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Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846.

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I. Vom unbewußten Leben der Seele.

Es ist eine eigene Empfindung, die wir haben, wenn
in unserem selbstbewußten Denken wir uns deutlich machen
mit welcher eigenthümlichen und hohen Gesetzmäßigkeit und
Schönheit, in uns und andern Lebendigen, lange vor
allem Denken, das Wirklichwerden und Erhalten unserer
Gestaltung geleitet wird. Je mehr wir hier in die Tiefen
der Bildungsvorgänge eindringen, um so höher steigt unsere
Ehrfurcht vor diesem Walten! Wer die Schritt für Schritt
mit unverrückter Stetigkeit geschehenden Krystallisationen
der Urtheile nur eines einzigen Organismus verfolgt hat,
wer gesehen hat, wie durch unendliche Wiederholungen der
einzigen Urgestalt des mikroskopischen ersten Eibläschens,
eine eigenthümliche Zellenbildung entsteht, welche überall
die Grundlage ist, aus welcher dann Gefäße, Nerven,
Muskeln, Knochen, je nach bestimmten Strahlungen und
Metamorphosen, hervorgehen, dem muß allmählig verständ¬
lich werden, welch eine Weisheit, Macht und Schönheit,
noch ohne alles Selbstbewußtsein, ein sich indi¬
vidualisirendes Göttliches zu offenbaren vermag. Es ist
dann sogar nicht zu vermeiden, daß wir zu der Frage
kommen: "Kann die freie Wirksamkeit der selbstbewußten
Seele zu einer Höhe sich erheben, welche der Schönheit,
dem Reichthum der innern Vollendung dessen gleich kommt,

I. Vom unbewußten Leben der Seele.

Es iſt eine eigene Empfindung, die wir haben, wenn
in unſerem ſelbſtbewußten Denken wir uns deutlich machen
mit welcher eigenthümlichen und hohen Geſetzmäßigkeit und
Schönheit, in uns und andern Lebendigen, lange vor
allem Denken, das Wirklichwerden und Erhalten unſerer
Geſtaltung geleitet wird. Je mehr wir hier in die Tiefen
der Bildungsvorgänge eindringen, um ſo höher ſteigt unſere
Ehrfurcht vor dieſem Walten! Wer die Schritt für Schritt
mit unverrückter Stetigkeit geſchehenden Kryſtalliſationen
der Urtheile nur eines einzigen Organismus verfolgt hat,
wer geſehen hat, wie durch unendliche Wiederholungen der
einzigen Urgeſtalt des mikroſkopiſchen erſten Eibläschens,
eine eigenthümliche Zellenbildung entſteht, welche überall
die Grundlage iſt, aus welcher dann Gefäße, Nerven,
Muskeln, Knochen, je nach beſtimmten Strahlungen und
Metamorphoſen, hervorgehen, dem muß allmählig verſtänd¬
lich werden, welch eine Weisheit, Macht und Schönheit,
noch ohne alles Selbſtbewußtſein, ein ſich indi¬
vidualiſirendes Göttliches zu offenbaren vermag. Es iſt
dann ſogar nicht zu vermeiden, daß wir zu der Frage
kommen: „Kann die freie Wirkſamkeit der ſelbſtbewußten
Seele zu einer Höhe ſich erheben, welche der Schönheit,
dem Reichthum der innern Vollendung deſſen gleich kommt,

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[[12]/0028] I. Vom unbewußten Leben der Seele. Es iſt eine eigene Empfindung, die wir haben, wenn in unſerem ſelbſtbewußten Denken wir uns deutlich machen mit welcher eigenthümlichen und hohen Geſetzmäßigkeit und Schönheit, in uns und andern Lebendigen, lange vor allem Denken, das Wirklichwerden und Erhalten unſerer Geſtaltung geleitet wird. Je mehr wir hier in die Tiefen der Bildungsvorgänge eindringen, um ſo höher ſteigt unſere Ehrfurcht vor dieſem Walten! Wer die Schritt für Schritt mit unverrückter Stetigkeit geſchehenden Kryſtalliſationen der Urtheile nur eines einzigen Organismus verfolgt hat, wer geſehen hat, wie durch unendliche Wiederholungen der einzigen Urgeſtalt des mikroſkopiſchen erſten Eibläschens, eine eigenthümliche Zellenbildung entſteht, welche überall die Grundlage iſt, aus welcher dann Gefäße, Nerven, Muskeln, Knochen, je nach beſtimmten Strahlungen und Metamorphoſen, hervorgehen, dem muß allmählig verſtänd¬ lich werden, welch eine Weisheit, Macht und Schönheit, noch ohne alles Selbſtbewußtſein, ein ſich indi¬ vidualiſirendes Göttliches zu offenbaren vermag. Es iſt dann ſogar nicht zu vermeiden, daß wir zu der Frage kommen: „Kann die freie Wirkſamkeit der ſelbſtbewußten Seele zu einer Höhe ſich erheben, welche der Schönheit, dem Reichthum der innern Vollendung deſſen gleich kommt,

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Zitationshilfe: Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846, S. [12]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/28>, abgerufen am 11.08.2020.