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Carus, Julius Victor: Geschichte der Zoologie bis auf Johannes Müller und Charles Darwin. München, 1872.

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Zoologische Kenntnisse des Alterthums.
Menschheit zahlreiche, hier nur in Andeutungen zu berührende Hin-
weise auf die Tiefe des Eindrucks, welchen die Thierwelt auf das em-
pfängliche Gemüth des Menschen gemacht hat14). Gemeinsam ist indeß
diesem mythologischen Auftreten der Thiere, daß sie hier gewissermaßen
nur in ihrer Gesammterscheinung verwerthet werden, ohne überall eine
eingehendere Beschäftigung mit allen kleinen Zügen ihres Wesens durch-
scheinen zu lassen.

3. Alter und Verbreitung der Thierfabel.

Wird sich auch nicht läugnen lassen, daß die als Attribute von
Gottheiten oder als lebendige Abbilder von Naturgewalten mit einer
weihevollen Stimmung betrachteten Thiere ebenso wie die Opferthiere
einen bestimmten Einfluß auf das zoologische Bewußtsein des Men-
schen, wenn der Ausdruck gestattet ist, geäußert haben werden, so ist in
der Thierfabel ein ungleich bedeutungsvollerer Schatz wirklicher
Beobachtungen enthalten, welcher nicht bloß das Thier nach der allge-
meinen Wirkung seiner Erscheinung und seines Auftretens in der Natur
darstellt, sondern auf eine häufig in's Einzelne gehende Kenntniß seiner
körperlichen und besonders seiner geistigen Eigenschaften hinweist.

Zwar liegt auch der Thierfabel, und namentlich der weiter ent-
wickelten Form derselben, dem Thierepos, jene poetische Anschmiegung
an alles Natürliche zu Grunde, welche in dem reizvollen, dem mensch-
lichen ähnlich wechselvollen Leben der Thiere einen wirklichen Hinter-
grund und stets neue Nahrung fand15). Es lebte ja für die dichterische
Einbildungskraft der Menschen die ganze Natur. Der Wald selbst
wurde in der finnischen Götterlehre zu einer Person, Tapio. Die
Thiere des Waldes stehen unter dem Schutze oder auch der Zucht be-

14) Für Weiteres verweise ich auf Jac. Grimm's Deutsche Mythologie
3. Aufl. 2. Bd. S. 620-660. ferner: A. Bastian, Das Thier in seiner mytho-
logischen Bedeutung. in: Bastian u. Hartmann's Zeitschrift für Ethnologie.
1. Jahrg. 1. Heft. 1869. S. 45-66.
15) Vergl. L. Uhland, Schriften zur Geschichte der Dichtung und Sage
3. Bd. (Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder. 2. Bd. Abhandlung.) Stuttgart,
1866.

Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums.
Menſchheit zahlreiche, hier nur in Andeutungen zu berührende Hin-
weiſe auf die Tiefe des Eindrucks, welchen die Thierwelt auf das em-
pfängliche Gemüth des Menſchen gemacht hat14). Gemeinſam iſt indeß
dieſem mythologiſchen Auftreten der Thiere, daß ſie hier gewiſſermaßen
nur in ihrer Geſammterſcheinung verwerthet werden, ohne überall eine
eingehendere Beſchäftigung mit allen kleinen Zügen ihres Weſens durch-
ſcheinen zu laſſen.

3. Alter und Verbreitung der Thierfabel.

Wird ſich auch nicht läugnen laſſen, daß die als Attribute von
Gottheiten oder als lebendige Abbilder von Naturgewalten mit einer
weihevollen Stimmung betrachteten Thiere ebenſo wie die Opferthiere
einen beſtimmten Einfluß auf das zoologiſche Bewußtſein des Men-
ſchen, wenn der Ausdruck geſtattet iſt, geäußert haben werden, ſo iſt in
der Thierfabel ein ungleich bedeutungsvollerer Schatz wirklicher
Beobachtungen enthalten, welcher nicht bloß das Thier nach der allge-
meinen Wirkung ſeiner Erſcheinung und ſeines Auftretens in der Natur
darſtellt, ſondern auf eine häufig in’s Einzelne gehende Kenntniß ſeiner
körperlichen und beſonders ſeiner geiſtigen Eigenſchaften hinweiſt.

