Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879.

Bild:
<< vorherige Seite
III. An Karl Gutzkow.
1.


Mein Herr!

Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht,
im unglücklicheren Fall, die eigene Erfahrung schon gesagt,
daß es einen Grad von Elend gibt, welcher jede Rücksicht
vergessen und jedes Gefühl verstummen macht. Es gibt zwar
Leute, welche behaupten, man solle sich in einem solchen Falle
lieber zur Welt hinaushungern, aber ich könnte die Wider-
legung in einem seit Kurzem erblindeten Hauptmanne von
der Gasse aufgreifen, welcher erklärt, er würde sich todt-
schießen, wenn er nicht gezwungen sei, seiner Familie durch
sein Leben seine Besoldung zu erhalten. Das ist entsetzlich.
Sie werden wohl einsehen, daß es ähnliche Verhältnisse geben
kann, die Einen verhindern, seinen Leib zum Nothanker zu
machen, um ihn von dem Wracke dieser Welt in das Wasser
zu werfen, und werden sich also nicht wundern, wie ich Ihre
Thüre aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuscript
auf die Brust setze und ein Almosen abfordere.* Ich bitte

* Dem Briefe lag das Manuscript von "Dantons Tod" bei.
Vrgl. d. Einleitung. F.
III. An Karl Gutzkow.
1.


Mein Herr!

Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht,
im unglücklicheren Fall, die eigene Erfahrung ſchon geſagt,
daß es einen Grad von Elend gibt, welcher jede Rückſicht
vergeſſen und jedes Gefühl verſtummen macht. Es gibt zwar
Leute, welche behaupten, man ſolle ſich in einem ſolchen Falle
lieber zur Welt hinaushungern, aber ich könnte die Wider-
legung in einem ſeit Kurzem erblindeten Hauptmanne von
der Gaſſe aufgreifen, welcher erklärt, er würde ſich todt-
ſchießen, wenn er nicht gezwungen ſei, ſeiner Familie durch
ſein Leben ſeine Beſoldung zu erhalten. Das iſt entſetzlich.
Sie werden wohl einſehen, daß es ähnliche Verhältniſſe geben
kann, die Einen verhindern, ſeinen Leib zum Nothanker zu
machen, um ihn von dem Wracke dieſer Welt in das Waſſer
zu werfen, und werden ſich alſo nicht wundern, wie ich Ihre
Thüre aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuſcript
auf die Bruſt ſetze und ein Almoſen abfordere.* Ich bitte

* Dem Briefe lag das Manuſcript von "Dantons Tod" bei.
Vrgl. d. Einleitung. F.
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0577" n="[381]"/>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#c"> <hi rendition="#b">III. <hi rendition="#g">An Karl Gutzkow</hi>.</hi> </hi> </head><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#c">1.</hi> </head><lb/>
            <opener>
              <dateline><hi rendition="#g">Darm&#x017F;tadt</hi>, Ende Februar 1835.</dateline><lb/>
              <salute>Mein Herr!</salute>
            </opener><lb/>
            <p>Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht,<lb/>
im unglücklicheren Fall, die eigene Erfahrung &#x017F;chon ge&#x017F;agt,<lb/>
daß es einen Grad von Elend gibt, welcher jede Rück&#x017F;icht<lb/>
verge&#x017F;&#x017F;en und jedes Gefühl ver&#x017F;tummen macht. Es gibt zwar<lb/>
Leute, welche behaupten, man &#x017F;olle &#x017F;ich in einem &#x017F;olchen Falle<lb/>
lieber zur Welt hinaushungern, aber ich könnte die Wider-<lb/>
legung in einem &#x017F;eit Kurzem erblindeten Hauptmanne von<lb/>
der Ga&#x017F;&#x017F;e aufgreifen, welcher erklärt, er würde &#x017F;ich todt-<lb/>
&#x017F;chießen, wenn er nicht gezwungen &#x017F;ei, &#x017F;einer Familie durch<lb/>
&#x017F;ein Leben &#x017F;eine Be&#x017F;oldung zu erhalten. Das i&#x017F;t ent&#x017F;etzlich.<lb/>
Sie werden wohl ein&#x017F;ehen, daß es ähnliche Verhältni&#x017F;&#x017F;e geben<lb/>
kann, die Einen verhindern, &#x017F;einen Leib zum Nothanker zu<lb/>
machen, um ihn von dem Wracke die&#x017F;er Welt in das Wa&#x017F;&#x017F;er<lb/>
zu werfen, und werden &#x017F;ich al&#x017F;o nicht wundern, wie ich Ihre<lb/>
Thüre aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manu&#x017F;cript<lb/>
auf die Bru&#x017F;t &#x017F;etze und ein Almo&#x017F;en abfordere.<note place="foot" n="*">Dem Briefe lag das Manu&#x017F;cript von "Dantons Tod" bei.<lb/>
Vrgl. d. Einleitung. <hi rendition="#et">F.</hi></note> Ich bitte<lb/></p>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[381]/0577] III. An Karl Gutzkow. 1. Darmſtadt, Ende Februar 1835. Mein Herr! Vielleicht hat es Ihnen die Beobachtung, vielleicht, im unglücklicheren Fall, die eigene Erfahrung ſchon geſagt, daß es einen Grad von Elend gibt, welcher jede Rückſicht vergeſſen und jedes Gefühl verſtummen macht. Es gibt zwar Leute, welche behaupten, man ſolle ſich in einem ſolchen Falle lieber zur Welt hinaushungern, aber ich könnte die Wider- legung in einem ſeit Kurzem erblindeten Hauptmanne von der Gaſſe aufgreifen, welcher erklärt, er würde ſich todt- ſchießen, wenn er nicht gezwungen ſei, ſeiner Familie durch ſein Leben ſeine Beſoldung zu erhalten. Das iſt entſetzlich. Sie werden wohl einſehen, daß es ähnliche Verhältniſſe geben kann, die Einen verhindern, ſeinen Leib zum Nothanker zu machen, um ihn von dem Wracke dieſer Welt in das Waſſer zu werfen, und werden ſich alſo nicht wundern, wie ich Ihre Thüre aufreiße, in Ihr Zimmer trete, Ihnen ein Manuſcript auf die Bruſt ſetze und ein Almoſen abfordere. * Ich bitte * Dem Briefe lag das Manuſcript von "Dantons Tod" bei. Vrgl. d. Einleitung. F.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/577
Zitationshilfe: Büchner, Georg: Sämmtliche Werke und handschriftlicher Nachlaß. Frankfurt (Main), 1879, S. [381]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/buechner_werke_1879/577>, abgerufen am 11.08.2020.