Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846.

Bild:
<< vorherige Seite
b. Betrachtung der ersten durch unbewußtes Walten der Idee gesetzten
Gliederung des Organismus in verschiedene Systeme.

Unter manchem Unverständlichen und Unverantwort¬
lichen mit dem die ältere Psychologie sich herumgetragen
hat, steht die Lehre vom Verhältniß zwischen Leib
und Seele
in so fern mit oben an, als man hierunter
nicht sowohl das Verhältniß zwischen der Idee, dem gött¬
lichen Urbilde an und für sich, und dem in ätherischer
Substanz ausgeprägten leiblichen Abbilde, auch an und
für sich, im Sinne hatte, sondern darunter vielmehr das
Verhältniß verschiedener Regionen des Seelenlebens, wie
es sich theils bewußter, theils aber unbewußter Weise
äußert, verstand oder vielmehr wirklich nicht, oder doch
nicht recht verstand. So rechnete man z. B. es als eine
Beziehung zwischen Leib und Seele, wenn man das Ver¬
hältniß darstellte, welches besteht zwischen den zum Be¬
wußtsein kommenden Denkfunctionen des Gehirns und den
bewußtlosen Verdauungsfunctionen des Magens; man sagte:
das Denken der Seele werde influenzirt von dem Ernäh¬
rungsleben, der Geist von dem Blutleben des Leibes u. s. w.,
und bedachte nicht, daß man hier und in allen ähnlichen
Fällen gar keinen Gegensatz von Seele und Leib, sondern
nur einen Gegensatz zwischen verschiedenen bald bewußten,
bald unbewußten Regionen der sich darlebenden Seele, oder
eines zeitlich und organisch sich darlebenden göttlichen Ur¬
bildes, vor sich hatte. Diese fälschlich sogenannte Lehre
von Seele und Leib, zwei Factoren, deren Aufeinander¬
wirken übrigens so gar nicht zur Klarheit gebracht werden
konnte, hat allein schon unsäglichen Irrthum in der Psy¬
chologie verbreitet, und sie kann nur erleuchtet, und eigent¬
lich ganz beseitigt werden, wenn die Lehre von der Glie¬
derung der verschiedenen Lebenssphären und Systeme des
Menschen zu vollständiger Deutlichkeit gebracht wird; ich

b. Betrachtung der erſten durch unbewußtes Walten der Idee geſetzten
Gliederung des Organismus in verſchiedene Syſteme.

Unter manchem Unverſtändlichen und Unverantwort¬
lichen mit dem die ältere Pſychologie ſich herumgetragen
hat, ſteht die Lehre vom Verhältniß zwiſchen Leib
und Seele
in ſo fern mit oben an, als man hierunter
nicht ſowohl das Verhältniß zwiſchen der Idee, dem gött¬
lichen Urbilde an und für ſich, und dem in ätheriſcher
Subſtanz ausgeprägten leiblichen Abbilde, auch an und
für ſich, im Sinne hatte, ſondern darunter vielmehr das
Verhältniß verſchiedener Regionen des Seelenlebens, wie
es ſich theils bewußter, theils aber unbewußter Weiſe
äußert, verſtand oder vielmehr wirklich nicht, oder doch
nicht recht verſtand. So rechnete man z. B. es als eine
Beziehung zwiſchen Leib und Seele, wenn man das Ver¬
hältniß darſtellte, welches beſteht zwiſchen den zum Be¬
wußtſein kommenden Denkfunctionen des Gehirns und den
bewußtloſen Verdauungsfunctionen des Magens; man ſagte:
das Denken der Seele werde influenzirt von dem Ernäh¬
rungsleben, der Geiſt von dem Blutleben des Leibes u. ſ. w.,
und bedachte nicht, daß man hier und in allen ähnlichen
Fällen gar keinen Gegenſatz von Seele und Leib, ſondern
nur einen Gegenſatz zwiſchen verſchiedenen bald bewußten,
bald unbewußten Regionen der ſich darlebenden Seele, oder
eines zeitlich und organiſch ſich darlebenden göttlichen Ur¬
bildes, vor ſich hatte. Dieſe fälſchlich ſogenannte Lehre
von Seele und Leib, zwei Factoren, deren Aufeinander¬
wirken übrigens ſo gar nicht zur Klarheit gebracht werden
konnte, hat allein ſchon unſäglichen Irrthum in der Pſy¬
chologie verbreitet, und ſie kann nur erleuchtet, und eigent¬
lich ganz beſeitigt werden, wenn die Lehre von der Glie¬
derung der verſchiedenen Lebensſphären und Syſteme des
Menſchen zu vollſtändiger Deutlichkeit gebracht wird; ich

