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Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846.

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neugebornen Kindes wirklich ein bloß thierisches, und
als bilde es sich nur allmählig erst zur menschlichen Eigen¬
thümlichkeit heran. Das Eine ist so falsch als das Andre.
Wer an so etwas wirklich denken könnte, der hat das
Wesen der Idee nie begriffen, er hat das große Wort
nicht verstanden:

"Nach dem Gesetz, wonach du angetreten,
So mußt du sein, du kannst dir nicht entfliehn!"

Allerdings können und müssen die frühesten und
ersten Phasen der Entwicklung
eines Wesens von
höherer Energie der Idee und zu reicherm Dasein bestimmt,
immer einigermaßen ähnlich sein den spätern Pha¬
sen
eines Wesens von geringerer Energie der Idee und
zu ärmerm Dasein bestimmt, aber dies können immer nur
Aehnlichkeiten, keine Gleichheiten sein. Was die Form
und Gestaltung betrifft, so widerlegt es denn auch die Be¬
obachtung durchaus und die erste genaue Untersuchung
der werdenden Organismen weist die Verschiedenheit nach;
-- nur das eine ist wahr und verdient hier noch eine etwas
nähere Betrachtung, nämlich daß die allererste sichtbare Da¬
seinsform des menschlichen Individuums als erste mikros¬
kopische Keimzelle, von der Daseinsform, in welcher auf
dieser Stufe das niedrigste thierische Individuum erscheint,
kaum, oder gar nicht unterschieden werden kann. Auf der
ersten Tafel des 5. Heftes meiner Erläuterungstafeln der
vergleichenden Anatomie habe ich die frühesten Eibläschen
sehr verschiedener Thiere zusammengestellt, und wenn man
diese betrachtet und die der höhern und niedersten Geschöpfe
so sehr gleichförmig gebildet findet, so gibt dies eine ge¬
wisse Berechtigung zu denken, es existire wirklich hier im
ersten Anfange der Bildung keine wesentliche Verschiedenheit
unter den Thieren, welches man dann allerdings wieder
gewissermaßen auch für einen Grund der ursprünglichen
Gleichheit selbst menschlicher und thierischer Organisation
halten könnte. Dem ist aber doch nicht so, und wäre die

neugebornen Kindes wirklich ein bloß thieriſches, und
als bilde es ſich nur allmählig erſt zur menſchlichen Eigen¬
thümlichkeit heran. Das Eine iſt ſo falſch als das Andre.
Wer an ſo etwas wirklich denken könnte, der hat das
Weſen der Idee nie begriffen, er hat das große Wort
nicht verſtanden:

„Nach dem Geſetz, wonach du angetreten,
So mußt du ſein, du kannſt dir nicht entfliehn!“

Allerdings können und müſſen die früheſten und
erſten Phaſen der Entwicklung
eines Weſens von
höherer Energie der Idee und zu reicherm Daſein beſtimmt,
immer einigermaßen ähnlich ſein den ſpätern Pha¬
ſen
eines Weſens von geringerer Energie der Idee und
zu ärmerm Daſein beſtimmt, aber dies können immer nur
Aehnlichkeiten, keine Gleichheiten ſein. Was die Form
und Geſtaltung betrifft, ſo widerlegt es denn auch die Be¬
obachtung durchaus und die erſte genaue Unterſuchung
der werdenden Organismen weiſt die Verſchiedenheit nach;
— nur das eine iſt wahr und verdient hier noch eine etwas
nähere Betrachtung, nämlich daß die allererſte ſichtbare Da¬
ſeinsform des menſchlichen Individuums als erſte mikroſ¬
kopiſche Keimzelle, von der Daſeinsform, in welcher auf
dieſer Stufe das niedrigſte thieriſche Individuum erſcheint,
kaum, oder gar nicht unterſchieden werden kann. Auf der
erſten Tafel des 5. Heftes meiner Erläuterungstafeln der
vergleichenden Anatomie habe ich die früheſten Eibläschen
ſehr verſchiedener Thiere zuſammengeſtellt, und wenn man
dieſe betrachtet und die der höhern und niederſten Geſchöpfe
ſo ſehr gleichförmig gebildet findet, ſo gibt dies eine ge¬
wiſſe Berechtigung zu denken, es exiſtire wirklich hier im
erſten Anfange der Bildung keine weſentliche Verſchiedenheit
unter den Thieren, welches man dann allerdings wieder
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[150/0166] neugebornen Kindes wirklich ein bloß thieriſches, und als bilde es ſich nur allmählig erſt zur menſchlichen Eigen¬ thümlichkeit heran. Das Eine iſt ſo falſch als das Andre. Wer an ſo etwas wirklich denken könnte, der hat das Weſen der Idee nie begriffen, er hat das große Wort nicht verſtanden: „Nach dem Geſetz, wonach du angetreten, So mußt du ſein, du kannſt dir nicht entfliehn!“ Allerdings können und müſſen die früheſten und erſten Phaſen der Entwicklung eines Weſens von höherer Energie der Idee und zu reicherm Daſein beſtimmt, immer einigermaßen ähnlich ſein den ſpätern Pha¬ ſen eines Weſens von geringerer Energie der Idee und zu ärmerm Daſein beſtimmt, aber dies können immer nur Aehnlichkeiten, keine Gleichheiten ſein. Was die Form und Geſtaltung betrifft, ſo widerlegt es denn auch die Be¬ obachtung durchaus und die erſte genaue Unterſuchung der werdenden Organismen weiſt die Verſchiedenheit nach; — nur das eine iſt wahr und verdient hier noch eine etwas nähere Betrachtung, nämlich daß die allererſte ſichtbare Da¬ ſeinsform des menſchlichen Individuums als erſte mikroſ¬ kopiſche Keimzelle, von der Daſeinsform, in welcher auf dieſer Stufe das niedrigſte thieriſche Individuum erſcheint, kaum, oder gar nicht unterſchieden werden kann. Auf der erſten Tafel des 5. Heftes meiner Erläuterungstafeln der vergleichenden Anatomie habe ich die früheſten Eibläschen ſehr verſchiedener Thiere zuſammengeſtellt, und wenn man dieſe betrachtet und die der höhern und niederſten Geſchöpfe ſo ſehr gleichförmig gebildet findet, ſo gibt dies eine ge¬ wiſſe Berechtigung zu denken, es exiſtire wirklich hier im erſten Anfange der Bildung keine weſentliche Verſchiedenheit unter den Thieren, welches man dann allerdings wieder gewiſſermaßen auch für einen Grund der urſprünglichen Gleichheit ſelbſt menſchlicher und thieriſcher Organiſation halten könnte. Dem iſt aber doch nicht ſo, und wäre die

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Zitationshilfe: Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846, S. 150. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/166>, abgerufen am 13.07.2020.