Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

D er Schlüssel zur Erkenntniß vom Wesen
des bewußten Seelenlebens liegt in der Region
des Unbewußtseins
. Alle Schwierigkeit, ja alle schein¬
bare Unmöglichkeit eines wahren Verständnisses vom Ge¬
heimniß der Seele wird von hier aus deutlich. Wäre es
eine absolute Unmöglichkeit, im Bewußten das Unbewußte
zu finden, so müßte der Mensch verzweifeln zum Erkennen
seiner Seele, d. h. zur eigentlichen Selbsterkenntniß zu
gelangen. Ist diese Unmöglichkeit nur eine scheinbare, so
ist es die erste Aufgabe der Wissenschaft von der Seele,
darzulegen, auf welche Weise der Geist des Menschen in
diese Tiefen hinabzusteigen vermöge.

Ehe jedoch dergleichen versucht wird, ist zu erwägen,
in wie fern denn wirklich das unbewußte Seelenleben die
Basis des bewußten genannt werden dürfe?

Daß fortwährend der bei weitem größte Theil des
Reiches unseres Seelenlebens im Unbewußtsein ruht, kann
der erste Blick in's innere Leben uns lehren. Wir besitzen
zu jeder Zeit, während wir nur einiger wenigen Vorstel¬
lungen uns wirklich bewußt sind, Tausende von Vorstellun¬
gen, welche doch durchaus dem Bewußtsein entzogen sind,
welche in diesem Augenblicke nicht gewußt werden und doch
da sind, und folglich zeigen, daß der größte Theil des
Seelenlebens in die Nacht des Unbewußtseins fällt.

Carus, Psyche. 1

D er Schlüſſel zur Erkenntniß vom Weſen
des bewußten Seelenlebens liegt in der Region
des Unbewußtſeins
. Alle Schwierigkeit, ja alle ſchein¬
bare Unmöglichkeit eines wahren Verſtändniſſes vom Ge¬
heimniß der Seele wird von hier aus deutlich. Wäre es
eine abſolute Unmöglichkeit, im Bewußten das Unbewußte
zu finden, ſo müßte der Menſch verzweifeln zum Erkennen
ſeiner Seele, d. h. zur eigentlichen Selbſterkenntniß zu
gelangen. Iſt dieſe Unmöglichkeit nur eine ſcheinbare, ſo
iſt es die erſte Aufgabe der Wiſſenſchaft von der Seele,
darzulegen, auf welche Weiſe der Geiſt des Menſchen in
dieſe Tiefen hinabzuſteigen vermöge.

Ehe jedoch dergleichen verſucht wird, iſt zu erwägen,
in wie fern denn wirklich das unbewußte Seelenleben die
Baſis des bewußten genannt werden dürfe?

Daß fortwährend der bei weitem größte Theil des
Reiches unſeres Seelenlebens im Unbewußtſein ruht, kann
der erſte Blick in's innere Leben uns lehren. Wir beſitzen
zu jeder Zeit, während wir nur einiger wenigen Vorſtel¬
lungen uns wirklich bewußt ſind, Tauſende von Vorſtellun¬
gen, welche doch durchaus dem Bewußtſein entzogen ſind,
welche in dieſem Augenblicke nicht gewußt werden und doch
da ſind, und folglich zeigen, daß der größte Theil des
Seelenlebens in die Nacht des Unbewußtſeins fällt.

