Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846.

Bild:
<< vorherige Seite

später als die übrigen sich entwickelnden Systeme soll der
Gegensatz des individuellen Lebens zum Leben der Gattung
auf das entschiedenste hervorgehoben werden, in ihm sondert
sich das gesammte neue Geschöpf von dem alten ab, in ihm
ruht daher alle Lust eines neu sich erschließenden Lebens
und aller Schmerz eines untergehenden. Zugleich bildet
es mehr als die übrigen Systeme, denen es nicht als Ein¬
zelnes zu Einzelnem entgegengesetzt ist, sondern denen es,
in wie fern das Ganze reproducirend, als Einzelnes einer
Totalität gegenüber steht, auch eine größere Abgeschlossen¬
heit in sich, und seine Erfühlungen können deßhalb in der
eigenthümlichsten Weise den gesammten Organismus be¬
herrschen. In der Thierwelt sehen wir deßhalb die ganze
individuelle Existenz häufigst nur von diesem System ab¬
hängen. Das Thier gelangt zur Geschlechtseinigung, und
in vielen Fällen ist somit der Kreislauf seines Lebens ab¬
geschlossen. In der menschlichen Seele liegt eben darum
in dieser Region die Möglichkeit höchster Steigerung inne¬
ren Wohlgefühls, innerer Lust -- wofür die Sprache ein
eigenes Wort gibt -- "Wollust" -- welche nichts anderes
ist als Mittheilung lebendigster höchster Erfühlung der un¬
bewußten Sphäre des Geschlechtssystems an die höchste be¬
wußte Sphäre der Nerven; ja in der bewußten Seele
wird von hier aus, immer mehr sich erhebend und vergei¬
stigend, die Möglichkeit der mächtigsten aller Leidenschaften
-- und gerade der, welche höchstes Glück und höchsten
Schmerz einschließt, gegeben, d. i. der Liebe.

Ueberblicken wir jetzt, nachdem nur kurz die Geschichte
der Begränzung verschiedener organischen Provinzen und
der verschiednen Erfühlung einer unbewußten Psyche gegeben
worden ist, die Mannichfaltigkeit dieser Thatsachen im Gan¬
zen, so ergeben sich für die Lehre vom Leben der Seele
folgende wichtige Sätze:

1. Das unbewußte Walten der Idee bestimmt eine
Gliederung der leiblichen Bildung in verschiedene Systeme,

ſpäter als die übrigen ſich entwickelnden Syſteme ſoll der
Gegenſatz des individuellen Lebens zum Leben der Gattung
auf das entſchiedenſte hervorgehoben werden, in ihm ſondert
ſich das geſammte neue Geſchöpf von dem alten ab, in ihm
ruht daher alle Luſt eines neu ſich erſchließenden Lebens
und aller Schmerz eines untergehenden. Zugleich bildet
es mehr als die übrigen Syſteme, denen es nicht als Ein¬
zelnes zu Einzelnem entgegengeſetzt iſt, ſondern denen es,
in wie fern das Ganze reproducirend, als Einzelnes einer
Totalität gegenüber ſteht, auch eine größere Abgeſchloſſen¬
heit in ſich, und ſeine Erfühlungen können deßhalb in der
eigenthümlichſten Weiſe den geſammten Organismus be¬
herrſchen. In der Thierwelt ſehen wir deßhalb die ganze
individuelle Exiſtenz häufigſt nur von dieſem Syſtem ab¬
hängen. Das Thier gelangt zur Geſchlechtseinigung, und
in vielen Fällen iſt ſomit der Kreislauf ſeines Lebens ab¬
geſchloſſen. In der menſchlichen Seele liegt eben darum
in dieſer Region die Möglichkeit höchſter Steigerung inne¬
ren Wohlgefühls, innerer Luſt — wofür die Sprache ein
eigenes Wort gibt — „Wolluſt“ — welche nichts anderes
iſt als Mittheilung lebendigſter höchſter Erfühlung der un¬
bewußten Sphäre des Geſchlechtsſyſtems an die höchſte be¬
wußte Sphäre der Nerven; ja in der bewußten Seele
wird von hier aus, immer mehr ſich erhebend und vergei¬
ſtigend, die Möglichkeit der mächtigſten aller Leidenſchaften
— und gerade der, welche höchſtes Glück und höchſten
Schmerz einſchließt, gegeben, d. i. der Liebe.

