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Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899.

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EINLEITENDES


Mit dieser Abteilung betreten wir ein andres Feld: das eigentlichLeitende
Grundsätze.

historische. Freilich waren auch das Erbe des Altertums und die
Erben Erscheinungen in der Geschichte, doch konnten wir diese Er-
scheinungen gewissermassen herauslösen und sie somit zwar im Lichte
der Geschichte betrachten, nichtsdestoweniger aber nicht historisch.
Fortan handelt es sich in diesem Buche um Aufeinanderfolgen und
Entwickelungsprozesse, also um Geschichte. Eine gewisse Überein-
stimmung in der Methode wird sich trotzdem daraus ergeben, dass,
ähnlich, wie wir früher im Strome der Zeit das Beharrende erblickten,
wir nunmehr aus der unübersehbaren Menge der vorübereilenden Er-
eignisse nur einzelne Punkte herauswählen werden, denen bleibende,
heute noch wirksame, also gewissermassen "beharrende" Bedeutung zu-
kommt. Der Philosoph könnte einwenden, jeder Impuls, auch der
kleinste, wirke durch die Ewigkeit weiter; doch lässt sich darauf er-
widern, dass in der Geschichte fast jede einzelne Kraft ihre individuelle
Bedeutung sehr bald verliert und dann nur den Wert einer Komponente
unter unzählbaren, unsichtbaren, in Wahrheit nur ideell noch vorhan-
denen anderen Komponenten besitzt, während eine einzige grosse Resul-
tante als wahrnehmbares Ergebnis der vielen widerstrebenden Kräfte-
äusserungen übrig bleibt. Nun aber -- um den mechanischen Vergleich
festzuhalten -- verbinden sich diese resultierenden Kraftlinien wiederum
zu neuen Kräfteparallelogrammen und erzeugen neue, grössere, augen-
fälligere, in die Geschichte der Menschheit tiefer eingreifende Ereignisse,
von bleibenderer Bedeutung -- -- -- und das geht so weiter, bis
gewisse Höhepunkte der Kraftäusserung erreicht sind, welche nicht
überschritten werden. Einzig die höchsten dieser Gipfelpunkte sollen
uns hier beschäftigen. Die geschichtlichen Thatsachen darf ich von nun
an erst recht als bekannt voraussetzen; hier handelt es sich also

EINLEITENDES


Mit dieser Abteilung betreten wir ein andres Feld: das eigentlichLeitende
Grundsätze.

historische. Freilich waren auch das Erbe des Altertums und die
Erben Erscheinungen in der Geschichte, doch konnten wir diese Er-
scheinungen gewissermassen herauslösen und sie somit zwar im Lichte
der Geschichte betrachten, nichtsdestoweniger aber nicht historisch.
Fortan handelt es sich in diesem Buche um Aufeinanderfolgen und
Entwickelungsprozesse, also um Geschichte. Eine gewisse Überein-
stimmung in der Methode wird sich trotzdem daraus ergeben, dass,
ähnlich, wie wir früher im Strome der Zeit das Beharrende erblickten,
wir nunmehr aus der unübersehbaren Menge der vorübereilenden Er-
eignisse nur einzelne Punkte herauswählen werden, denen bleibende,
heute noch wirksame, also gewissermassen »beharrende« Bedeutung zu-
kommt. Der Philosoph könnte einwenden, jeder Impuls, auch der
kleinste, wirke durch die Ewigkeit weiter; doch lässt sich darauf er-
widern, dass in der Geschichte fast jede einzelne Kraft ihre individuelle
Bedeutung sehr bald verliert und dann nur den Wert einer Komponente
unter unzählbaren, unsichtbaren, in Wahrheit nur ideell noch vorhan-
denen anderen Komponenten besitzt, während eine einzige grosse Resul-
tante als wahrnehmbares Ergebnis der vielen widerstrebenden Kräfte-
äusserungen übrig bleibt. Nun aber — um den mechanischen Vergleich
festzuhalten — verbinden sich diese resultierenden Kraftlinien wiederum
zu neuen Kräfteparallelogrammen und erzeugen neue, grössere, augen-
fälligere, in die Geschichte der Menschheit tiefer eingreifende Ereignisse,
von bleibenderer Bedeutung — — — und das geht so weiter, bis
gewisse Höhepunkte der Kraftäusserung erreicht sind, welche nicht
überschritten werden. Einzig die höchsten dieser Gipfelpunkte sollen
uns hier beschäftigen. Die geschichtlichen Thatsachen darf ich von nun
an erst recht als bekannt voraussetzen; hier handelt es sich also

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[[535]/0014] EINLEITENDES Mit dieser Abteilung betreten wir ein andres Feld: das eigentlich historische. Freilich waren auch das Erbe des Altertums und die Erben Erscheinungen in der Geschichte, doch konnten wir diese Er- scheinungen gewissermassen herauslösen und sie somit zwar im Lichte der Geschichte betrachten, nichtsdestoweniger aber nicht historisch. Fortan handelt es sich in diesem Buche um Aufeinanderfolgen und Entwickelungsprozesse, also um Geschichte. Eine gewisse Überein- stimmung in der Methode wird sich trotzdem daraus ergeben, dass, ähnlich, wie wir früher im Strome der Zeit das Beharrende erblickten, wir nunmehr aus der unübersehbaren Menge der vorübereilenden Er- eignisse nur einzelne Punkte herauswählen werden, denen bleibende, heute noch wirksame, also gewissermassen »beharrende« Bedeutung zu- kommt. Der Philosoph könnte einwenden, jeder Impuls, auch der kleinste, wirke durch die Ewigkeit weiter; doch lässt sich darauf er- widern, dass in der Geschichte fast jede einzelne Kraft ihre individuelle Bedeutung sehr bald verliert und dann nur den Wert einer Komponente unter unzählbaren, unsichtbaren, in Wahrheit nur ideell noch vorhan- denen anderen Komponenten besitzt, während eine einzige grosse Resul- tante als wahrnehmbares Ergebnis der vielen widerstrebenden Kräfte- äusserungen übrig bleibt. Nun aber — um den mechanischen Vergleich festzuhalten — verbinden sich diese resultierenden Kraftlinien wiederum zu neuen Kräfteparallelogrammen und erzeugen neue, grössere, augen- fälligere, in die Geschichte der Menschheit tiefer eingreifende Ereignisse, von bleibenderer Bedeutung — — — und das geht so weiter, bis gewisse Höhepunkte der Kraftäusserung erreicht sind, welche nicht überschritten werden. Einzig die höchsten dieser Gipfelpunkte sollen uns hier beschäftigen. Die geschichtlichen Thatsachen darf ich von nun an erst recht als bekannt voraussetzen; hier handelt es sich also Leitende Grundsätze.

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Zitationshilfe: Chamberlain, Houston Stewart: Die Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 2. München 1899, S. [535]. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/chamberlain_grundlagen02_1899/14>, abgerufen am 22.01.2021.