Carus, Pſyche. 1
<TEI>
  <text>
    <body>
      <pb facs="#f0017" n="[1]"/>
      <div n="1">
        <p><hi rendition="#g #in">D</hi><hi rendition="#g">er Schlü&#x017F;&#x017F;el zur Erkenntniß vom We&#x017F;en<lb/>
des bewußten Seelenlebens liegt in der Region<lb/>
des Unbewußt&#x017F;eins</hi>. Alle Schwierigkeit, ja alle &#x017F;chein¬<lb/>
bare Unmöglichkeit eines wahren Ver&#x017F;tändni&#x017F;&#x017F;es vom Ge¬<lb/>
heimniß der Seele wird von hier aus deutlich. Wäre es<lb/>
eine ab&#x017F;olute Unmöglichkeit, im Bewußten das Unbewußte<lb/>
zu finden, &#x017F;o müßte der Men&#x017F;ch verzweifeln zum Erkennen<lb/>
&#x017F;einer Seele, d. h. zur eigentlichen Selb&#x017F;terkenntniß zu<lb/>
gelangen. I&#x017F;t die&#x017F;e Unmöglichkeit nur eine &#x017F;cheinbare, &#x017F;o<lb/>
i&#x017F;t es die er&#x017F;te Aufgabe der Wi&#x017F;&#x017F;en&#x017F;chaft von der Seele,<lb/>
darzulegen, auf welche Wei&#x017F;e der Gei&#x017F;t des Men&#x017F;chen in<lb/>
die&#x017F;e Tiefen hinabzu&#x017F;teigen vermöge.</p><lb/>
        <p>Ehe jedoch dergleichen ver&#x017F;ucht wird, i&#x017F;t zu erwägen,<lb/>
in wie fern denn wirklich das unbewußte Seelenleben die<lb/>
Ba&#x017F;is des bewußten genannt werden dürfe?</p><lb/>
        <p>Daß fortwährend der bei weitem größte Theil des<lb/>
Reiches un&#x017F;eres Seelenlebens im Unbewußt&#x017F;ein ruht, kann<lb/>
der er&#x017F;te Blick in's innere Leben uns lehren. Wir be&#x017F;itzen<lb/>
zu jeder Zeit, während wir nur einiger wenigen Vor&#x017F;tel¬<lb/>
lungen uns wirklich bewußt &#x017F;ind, Tau&#x017F;ende von Vor&#x017F;tellun¬<lb/>
gen, welche doch durchaus dem Bewußt&#x017F;ein entzogen &#x017F;ind,<lb/>
welche in die&#x017F;em Augenblicke nicht gewußt werden und doch<lb/>
da &#x017F;ind, und folglich zeigen, daß der größte Theil des<lb/>
Seelenlebens in die Nacht des Unbewußt&#x017F;eins fällt.<lb/>
<fw place="bottom" type="sig"><hi rendition="#g">Carus</hi>, P&#x017F;yche. 1<lb/></fw>
</p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[[1]/0017] D er Schlüſſel zur Erkenntniß vom Weſen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtſeins. Alle Schwierigkeit, ja alle ſchein¬ bare Unmöglichkeit eines wahren Verſtändniſſes vom Ge¬ heimniß der Seele wird von hier aus deutlich. Wäre es eine abſolute Unmöglichkeit, im Bewußten das Unbewußte zu finden, ſo müßte der Menſch verzweifeln zum Erkennen ſeiner Seele, d. h. zur eigentlichen Selbſterkenntniß zu gelangen. Iſt dieſe Unmöglichkeit nur eine ſcheinbare, ſo iſt es die erſte Aufgabe der Wiſſenſchaft von der Seele, darzulegen, auf welche Weiſe der Geiſt des Menſchen in dieſe Tiefen hinabzuſteigen vermöge. Ehe jedoch dergleichen verſucht wird, iſt zu erwägen, in wie fern denn wirklich das unbewußte Seelenleben die Baſis des bewußten genannt werden dürfe? Daß fortwährend der bei weitem größte Theil des Reiches unſeres Seelenlebens im Unbewußtſein ruht, kann der erſte Blick in's innere Leben uns lehren. Wir beſitzen zu jeder Zeit, während wir nur einiger wenigen Vorſtel¬ lungen uns wirklich bewußt ſind, Tauſende von Vorſtellun¬ gen, welche doch durchaus dem Bewußtſein entzogen ſind, welche in dieſem Augenblicke nicht gewußt werden und doch da ſind, und folglich zeigen, daß der größte Theil des Seelenlebens in die Nacht des Unbewußtſeins fällt. Carus, Pſyche. 1

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/17
Zitationshilfe: Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/17>, abgerufen am 16.12.2018.