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0047" n="31"/>
        </div>
        <div n="2">
          <head> <hi rendition="#b">b. Betrachtung der er&#x017F;ten durch unbewußtes Walten der Idee ge&#x017F;etzten<lb/>
Gliederung des Organismus in ver&#x017F;chiedene Sy&#x017F;teme.</hi><lb/>
          </head>
          <p>Unter manchem Unver&#x017F;tändlichen und Unverantwort¬<lb/>
lichen mit dem die ältere P&#x017F;ychologie &#x017F;ich herumgetragen<lb/>
hat, &#x017F;teht die Lehre <hi rendition="#g">vom Verhältniß zwi&#x017F;chen Leib<lb/>
und Seele</hi> in &#x017F;o fern mit oben an, als man hierunter<lb/>
nicht &#x017F;owohl das Verhältniß zwi&#x017F;chen der Idee, dem gött¬<lb/>
lichen Urbilde an und für &#x017F;ich, und dem in ätheri&#x017F;cher<lb/>
Sub&#x017F;tanz ausgeprägten leiblichen Abbilde, auch an und<lb/>
für &#x017F;ich, im Sinne hatte, &#x017F;ondern darunter vielmehr das<lb/>
Verhältniß ver&#x017F;chiedener Regionen des Seelenlebens, wie<lb/>
es &#x017F;ich theils bewußter, theils aber unbewußter Wei&#x017F;e<lb/>
äußert, ver&#x017F;tand oder vielmehr wirklich <hi rendition="#g">nicht</hi>, oder doch<lb/>
nicht recht ver&#x017F;tand. So rechnete man z. B. es als eine<lb/>
Beziehung zwi&#x017F;chen Leib und Seele, wenn man das Ver¬<lb/>
hältniß dar&#x017F;tellte, welches be&#x017F;teht zwi&#x017F;chen den zum Be¬<lb/>
wußt&#x017F;ein kommenden Denkfunctionen des Gehirns und den<lb/>
bewußtlo&#x017F;en Verdauungsfunctionen des Magens; man &#x017F;agte:<lb/>
das Denken der Seele werde influenzirt von dem Ernäh¬<lb/>
rungsleben, der Gei&#x017F;t von dem Blutleben des Leibes u. &#x017F;. w.,<lb/>
und bedachte nicht, daß man hier und in allen ähnlichen<lb/>
Fällen gar keinen Gegen&#x017F;atz von Seele und Leib, &#x017F;ondern<lb/>
nur einen Gegen&#x017F;atz zwi&#x017F;chen ver&#x017F;chiedenen bald bewußten,<lb/>
bald unbewußten Regionen der &#x017F;ich darlebenden Seele, oder<lb/>
eines zeitlich und organi&#x017F;ch &#x017F;ich darlebenden göttlichen Ur¬<lb/>
bildes, vor &#x017F;ich hatte. Die&#x017F;e fäl&#x017F;chlich &#x017F;ogenannte Lehre<lb/>
von Seele und Leib, zwei Factoren, deren Aufeinander¬<lb/>
wirken übrigens &#x017F;o gar nicht zur Klarheit gebracht werden<lb/>
konnte, hat allein &#x017F;chon un&#x017F;äglichen Irrthum in der P&#x017F;<lb/>
chologie verbreitet, und &#x017F;ie kann nur erleuchtet, und eigent¬<lb/>
lich ganz be&#x017F;eitigt werden, wenn die Lehre von der Glie¬<lb/>
derung der ver&#x017F;chiedenen Lebens&#x017F;phären und Sy&#x017F;teme des<lb/>
Men&#x017F;chen zu voll&#x017F;tändiger Deutlichkeit gebracht wird; ich<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[31/0047] b. Betrachtung der erſten durch unbewußtes Walten der Idee geſetzten Gliederung des Organismus in verſchiedene Syſteme. Unter manchem Unverſtändlichen und Unverantwort¬ lichen mit dem die ältere Pſychologie ſich herumgetragen hat, ſteht die Lehre vom Verhältniß zwiſchen Leib und Seele in ſo fern mit oben an, als man hierunter nicht ſowohl das Verhältniß zwiſchen der Idee, dem gött¬ lichen Urbilde an und für ſich, und dem in ätheriſcher Subſtanz ausgeprägten leiblichen Abbilde, auch an und für ſich, im Sinne hatte, ſondern darunter vielmehr das Verhältniß verſchiedener Regionen des Seelenlebens, wie es ſich theils bewußter, theils aber unbewußter Weiſe äußert, verſtand oder vielmehr wirklich nicht, oder doch nicht recht verſtand. So rechnete man z. B. es als eine Beziehung zwiſchen Leib und Seele, wenn man das Ver¬ hältniß darſtellte, welches beſteht zwiſchen den zum Be¬ wußtſein kommenden Denkfunctionen des Gehirns und den bewußtloſen Verdauungsfunctionen des Magens; man ſagte: das Denken der Seele werde influenzirt von dem Ernäh¬ rungsleben, der Geiſt von dem Blutleben des Leibes u. ſ. w., und bedachte nicht, daß man hier und in allen ähnlichen Fällen gar keinen Gegenſatz von Seele und Leib, ſondern nur einen Gegenſatz zwiſchen verſchiedenen bald bewußten, bald unbewußten Regionen der ſich darlebenden Seele, oder eines zeitlich und organiſch ſich darlebenden göttlichen Ur¬ bildes, vor ſich hatte. Dieſe fälſchlich ſogenannte Lehre von Seele und Leib, zwei Factoren, deren Aufeinander¬ wirken übrigens ſo gar nicht zur Klarheit gebracht werden konnte, hat allein ſchon unſäglichen Irrthum in der Pſy¬ chologie verbreitet, und ſie kann nur erleuchtet, und eigent¬ lich ganz beſeitigt werden, wenn die Lehre von der Glie¬ derung der verſchiedenen Lebensſphären und Syſteme des Menſchen zu vollſtändiger Deutlichkeit gebracht wird; ich

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/47
Zitationshilfe: Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846, S. 31. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/47>, abgerufen am 26.05.2020.