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Carus, Julius Victor: Geschichte der Zoologie bis auf Johannes Müller und Charles Darwin. München, 1872.

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Einleitung.

Es ist nicht anders zu erwarten, als daß der Mensch, welcher
mitten in die belebte Natur hineingestellt sich als Theil derselben fühlen
mußte, schon sehr früh die Formen der Thiere, ihr Leben und Treiben,
ihr Vorkommen und ihre Verbreitung mit der größten Aufmerksamkeit
und Hingebung betrachtet hat. Mag die Thierwelt ihm in ihren leichter
bezwingbaren Gliedern Mittel zur Befriedigung seiner materiellen Be-
dürfnisse wie Nahrung und Kleidung dargeboten haben, oder mögen
die Thiere, welche "nicht an den Boden gebannt, neben voller Freiheit
der Bewegung, die Gewalt der Stimme haben und zur Seite des
Menschen als mitthätige Geschöpfe in dem Stillleben einer gleichsam
leidenden Pflanzenwelt auftreten"1), ihn durch die Mannichfaltigkeit
ihrer Lebensäußerungen zum neugierigen Beobachten oder auch zur Ab-
wehr ihrer Angriffe angeregt haben, immer werden sich zu Worten füh-
rende Begriffe gebildet haben, welche entweder den sinnlichen Eindrücken
entsprechend oder über diese hinausgehend zu den frühesten Besitzthü-
mern des Bewußtseins gehörten. Es wird dies schon in Zeiten ge-
schehen sein, wo nur wenig andere Beziehungen, wie etwa die des
Menschen zum Menschen, der Familienglieder zu einander, dem Vor-
stellungskreis des Menschen begrifflich eingereiht waren.

Dürfen wir den Ursprung einer Wissenschaft in die Zeit des ersten
Bekanntwerden mit dem Gegenstande derselben setzen, dann ist die Zoo-
logie wenn nicht die älteste doch eine der ältesten Wissenschaften. Frei-
lich enthält sie zunächst nichts als Kenntnisse einzelner Thierformen,

1) J. Grimm, Einleitung zum Reinhart Fuchs. S. I.
V. Carus, Gesch. d. Zool. 1
Einleitung.

Es iſt nicht anders zu erwarten, als daß der Menſch, welcher
mitten in die belebte Natur hineingeſtellt ſich als Theil derſelben fühlen
mußte, ſchon ſehr früh die Formen der Thiere, ihr Leben und Treiben,
ihr Vorkommen und ihre Verbreitung mit der größten Aufmerkſamkeit
und Hingebung betrachtet hat. Mag die Thierwelt ihm in ihren leichter
bezwingbaren Gliedern Mittel zur Befriedigung ſeiner materiellen Be-
dürfniſſe wie Nahrung und Kleidung dargeboten haben, oder mögen
die Thiere, welche „nicht an den Boden gebannt, neben voller Freiheit
der Bewegung, die Gewalt der Stimme haben und zur Seite des
Menſchen als mitthätige Geſchöpfe in dem Stillleben einer gleichſam
leidenden Pflanzenwelt auftreten“1), ihn durch die Mannichfaltigkeit
ihrer Lebensäußerungen zum neugierigen Beobachten oder auch zur Ab-
wehr ihrer Angriffe angeregt haben, immer werden ſich zu Worten füh-
rende Begriffe gebildet haben, welche entweder den ſinnlichen Eindrücken
entſprechend oder über dieſe hinausgehend zu den früheſten Beſitzthü-
mern des Bewußtſeins gehörten. Es wird dies ſchon in Zeiten ge-
ſchehen ſein, wo nur wenig andere Beziehungen, wie etwa die des
Menſchen zum Menſchen, der Familienglieder zu einander, dem Vor-
ſtellungskreis des Menſchen begrifflich eingereiht waren.

Dürfen wir den Urſprung einer Wiſſenſchaft in die Zeit des erſten
Bekanntwerden mit dem Gegenſtande derſelben ſetzen, dann iſt die Zoo-
logie wenn nicht die älteſte doch eine der älteſten Wiſſenſchaften. Frei-
lich enthält ſie zunächſt nichts als Kenntniſſe einzelner Thierformen,

1) J. Grimm, Einleitung zum Reinhart Fuchs. S. I.
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Zitationshilfe: Carus, Julius Victor: Geschichte der Zoologie bis auf Johannes Müller und Charles Darwin. München, 1872, S. [1]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_zoologie_1872/12>, abgerufen am 23.07.2019.