schaffen meiner poetiſchen Produkte. Der arme Shakſpeare
war Schreiber den Tag über und mußte Nachts dichten, und
ich, der ich nicht werth bin, ihm die Schuhriemen zu löſen,
hab's weit beſſer. — ...... Lernſt Du bis Oſtern die
Volkslieder ſingen, wenn's Dich nicht angreift? Man
hört hier keine Stimme; das Volk ſingt nicht, und du
weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer
Soiree oder einem Concerte einige Töne todtſchreien oder
winſeln. Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer
näher, jeden Tag wird mir's heller — und gelt, du ſingſt
die Lieder? Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir
eine Melodie ſumme. ........ Jeden Abend ſitz' ich eine
oder zwei Stunden im Caſino; Du kennſt meine Vorliebe
für ſchöne Säle, Lichter und Menſchen um mich." ....

9.


"Mein lieb Kind, Du biſt voll zärtlicher Beſorgniß
und willſt krank werden vor Angſt; ich glaube gar, Du

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0575" n="379"/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#c">8.</hi> </head><lb/>
            <dateline><hi rendition="#g">Zürich</hi>, 20. Januar 1837.</dateline><lb/>
            <p>"Ich habe mich verkältet und im Bett gelegen. Aber<lb/>
jetzt i&#x017F;t's be&#x017F;&#x017F;er. Wenn man &#x017F;o ein wenig unwohl i&#x017F;t, hat<lb/>
man ein &#x017F;o groß Gelü&#x017F;ten nach Faulheit; aber das Mühlrad<lb/>
dreht &#x017F;ich als fort ohne Ra&#x017F;t und Ruh. ... Heute und<lb/>
ge&#x017F;tern gönne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und le&#x017F;e nicht;<lb/>
morgen geht's wieder im alten Trab, du glaub&#x017F;t nicht, wie<lb/>
regelmäßig und ordentlich. Ich gehe fa&#x017F;t &#x017F;o richtig, wie<lb/>
eine Schwarzwälder Uhr. Doch i&#x017F;t's gut: auf all das auf-<lb/>
geregte, gei&#x017F;tige Leben Ruhe, und dabei die Freude am<lb/>
Schaffen meiner poeti&#x017F;chen Produkte. Der arme Shak&#x017F;peare<lb/>
war Schreiber den Tag über und mußte Nachts dichten, und<lb/>
ich, der ich nicht werth bin, ihm die Schuhriemen zu lö&#x017F;en,<lb/>
hab's weit be&#x017F;&#x017F;er. &#x2014; ...... Lern&#x017F;t Du bis O&#x017F;tern die<lb/><hi rendition="#g">Volkslieder</hi> &#x017F;ingen, wenn's Dich nicht angreift? Man<lb/>
hört hier keine Stimme; das <hi rendition="#g">Volk</hi> &#x017F;ingt nicht, und du<lb/>
weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer<lb/>
Soiree oder einem Concerte einige Töne todt&#x017F;chreien oder<lb/>
win&#x017F;eln. Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer<lb/>
näher, jeden Tag wird mir's heller &#x2014; und gelt, du &#x017F;ing&#x017F;t<lb/>
die Lieder? Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir<lb/>
eine Melodie &#x017F;umme. ........ Jeden Abend &#x017F;itz' ich eine<lb/>
oder zwei Stunden im Ca&#x017F;ino; Du kenn&#x017F;t meine Vorliebe<lb/>
für &#x017F;chöne Säle, Lichter und Men&#x017F;chen um mich." ....</p>
          </div><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#c">9.</hi> </head><lb/>
            <dateline><hi rendition="#g">Zürich</hi>, 27. Januar 1837.</dateline><lb/>
            <p>"Mein lieb Kind, Du bi&#x017F;t voll zärtlicher Be&#x017F;orgniß<lb/>
und will&#x017F;t krank werden vor Ang&#x017F;t; ich glaube gar, Du<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[379/0575] 8. Zürich, 20. Januar 1837. "Ich habe mich verkältet und im Bett gelegen. Aber jetzt iſt's beſſer. Wenn man ſo ein wenig unwohl iſt, hat man ein ſo groß Gelüſten nach Faulheit; aber das Mühlrad dreht ſich als fort ohne Raſt und Ruh. ... Heute und geſtern gönne ich mir jedoch ein wenig Ruhe und leſe nicht; morgen geht's wieder im alten Trab, du glaubſt nicht, wie regelmäßig und ordentlich. Ich gehe faſt ſo richtig, wie eine Schwarzwälder Uhr. Doch iſt's gut: auf all das auf- geregte, geiſtige Leben Ruhe, und dabei die Freude am Schaffen meiner poetiſchen Produkte. Der arme Shakſpeare war Schreiber den Tag über und mußte Nachts dichten, und ich, der ich nicht werth bin, ihm die Schuhriemen zu löſen, hab's weit beſſer. — ...... Lernſt Du bis Oſtern die Volkslieder ſingen, wenn's Dich nicht angreift? Man hört hier keine Stimme; das Volk ſingt nicht, und du weißt, wie ich die Frauenzimmer lieb habe, die in einer Soiree oder einem Concerte einige Töne todtſchreien oder winſeln. Ich komme dem Volk und dem Mittelalter immer näher, jeden Tag wird mir's heller — und gelt, du ſingſt die Lieder? Ich bekomme halb das Heimweh, wenn ich mir eine Melodie ſumme. ........ Jeden Abend ſitz' ich eine oder zwei Stunden im Caſino; Du kennſt meine Vorliebe für ſchöne Säle, Lichter und Menſchen um mich." .... 9. Zürich, 27. Januar 1837. "Mein lieb Kind, Du biſt voll zärtlicher Beſorgniß und willſt krank werden vor Angſt; ich glaube gar, Du

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/575
Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. 379. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/575>, abgerufen am 11.08.2020.