Ueberblicken wir jetzt, nachdem nur kurz die Geſchichte
der Begränzung verſchiedener organiſchen Provinzen und
der verſchiednen Erfühlung einer unbewußten Pſyche gegeben
worden iſt, die Mannichfaltigkeit dieſer Thatſachen im Gan¬
zen, ſo ergeben ſich für die Lehre vom Leben der Seele
folgende wichtige Sätze:

1. Das unbewußte Walten der Idee beſtimmt eine
Gliederung der leiblichen Bildung in verſchiedene Syſteme,

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0067" n="51"/>
&#x017F;päter als die übrigen &#x017F;ich entwickelnden Sy&#x017F;teme &#x017F;oll der<lb/>
Gegen&#x017F;atz des individuellen Lebens zum Leben der Gattung<lb/>
auf das ent&#x017F;chieden&#x017F;te hervorgehoben werden, in ihm &#x017F;ondert<lb/>
&#x017F;ich das ge&#x017F;ammte neue Ge&#x017F;chöpf von dem alten ab, in ihm<lb/>
ruht daher alle Lu&#x017F;t eines neu &#x017F;ich er&#x017F;chließenden Lebens<lb/>
und aller Schmerz eines untergehenden. Zugleich bildet<lb/>
es mehr als die übrigen Sy&#x017F;teme, denen es nicht als Ein¬<lb/>
zelnes zu Einzelnem entgegenge&#x017F;etzt i&#x017F;t, &#x017F;ondern denen es,<lb/>
in wie fern das Ganze reproducirend, als Einzelnes einer<lb/>
Totalität gegenüber &#x017F;teht, auch eine größere Abge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en¬<lb/>
heit in &#x017F;ich, und &#x017F;eine Erfühlungen können deßhalb in der<lb/>
eigenthümlich&#x017F;ten Wei&#x017F;e den ge&#x017F;ammten Organismus be¬<lb/>
herr&#x017F;chen. In der Thierwelt &#x017F;ehen wir deßhalb die ganze<lb/>
individuelle Exi&#x017F;tenz häufig&#x017F;t nur von die&#x017F;em Sy&#x017F;tem ab¬<lb/>
hängen. Das Thier gelangt zur Ge&#x017F;chlechtseinigung, und<lb/>
in vielen Fällen i&#x017F;t &#x017F;omit der Kreislauf &#x017F;eines Lebens ab¬<lb/>
ge&#x017F;chlo&#x017F;&#x017F;en. In der men&#x017F;chlichen Seele liegt eben darum<lb/>
in die&#x017F;er Region die Möglichkeit höch&#x017F;ter Steigerung inne¬<lb/>
ren Wohlgefühls, innerer Lu&#x017F;t &#x2014; wofür die Sprache ein<lb/>
eigenes Wort gibt &#x2014; &#x201E;Wollu&#x017F;t&#x201C; &#x2014; welche nichts anderes<lb/>
i&#x017F;t als Mittheilung lebendig&#x017F;ter höch&#x017F;ter Erfühlung der un¬<lb/>
bewußten Sphäre des Ge&#x017F;chlechts&#x017F;y&#x017F;tems an die höch&#x017F;te be¬<lb/>
wußte Sphäre der Nerven; ja in der bewußten Seele<lb/>
wird von hier aus, immer mehr &#x017F;ich erhebend und vergei¬<lb/>
&#x017F;tigend, die Möglichkeit der mächtig&#x017F;ten aller Leiden&#x017F;chaften<lb/>
&#x2014; und gerade der, welche höch&#x017F;tes Glück und höch&#x017F;ten<lb/>
Schmerz ein&#x017F;chließt, gegeben, d. i. <hi rendition="#g">der Liebe</hi>.</p><lb/>
          <p>Ueberblicken wir jetzt, nachdem nur kurz die Ge&#x017F;chichte<lb/>
der Begränzung ver&#x017F;chiedener organi&#x017F;chen Provinzen und<lb/>
