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Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Erster Theil. Leipzig, 1804.

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Anmerk. 2. Die Buchstaben, sowohl die Selbstlauter p1c_346.002
als die Mitlauter, haben bekanntlich ein Verhältniß p1c_346.003
zur Musik. Die Vokale geben eine natürliche Tonleiter, p1c_346.004
welche die Höhe und Tiefe des Tons bezeichnet. U ist der p1c_346.005
tiefste Ton, I der höchste. Da das eigentliche Musikalische p1c_346.006
ein beständiges Werden des Tones ausdrückt, so werden p1c_346.007
auch die Gränzen der Tonleiter u und i nicht so musikalisch p1c_346.008
seyn, als die Töne, welche zwischen diesen Gränzen schweben. p1c_346.009
Dies ist der Grund, warum kein Componist den Sänger p1c_346.010
zu lang auf u und i verweilen läßt. o und a liegen über dem p1c_346.011
u am nächsten und zeigen das Beginnen der Töne am besten. p1c_346.012
Daher werden sie auch die vorzüglich musikalischen seyn. p1c_346.013
Eine Sprache, deren Worte häufig o und a haben, ist also p1c_346.014
musikalisch wohllautender, als andre. Dies ist schon ein p1c_346.015
Grund, warum das Griechische und Jtalienische vorzüglich p1c_346.016
wohllautend ist. Der Götterton o, wie ihn vermuthlich p1c_346.017
aus ähnlicher Ursache die neuern Schöpfer einer Declamationstheorie p1c_346.018
genannt haben, ist in beyden Sprachen vorzüglich p1c_346.019
zu finden, wie auch im Spanischen. Besonders die p1c_346.020
Umbiegung der Worte, Declination und Conjugation, p1c_346.021
kommt hier in Anschlag. Der Genetivus und Dativus Plural. p1c_346.022
hat im Griechischen häufig o, oder ist aus o entstanden. p1c_346.023
Und was kommt häufiger vor als diese Casus? Das Lateinische p1c_346.024
hingegen hat ein bloßes i in diesen Fällen, und das p1c_346.025
Deutsche ein e, mit dem wir schon an der Gränze der Tonleiter p1c_346.026
stehen. Die Conjugation hat im Griechischen, Lateinischen, p1c_346.027
Jtalienischen o, im Deutschen, Französischen, Englischen p1c_346.028
e. Das Jtalienische hat aus dem us der Lateiner o

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Zitationshilfe: Clodius, Christian August Heinrich: Entwurf einer systematischen Poetik nebst Collectaneen zu ihrer Ausführung. Erster Theil. Leipzig, 1804, S. 346. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/clodius_poetik01_1804/404>, abgerufen am 21.10.2019.