Zwar liegt auch der Thierfabel, und namentlich der weiter ent-
wickelten Form derſelben, dem Thierepos, jene poetiſche Anſchmiegung
an alles Natürliche zu Grunde, welche in dem reizvollen, dem menſch-
lichen ähnlich wechſelvollen Leben der Thiere einen wirklichen Hinter-
grund und ſtets neue Nahrung fand15). Es lebte ja für die dichteriſche
Einbildungskraft der Menſchen die ganze Natur. Der Wald ſelbſt
wurde in der finniſchen Götterlehre zu einer Perſon, Tapio. Die
Thiere des Waldes ſtehen unter dem Schutze oder auch der Zucht be-

14) Für Weiteres verweiſe ich auf Jac. Grimm’s Deutſche Mythologie
3. Aufl. 2. Bd. S. 620-660. ferner: A. Baſtian, Das Thier in ſeiner mytho-
logiſchen Bedeutung. in: Baſtian u. Hartmann’s Zeitſchrift für Ethnologie.
1. Jahrg. 1. Heft. 1869. S. 45-66.
15) Vergl. L. Uhland, Schriften zur Geſchichte der Dichtung und Sage
3. Bd. (Alte hoch- und niederdeutſche Volkslieder. 2. Bd. Abhandlung.) Stuttgart,
1866.
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[18/0029] Zoologiſche Kenntniſſe des Alterthums. Menſchheit zahlreiche, hier nur in Andeutungen zu berührende Hin- weiſe auf die Tiefe des Eindrucks, welchen die Thierwelt auf das em- pfängliche Gemüth des Menſchen gemacht hat 14). Gemeinſam iſt indeß dieſem mythologiſchen Auftreten der Thiere, daß ſie hier gewiſſermaßen nur in ihrer Geſammterſcheinung verwerthet werden, ohne überall eine eingehendere Beſchäftigung mit allen kleinen Zügen ihres Weſens durch- ſcheinen zu laſſen. 3. Alter und Verbreitung der Thierfabel. Wird ſich auch nicht läugnen laſſen, daß die als Attribute von Gottheiten oder als lebendige Abbilder von Naturgewalten mit einer weihevollen Stimmung betrachteten Thiere ebenſo wie die Opferthiere einen beſtimmten Einfluß auf das zoologiſche Bewußtſein des Men- ſchen, wenn der Ausdruck geſtattet iſt, geäußert haben werden, ſo iſt in der Thierfabel ein ungleich bedeutungsvollerer Schatz wirklicher Beobachtungen enthalten, welcher nicht bloß das Thier nach der allge- meinen Wirkung ſeiner Erſcheinung und ſeines Auftretens in der Natur darſtellt, ſondern auf eine häufig in’s Einzelne gehende Kenntniß ſeiner körperlichen und beſonders ſeiner geiſtigen Eigenſchaften hinweiſt. Zwar liegt auch der Thierfabel, und namentlich der weiter ent- wickelten Form derſelben, dem Thierepos, jene poetiſche Anſchmiegung an alles Natürliche zu Grunde, welche in dem reizvollen, dem menſch- lichen ähnlich wechſelvollen Leben der Thiere einen wirklichen Hinter- grund und ſtets neue Nahrung fand 15). Es lebte ja für die dichteriſche Einbildungskraft der Menſchen die ganze Natur. Der Wald ſelbſt wurde in der finniſchen Götterlehre zu einer Perſon, Tapio. Die Thiere des Waldes ſtehen unter dem Schutze oder auch der Zucht be- 14) Für Weiteres verweiſe ich auf Jac. Grimm’s Deutſche Mythologie 3. Aufl. 2. Bd. S. 620-660. ferner: A. Baſtian, Das Thier in ſeiner mytho- logiſchen Bedeutung. in: Baſtian u. Hartmann’s Zeitſchrift für Ethnologie. 1. Jahrg. 1. Heft. 1869. S. 45-66. 15) Vergl. L. Uhland, Schriften zur Geſchichte der Dichtung und Sage 3. Bd. (Alte hoch- und niederdeutſche Volkslieder. 2. Bd. Abhandlung.) Stuttgart, 1866.

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Zitationshilfe: Carus, Julius Victor: Geschichte der Zoologie bis auf Johannes Müller und Charles Darwin. München, 1872, S. 18. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/carus_zoologie_1872/29>, abgerufen am 16.07.2019.