der ver&#x017F;chiednen Erfühlung einer unbewußten P&#x017F;yche gegeben<lb/>
worden i&#x017F;t, die Mannichfaltigkeit die&#x017F;er That&#x017F;achen im Gan¬<lb/>
zen, &#x017F;o ergeben &#x017F;ich für die Lehre vom Leben der Seele<lb/>
folgende wichtige Sätze:</p><lb/>
          <p><hi rendition="#aq #b">1.</hi> Das unbewußte Walten der Idee be&#x017F;timmt eine<lb/>
Gliederung der leiblichen Bildung in ver&#x017F;chiedene Sy&#x017F;teme,<lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[51/0067] ſpäter als die übrigen ſich entwickelnden Syſteme ſoll der Gegenſatz des individuellen Lebens zum Leben der Gattung auf das entſchiedenſte hervorgehoben werden, in ihm ſondert ſich das geſammte neue Geſchöpf von dem alten ab, in ihm ruht daher alle Luſt eines neu ſich erſchließenden Lebens und aller Schmerz eines untergehenden. Zugleich bildet es mehr als die übrigen Syſteme, denen es nicht als Ein¬ zelnes zu Einzelnem entgegengeſetzt iſt, ſondern denen es, in wie fern das Ganze reproducirend, als Einzelnes einer Totalität gegenüber ſteht, auch eine größere Abgeſchloſſen¬ heit in ſich, und ſeine Erfühlungen können deßhalb in der eigenthümlichſten Weiſe den geſammten Organismus be¬ herrſchen. In der Thierwelt ſehen wir deßhalb die ganze individuelle Exiſtenz häufigſt nur von dieſem Syſtem ab¬ hängen. Das Thier gelangt zur Geſchlechtseinigung, und in vielen Fällen iſt ſomit der Kreislauf ſeines Lebens ab¬ geſchloſſen. In der menſchlichen Seele liegt eben darum in dieſer Region die Möglichkeit höchſter Steigerung inne¬ ren Wohlgefühls, innerer Luſt — wofür die Sprache ein eigenes Wort gibt — „Wolluſt“ — welche nichts anderes iſt als Mittheilung lebendigſter höchſter Erfühlung der un¬ bewußten Sphäre des Geſchlechtsſyſtems an die höchſte be¬ wußte Sphäre der Nerven; ja in der bewußten Seele wird von hier aus, immer mehr ſich erhebend und vergei¬ ſtigend, die Möglichkeit der mächtigſten aller Leidenſchaften — und gerade der, welche höchſtes Glück und höchſten Schmerz einſchließt, gegeben, d. i. der Liebe. Ueberblicken wir jetzt, nachdem nur kurz die Geſchichte der Begränzung verſchiedener organiſchen Provinzen und der verſchiednen Erfühlung einer unbewußten Pſyche gegeben worden iſt, die Mannichfaltigkeit dieſer Thatſachen im Gan¬ zen, ſo ergeben ſich für die Lehre vom Leben der Seele folgende wichtige Sätze: 1. Das unbewußte Walten der Idee beſtimmt eine Gliederung der leiblichen Bildung in verſchiedene Syſteme,

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846
URL zu dieser Seite: http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/67
Zitationshilfe: Carus, Carl Gustav: Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele. Pforzheim, 1846, S. 51. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_psyche_1846/67>, abgerufen am 15.07.2020.